10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Shumona Sinha  [ Indien, Frankreich ]

Biographie

Portrait Sinha
© Patrice Normand

Gast des ilb 2016.

Bibliographie

Fenêtre sur l’abîme

Éditions de la Différence

Paris, 2008

Erschlagt die Armen!

Edition Nautilus

Hamburg, 2015

[Ü: Lena Müller]

Kalkutta

Edition Nautilus

Hamburg, 2016

[Ü: Lena Müller]

Shumona Sinha wurde 1973 in Kalkutta geboren. Aufgewachsen in einer literaturbegeisterten Akademikerfamilie, begann sie bereits als Jugendliche zu schreiben und wurde 1990 als beste junge Dichterin Bengalens ausgezeichnet. 2001 zog sie nach Paris, wo sie an der Sorbonne Literaturwissenschaft studierte und nebenher zunächst als Englischlehrerin an weiterführenden Schulen arbeitete. Ab 2009 war sie als Dolmetscherin im Amt für Flüchtlinge und Staatenlose angestellt, wurde dort allerdings nach Erscheinen ihres preisgekrönten Romans »Assommons les pauvres!« (2011; dt. »Erschlagt die Armen!«, 2015) entlassen.

Der autobiografische Zugang Sinhas und ihre zornige und zugleich poetische Sprache charakterisieren bereits ihren Debütroman »Fenêtre sur l’abîme« (2008; Ü: Fenster über dem Abgrund). In der Geschichte einer in Paris studierenden Bengalin, die durch die Heirat mit einem berühmten Professor gesellschaftlich aufsteigt, sich damit aber zugleich der Monotonie einer bürgerlichen Ehe aussetzt, seziert die Autorin die sozialen Codes der westlichen Gesellschaft und die kulturelle Zerrissenheit einer jungen immigrierten Frau. Mit ihrem zweiten Roman, dessen Titel »Erschlagt die Armen!« Sinha dem gleichnamigen Prosagedicht Charles Baudelaires entlehnt hat, sorgte die Autorin international für Aufsehen. Die Erzählerin, Dolmetscherin einer französischen Asylbehörde, hat in der Pariser Metro einen Migranten mit einer Weinflasche geschlagen und muss nun auf der Polizeiwache ihre Tat rechtfertigen. Voller Wut entlarvt die einst selbst als Einwanderin ins Land gekommene Frau das unmenschliche Asylsystem als »Lügenfabrik«. Während die hiesigen Beamten zu systematischem Misstrauen erzogen würden, sähen sich die Migranten dazu genötigt, immer drastischere Geschichten von Gewalt und Verfolgung zu erfinden, um das streng reglementierte Aufenthaltsrecht zu erlangen. »Ein großartiger Roman, bilderreich, aggressiv, witzig und hochintelligent, ein Antidot zu allen Predigttexten zum Thema Migration, ein hochpolitisches Plädoyer für einen anderen Umgang mit dem Thema Asyl«, urteilte die »Süddeutsche Zeitung«. In ihrem jüngsten Prosawerk »Calcutta« (2014; dt. »Kalkutta«, 2016) widmet sich die Autorin, die neben ihren Romanen auch mehrere Gedichtbände verfasst hat, der politischen Vergangenheit ihres Herkunftslandes. Die Protagonistin Trisha kehrt zurück in ihre Geburtsstadt Kalkutta. Dort rekonstruiert sie anhand des Werdegangs mehrerer Generationen ihrer Familie auch die bewegte Geschichte Westbengalens seit der Kolonialzeit.

Shumona Sinha wurde bereits mehrfach ausgezeichnet. Für »Erschlagt die Armen!« erhielt sie den Prix Eugéne Dabit du roman populiste und den Prix Valery-Larbaud. Der Roman stand 2014 auf der Shortlist des Prix Renaudot und des Prix Médicis und wurde 2016 mit dem Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt, Berlin, ausgezeichnet. Die Autorin lebt in Paris.

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