10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Viktor Jerofejew  [ Russland ]

Biographie

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© Hartwig Klappert

Gast des ilb 2006, 2010, 2013, 2014.

Bibliographie

Die Moskauer Schönheit

S. Fischer

Frankfurt a. M., 1990

[Ü: Beate Rausch]

Der gute Stalin

Berlin Verlag

Berlin, 2004

[Ü: Beate Rausch]

Russische Apokalypse

Berlin Verlag

Berlin, 2009

[Ü: Beate Rausch]

Die Akimuden

Ein nichtmenschlicher Roman

Hanser Berlin

Berlin, 2013

[Ü: Beate Rausch]

de profundis

In: Russland erzählt. E-Book-Bundle

eBook Berlin

Berlin, 2014

Viktor Jerofejew wurde 1947 in Moskau geboren. Sein Vater war als Dolmetscher u.~a. für Wjatscheslaw Molotow tätig, später auch als sowjetischer Botschafter in Frankreich. An der Lomonossow-Universität in Moskau studierte Jerofejew Philologie sowie Linguistik und promovierte 1975 mit einer Dissertation über Dostojewski und den französischen Existentialismus. 1979 wirkte er an der Zusammenstellung des Literaturalmanachs »Metropol« mit, bei dessen Präsentation es zu einem politischen Skandal kam, was den Ausschluss Jerofejews aus dem Schriftstellerverband der UdSSR zur Folge hatte. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab er den Almanach, den er als »Röntgenapparat, der die ganze Gesellschaft durchleuchtete«, bezeichnete, in einer Reihe von Anthologien neu heraus.

Mit doppelbödigem Humor schildert sein Romandebüt »Russkaja krasavica« (1989; dt. »Die Moskauer Schönheit«, 1990) den durch Naivität und Berechnung beförderten Aufstieg einer russischen Femme fatale aus der Provinz bis in die privilegierten Zirkel Moskaus. Die teils groteske Gesellschaftsanalyse avancierte auch international zum Bestseller. In »Choroschi Stalin« (2004; dt. »Der gute Stalin«, 2004) reflektierte Jerofejew die Machtstrukturen unter Stalin, insbesondere in der Entourage aus Beratern, Übersetzern und Diplomaten, zu der auch sein Vater gehörte. Die romanesk ausgestaltete Autobiografie illustriert letztlich, wie sich künstlerische und politische Freiheit gegenseitig bedingen. Das gegenwärtige Russland, als dessen provokanter Kritiker er oftmals in Erscheinung tritt – von seiner Teilnahme am russischen TV-Dschungelcamp bis hin zum Prozess der Gruppe Pussy Riot –, sezierte er in der Essaysammlung »Russkij apokalipsis« (2005; dt. »Russische Apokalypse«, 2009), die 55 seiner Texte über einen Zeitraum von 15 Jahren zu einer oft beißend kommentierten Chronik zusammenfasst. Jerofejews jüngstes Werk »Die Akimuden. Ein nichtmenschlicher Roman« (2013) kondensiert die »apokalyptischen« Beglaubigungen seiner Aufsätze zu einer satirischen und surrealen Polit-Parabel, angereichert durch diverse Spionage- und Liebesaffären. Während die Toten wiederauferstehen und für demografische Verwirrung sorgen, eskalieren die gespannten Beziehungen Russlands zu dem titelgebenden, fiktiven Staat. Auf burleske Weise übersteigert Jerofejew politische Mechanismen und lässt die diplomatischen Wirrungen in einer Kreuzigung auf dem Roten Platz münden. 2014 wurde seine Erzählung »de profundis« (Ü: Aus den Tiefen) über die Schönheit und Abgründe der russischen Seele in das E-Book-Bundle »Russland erzählt« mit aufgenommen.

Jerofejew ist auch als Moderator tätig und verfasst regelmäßig Essays, Kolumnen und Reportagen für die Feuilletons diverser internationaler Zeitungen, u.~a. für die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, »Die Zeit«, »Die Welt« und »New York Times Book Review«. Er lebt in Moskau.