10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Boris Chersonskij  [ Ukraine ]

Biographie

Chersonskij, Portrait
Copyright Boris Chersonskij / C. privat)

Gast des ilb 2017.

Bibliographie

Vos’ma častka

Odesskij vestnik

Odessa, 1993

Familienarchiv

Wieser

Klagenfurt, 2010

[Ü: Erich Klein u. Susanne Macht]

Mramornyj list

ARGO-RISK

Moskau, 2009

Missa in tempore belli/Messa vo vremena vojny

Iwan Limbach

Sankt Petersburg, 2014

Kaby ne raduga

Folio

Charkiv, 2015

Otkrytyj dnevnyk

Duch i litera

Kiew, 2015

Vspyška Sverchnovoj

Roždestvenskie stichi

Duch i litera

Kiew, 2017

Boris Chersonskij

Boris Grigorowitsch Chersonskij wurde 1950 in Czernowitz, Ukraine, geboren und studierte Medizin in Iwano-Frankiwsk sowie Odessa. Danach arbeitete er zunächst als Nervenarzt, bevor er Psychologe und Psychiater an der Landesklinik von Odessa wurde. Ab 1996 war Chersonskij am Lehrstuhl für Psychologie der National-Universität Odessa tätig; 1999 wechselte er an den Lehrstuhl für klinische Psychologie. Neben wissenschaftlichen Veröffentlichungen, u.~a. zur Tiefenpsychologie sowie zu Familienkonflikten, folgte Chersonskij auch der schriftstellerischen Familientradition, die zuvor sein Großvater, der als Kinder-Nervenarzt unter dem Pseudonym »Ro« satirische Verse verfasst hatte, begründet und sein Vater Grigorij Chersonskij weitergeführt hatte, der 1949 und 2004 Lyrikbände veröffentlichte.

Boris Chersonskij publizierte seine ersten Gedichte bereits während des Studiums. Vor und während der Perestroika war er Teil der Samisdat-Bewegung, die alternative, nicht systemkonforme Literatur auf nichtoffiziellen Kanälen verbreitete. Seine Werke wurden sowohl in der lokalen Presse in Odessa als auch im Ausland in Literaturzeitschriften und -anthologien abgedruckt. Offiziell gab Chersonskij 1993 mit »Vos’ma častka« (Ü: Der achte Teil) sein literarisches Debüt. Vier Jahre später veröffentlichte er »Semejnyj Archiv«, eine Erzählung in Gedichtform, die 2010 unter dem Titel »Familienarchiv« auch auf Deutsch erschien. Der Autor erzählt darin eine russisch-jüdische Familiengeschichte entlang den Tragödien des 20.~Jahrhunderts. Eine Kritik in der Zeitung »Falter« verglich Chersonskijs Werk mit dem Versroman »Eugen Onegin« (1825) des russischen Dichters Alexander Puschkin: »Die reimlosen Verse gehen bisweilen bis ins kleinste Alltagsdetail, dann wieder weiten sie sich zu philosophischen Reflexionen in aphoristischer Kürze.« Der Einfluss von Chersonskijs Tätigkeit als Psychologe zeigt sich nicht nur in seinen klaren poetischen Diagnosen, sondern auch darin, dass er den Menschen ins Zentrum seiner Dichtung stellt. Zahlreichen weiteren Veröffentlichungen folgte 2014 der Lyrikband »Missa in tempore belli / Messa vo vremena vojny« (Ü: Messe in Zeiten des Krieges), in dem Chersonskij seine Eindrücke von der Maidan-Revolution verarbeitete. Ein Jahr später erschien mit »Otkrytyj dnevnyk« ein »offenes Tagebuch« über die Ukraine-Krise mit besonderem Blick auf Odessa. Im Februar 2015 sagte er in einem Interview, er würde nicht in Odessa bleiben, wenn die Stadt besetzt wäre. Am Abend desselben Tages ereignete sich vor seinem Haus ein Terroranschlag.

Für sein literarisches Schaffen wurde Chersonskij vielfach geehrt, u.~a. mit dem Preis des »Kievskie lavry«-Poesiefestivals (2008) sowie mit dem Sonderpreis der Jury beim Literaris-Preis für osteuropäische Literatur (2010). Der Autor lebt in Odessa.

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