10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Jón Gnarr  [ Island ]

Biographie

Gnarr, portrait
Copyright Teitur Jonasson

Gast des ilb 2017.

Bibliographie

Miðnætursólborgin

Smekkleysa

Reykjavík, 1989

Sjóræninginn

Skálduð ævisaga

Mál og menning

Reykjavík, 2012

Indianer und Pirat

Klett-Cotta

Stuttgart, 2015

[Ü: Tina Flecken u. Betty Wahl]

Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!!

Wie ich einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte

[mit Jóhann Ævar Grímsson]

Klett-Cotta

Stuttgart 2014

[Ü: Betty Wahl]

Der Outlaw

Eine isländische Jugend am Rand der Gesellschaft

Klett-Cotta

Stuttgart, 2017

[Ü: Tina Flecken]

Der isländische Komiker, Musiker und Schriftsteller Jón Gnarr (eigentlich Jón Gunnar Kristinsson) wurde 1967 in Reykjavík als Sohn eines Polizisten und einer Arbeiterin geboren. Mit 14~Jahren verließ er ohne Abschluss eine Schule ohne Klassensystem oder Noten und wurde in eine Erziehungsanstalt ins abgelegene Westisland geschickt, ein Internat für schwer erziehbare Jugendliche. Er ging verschiedenen Gelegenheitsjobs nach und arbeitete u.~a. in einem Heim für geistig und körperlich Behinderte. Mit 19~Jahren verfasste er seinen ersten Roman »Miðnætursólborgin« (1989; Ü: Die Stadt der Mitternachtssonne).

Im ersten Teil seiner fiktiven Autobiografie »Indjáninn. Skálduð ævisaga« (2006; dt. »Indianer und Pirat«, 2015) schildert er die Schwierigkeiten seiner Kindheit: die Probleme mit dem Schulsystem, die Auseinandersetzungen mit seinen überforderten Eltern, seine Vorliebe für Punk und Anarchismus. Seine Beschreibungen sind höchst emotional und kritisieren sowohl das Schulsystem, das nicht individuell auf die Bedürfnisse der Kinder eingehe und sie lediglich drillen wolle, als auch die frühzeitige Kategorisierung von Menschen: »Fantasie ist mindestens genauso wichtig wie Mathematik. Der Neandertaler war stark und konnte auch gut rechnen. Doch er starb aus, weil ihm die Fantasie fehlte.« 2012 setzte er dieses autobiografische Projekt mit »Sjóræninginn. Skálduð ævisaga« (Ü: Der Seeräuber) fort. In seiner jüngsten Publikation »Útlaginn« (2015; dt. »Der Outlaw«, 2017) greift Gnarr noch einmal das Thema seiner schwierigen Teenagerzeit auf. Im Internat für Schwererziehbare ist er Willkür und Gewalt ausgesetzt, flieht in die Welt der Punkmusik und versucht, durch Mut und Willenskraft sein Leben zurückzuerobern.

Anfang der 1990er Jahre begann Gnarr seine Karriere als Komiker: Einmal wöchentlich schrieb er für das öffentlich-rechtliche Radio eine Sitcom über einen isländischen Automechaniker, der aus Liebe zu VW in Deutschland das »Hotel Volkswagen« eröffnet. Später arbeitete er für einen Privatsender, für den er jeden Morgen fingierte Interviews führte, und trat außerdem in Fernseh- und Filmproduktionen auf. Außerdem spielte Jón Gnarr in der Punkrockband Nefrennsli den Bass.

Nach dem Zusammenbruch des Bankensystems im Herbst 2008 gründete Gnarr mit Freunden aus der Kunst- und Musikszene die »Besti flokkurinn« (Ü: Die beste Partei) und versprach beispielweise einen Eisbären für den Zoo, offene statt verdeckter Korruption oder kostenlose Handtücher in allen Schwimmbädern. Beim Wahlkampf in seiner Heimatstadt 2010 wurde er mit 34,7~Prozent ins Stadtparlament gewählt und war bis 2014 Bürgermeister von Reykjavík. Über seine Amtszeit schrieb er das Buch »Hören Sie gut zu und wiederholen Sie!!! Wie ich einmal Bürgermeister wurde und die Welt veränderte« (2014).

2014 zeigte das österreichische Fernsehen Günter Schilhans Dokumentarfilm über Jón Gnarr. Der Autor lebt in Reykjavík.

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