10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Ma Jian  [ China ]

Biographie

Portrait Ma
Copyright Ma Jian / C. Flora Drew

Gast des ilb 2014, 2015, 2017.

Bibliographie

The Noodle Maker

Chatto & Windus

London, 2004

[engl. Ü: Flora Drew]

Stick Out Your Tongue

Chatto & Windus

London, 2006

[engl. Ü: Flora Drew]

Peking-Koma

Rowohlt

Reinbek, 2009

[Ü: Susanne Höbel]

Red Dust

Drei Jahre unterwegs durch China

SchirmerGraf

München, 2009

[Ü: Barbara Heller]

Die dunkle Straße

Rowohlt

Reinbek, 2015

[Ü: Susanne Höbel]

Ma Jian wurde 1953 in der Hafenstadt Qingdao in der chinesischen Provinz Shandong geboren. Er arbeitete in einer Chemiefabrik und zog dann nach Peking, wo er als Fotojournalist für ein staatliches Magazin tätig war. Hier schloss er sich einer experimentellen Künstlergruppe an und organisierte geheime Ausstellungen seiner Gemälde. Nachdem seine Kunstwerke von der Polizei konfisziert worden waren, gab er seinen Job auf und reiste drei Jahre durch China und Tibet.

Zurück in Peking, schrieb er die von seinen Reisen inspirierte Novelle »Stick Out Your Tongue« (1986; Ü: Streck deine Zunge raus). Das Schreiben, so sagte er später, habe es ihm ermöglicht, seine Weltsicht deutlicher auszudrücken als mit der bildenden Kunst. Kurz nach Erscheinen verurteilte die Regierung die Novelle als ein Werk des »bürgerlichen Realismus«, vernichtete die gesamte Auflage und sprach ein Veröffentlichungsverbot aus. Ma Jian zog nach Hongkong, um in Freiheit schreiben zu können, und gründete den Verlag New Era und das Literaturmagazin »Trends« als Plattformen für in China verbotene Texte. Nach der Übergabe der Staatshoheit an China 1997 unterrichtete er Chinesische Literaturgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum und zog 1999 mit seiner Frau Flora Drew, die seine Texte ins Englische überträgt, nach London. Obwohl seit 1987 alle seine Werke in China verboten sind, kehrte er regelmäßig dorthin zurück und verbrachte jedes Jahr viele Monate in Peking, bis ihm schließlich 2011 die Einreise verweigert wurde. In seinem 900-Seiten-Roman »Peking-Koma« (engl. 2008; dt. 2009) erzählt er vom Tian’anmen-Massaker 1989 und den darauffolgenden Jahren der Repression aus Sicht eines Studenten, der durch eine Kopfverletzung ins Koma gefallen ist. Seine Bücher konzipiert Ma Jian meist ausgehend von einem einprägsamen Bild. Im Fall von »Peking-Koma« ist es das eines Sperlings, der auf dem Arm eines komatösen Mannes nistet; bei seinem jüngsten Roman »The Dark Road« (2013, dt. »Die dunkle Straße«, 2015) über die brutale Durchsetzung der Ein-Kind-Politik ist es eine schwangere Frau, die in einem maroden Kahn den Jangtsekiang hinuntertreibt. Vor dem Hintergrund monatelanger Recherchen im chinesischen Hinterland lenkt Ma Jian den Blick in plastischen Beschreibungen auf die Millionen, die abseits des Wirtschaftsbooms leben.

Aufgrund seiner Forderungen nach freier Meinungsäußerung und der Entlassung politischer Gefangener sind die Werke von Ma Jian seit dreißig Jahren in China verboten, wurden jedoch in zahlreiche Sprachen übersetzt. Als einer der führenden chinesischen Schriftsteller anerkannt, wurde er u.~a. mit dem Thomas Cook Travel Book Award (2002) für »Red Dust. Drei Jahre unterwegs in China« (dt. 2009), dem China Free Culture Prize (2009), dem TR Fyvel Book Award der Organisation Index on Censorship (2009) sowie dem Athens Prize for Literature (2010) ausgezeichnet. Ma Jian lebt in London und ist 2017 Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.

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