10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
Sie sind hier: Startseite / Archiv / Teilnehmer / / 2016 / Ivana Sajko

Ivana Sajko  [ Kroatien ]

Biographie

Portrait Ivana Sajko
© Hassan Abdelghani

Gast des ilb 2016.

Bibliographie

Archetyp: Medea/Bombenfrau/Europa

Verlag der Autoren

Frankfurt a. M., 2008

[Ü: Alida Bremer]

Rio Bar

Matthes & Seitz

Berlin, 2008

[Ü: Alida Bremer]

Trilogie des Ungehorsams

Drei Einakter

Verlag der Autoren

Frankfurt a. M., 2012

[Ü: Alida Bremer]

Ljubavni roman

Meandar

Zagreb, 2015

Auf dem Weg zum Wahnsinn (und zur Revolution)

Matthes & Seitz

Berlin, 2015

[Ü: Alida Bremer]

Ivana Sajko wurde 1975 in Zagreb, Kroatien, geboren. Dort absolvierte sie zunächst ein Bachelorstudium in Dramaturgie an der Akademie für Schauspielkunst, dem dann ein Magisterstudium in Literatur an der Philosophischen Fakultät folgte.

1998 erhielt sie für ihr Debüt »Orange in den Wolken« gleich den Kroatischen Staatspreis für Dramentexte, der ihr für ihre Arbeit später noch mehrmals verliehen wurde. 2004 und 2005 wurde Sajko zudem mit dem Kroatischen Theaterpreis gewürdigt. Mit ihrer Performancegruppe Bad Company erforschte sie von 2000 bis 2005 die Dramaturgie des Tanzes und widmete sich im Anschluss wieder dem Schreiben von Theaterstücken und Prosatexten. Wie ihre Erfahrungen mit körperlichem Ausdruck auch ihre literarische Arbeit beeinflussten, beschrieb Sajko in einem Interview mit der Feststellung, es sei ihr wichtig, »denjenigen, der meinen Text liest, zu berühren, und zwar im Sinne einer körperlichen Berührung, so wie es beim Tanz geschieht«. Dass die darstellende Person nicht hinter den Text zurücktreten soll, sondern im Gegenteil mit diesem interagieren und ihn in der Performance ausstellen, wie etwa in dem Stück »Bombenfrau« (2008) über die letzten 12~Minuten und 36~Sekunden einer Selbstmordattentäterin, zeigte Sajko selbst in einer Vorführung, als sie ihr Publikum dadurch herausforderte, dass sie die Zeit nur Sekunde für Sekunde herunterzählte. Auch in »Europa« und »Archetyp: Medea«, die in einem Sammelband mit »Bombenfrau« beim Verlag der Autoren erschienen, bietet die Autorin einen ungefilterten Zugang zum Gedankenstrom weiblicher Figuren. Wichtiger als die Inhalte sind ihr dabei die Form, also das Wie ihres Schreibens, nicht das Was, und das Aufheben der Grenzen zwischen fiktiver und realer Welt. Entsprechend heißt ihr erster, preisgekrönter Roman »Rio Bar«, da er in einer Bar mit diesem Namen verfasst wurde, und thematisiert den Prozess seines Entstehens. Der Unmöglichkeit, das Phänomen Krieg aus einer Perspektive heraus zu fassen, wird in »acht Monologen für acht Schauspielerinnen in weißen Hochzeitskleidern« durch eine Polyphonie der Stimmen begegnet, die Erfahrungen von Gewalt und Ohnmacht (mit)teilen, die wieder über den Körper gehen und erst verstanden werden können, wenn sie gespürt wurden. Dazu passend bleiben Verweise auf die realen Ereignisse im Balkankonflikt nur Fußnoten. 2015 schrieb Sajko nicht nur das Buch »Ljubavni roman« (Ü: Liebesroman), sondern publizierte zudem auf Deutsch den Essay »Auf dem Weg zum Wahnsinn (und zur Revolution)«, ein Manifest ihres Verständnisses von Literatur als Kunst, die den Kontakt zur Wirklichkeit nicht nur hält, sondern vom Leser einfordert. Der Erschütterung durch die Lektüre sollen Taten folgen, denn »ein Gedanke ist nur dann richtig, wenn er uns von den erwarteten Richtungen ablenkt und uns dorthin führt, wo wir noch nicht waren«.

Ivana Sajko ist 2016/2017 Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.

abgelegt unter: