10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Marcel Beyer  [ Deutschland ]

Biographie

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Marcel Beyer © Ali Ghandtschi

Gast des ilb 2014.

Bibliographie

Das Menschenfleisch

Suhrkamp Frankfurt a. M., 1991

Flughunde

Suhrkamp Frankfurt a. M., 1995

Kaltenburg

Suhrkamp Frankfurt a. M., 2008

Putins Briefkasten Acht Recherchen

SuhrkampBerlin, 2012

Graphit

SuhrkampBerlin, 2014

Marcel Beyer wurde 1965 im baden-württembergischen Tailfingen geboren und wuchs in Kiel und Neuss auf. In Siegen studierte er Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft und erlangte seinen Magister Artium mit einer Arbeit zu Friederike Mayröcker. Er wirkte als Herausgeber (u.~a. der Reihe »Vergessene Autoren der Moderne«) sowie als Lektor der Literaturzeitschrift »Konzepte« und schrieb regelmäßig für das Magazin »Spex«.

Beginnend mit der als biologistisches Sinnbild deutbaren Beschreibung einer karnivoren Pflanze, erzählt der Debütroman »Das Menschenfleisch« (1991) eine nachgerade linguistisch durchwirkte Liebesgeschichte. Bisweilen manisch monologisierend, trachtet der Erzähler danach, sich seine Geliebte u.~a. mittels einer Privatsprache anzuverwandeln. Gewandt werden Zitate anderer Kunstformen in den Bewusstseinsstrom inkorporiert. Bereits in jenem Erstling findet sich die für Beyers Werk charakteristische stoffliche Auffassung der Sprache~– das Begreifen alles Gesagten und Geschriebenen als in seiner voluminösen Ausdehnung schier unfassbares »Wortmaterial«. »Flughunde« (1995) konzentriert sich in einer historiografischen Metafiktion auf die phonetische Dimension und lässt die Erzählstimmen der ältesten Goebbelstochter und des Akustikers Hermann Karnau im Führerbunker konvergieren. 2013 wurde der Roman von der Comiczeichnerin Ulli Lust als Graphic Novel adaptiert. Auch »Spione« (2000) ist gekennzeichnet von der imaginären, in diesem Fall auf Bildern und Leerstellen eines Familienalbums basierenden Rekonstruktion der individuellen Verwicklung in historische Gräueltaten. Der zeitliche Rahmen von »Kaltenburg« (2008) reicht von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zur Wende und leuchtet, abermals in subjektiver Rückschau, die Biografie eines exzentrischen Naturforschers aus. Eine spontane Anwandlung, »Putins Briefkasten« (2012) am Stadtrand Dresdens aufzusuchen, steht am Anfang von Beyers gesammelten, virtuos ausgreifenden Betrachtungen und Prosaskizzen. Der jüngste Lyrikband »Graphit« (2014) versammelt Gedichte aus der vergangenen Dekade. Den Diskursen und Strömungen der Gattung gegenüber skeptisch eingestellt, fährt er eine Polyphonie unterschiedlichster, oftmals Spezialbereichen entstammender Diktionen und Vokabulare auf. So integriert er in seine freien Verse Wörter, die der verbalen Obsoleszenz anheimgefallen sind. Vielseitig inspiriert und immer neue Ansprüche an das eigene künstlerische Schaffen stellend, veranschaulicht jene Kompilation, wie rückhaltlos Beyer sich seine avantgardistische Haltung bewahrt.

Er erhielt u.~a. den Berliner Literaturpreis (1996), den Heinrich-Böll-Preis (2001) sowie den Friedrich-Hölderlin-Preis (2003). Zudem war er als Writer in Residence am University College London und an der University of Warwick in Conventry. 2014 wird Beyer mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet. Im Rahmen des ilb wird ihm der Oskar Pastior-Preis verliehen. Beyer lebt in Dresden.

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