10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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† Malek Alloula  [ Algerien, Frankreich ]

Biographie

Portrait Malek Alloula
© Ali Ghandtschi

Gast des ilb 2009, 2014.

Bibliographie

Haremsphantasien

Aus dem Postkartenalbum der Kolonialzeit

Beck & Glückler

Freiburg, 1994

[Ü: Stephan Egghart]

Les Festins de l’Exil

Françoise Truffaut

Paris, 2003

Le Cri de Tarzan

La nuit, dans un village Oranais

Barzakh

Algier, 2008

Paysages d’un retour

[Zus. mit Pierre Clauss]

Thierry Magnier

Paris, 2010

Alger sous le ciel

[Zs. mit Kays Djilali, Nina Bouraoui u. Halim Faïdi]

Le Bec en l’air

Marseille, 2014

Malek Alloula wurde 1937 in Oran (Algerien) geboren, ist Absolvent der Ecole Normale Supérieure und studierte Literaturwissenschaft in Algier und an der Sorbonne. Nachdem sein Bruder, einer der führenden Intellektuellen seines Landes, 1994 von Islamisten ermordet worden war, gründete Alloula die Association Abdelkader Alloula (AAA) und leitete sie zehn Jahr lang. Währenddessen veröffentlichte er »En mémoire du futur«, einen Sammelband mit Erinnerungen und Würdigungen seines Bruders, sowie Übersetzungen ins Französische von zwei seiner Dramen: »Lajouad« und »Lagoual«. 1974 bis 2012 war Alloula als Verlagslektor in Paris tätig.

Alloula schreibt Lyrik und Prosa sowie poetisch-philosophische Essays auf Französisch. Seine frühen Lyrikbände sind epiphanienhafte Miniaturen über existenzielle Themen. In der kulturkritischen Zeitschrift »Souffles« sprach sich Alloula 1966 gegen die Funktionalisierung von Dichtung im Dienste der algerischen Revolution nach der Unabhängigkeit von Frankreich aus. Auch in seinen Prosatexten ist Alloula Dichter – in »Les Festins de l’Exil« (2003; Ü: Festmahle des Exils) wird das deutlich: Der Geschmack vertrauter Speisen ruft im Pariser Exilanten Erinnerungen an Algerien wach. Der Autor macht hier mit einem bedeutenden Aspekt algerisch-berberischer Kultur bekannt: der Gastfreundschaft. In philosophisch-autobiografischen Essays beantwortet er 33 Fragen rund um den Akt der Nahrungsaufnahme. Auch in seinem Band mit autobiografischen Kurzerzählungen, »Le cri de Tarzan« (1997; Ü: Der Schrei des Tarzan) fragt Alloula danach, wie man etwas ausdrücken kann, das vergangen ist, und das mit einer liebevollen Ironie ohne melancholische Nostalgie. Er versammelt Schlüsselszenen aus seiner Kindheit, über seinen Vater, Lehrer, Freunde, allesamt Zeugen seiner jugendlich-eulenspiegelhaften Eskapaden. Das am stärksten rezipierte Buch Alloulas ist »Le harem colonial. Images d’un sous-érotisme« (1980/2004; dt. »Haremsphantasien«, 1994), ein bis heute klassischer Essay in der orientalismuskritischen Tradition Edward Saids, in dem Alloula die koloniale Geste der Fotografie mit der Theorie Roland Barthes’ zur Fotografie beschreibt, mit Bezug auf die psychoanalytische Kategorie des Fantasmas, das – wie der Harem – den europäischen Betrachter anzieht und zugleich abstößt. In dem »Fotoroman« »Paysages d’un retour« (2010; Ü: Landschaften einer Rückkehr) ergänzen sich die Kompositionen des Künstlers Pierre Clauss mit Alloulas Erzählung eines Exilanten, der in sein algerisches Heimatdorf zurückkehrt, dort allerdings nicht die Spuren seiner Vergangenheit vorfindet, sondern vielmehr die ein forciertes Vergessen symbolisierenden Betonruinen. Zudem verfasste er einen Begleittext für den Bildband »Alger sous le ciel« (2014; Ü: Algier unter dem Himmel) der in Zusammenarbeit mit dem Architekten Halim Faïdi und dem Fotografen Kays Djilali entstand. 2014 war er Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD, wo er an seinem jüngsten Gedichtzyklus »il vient (métérologies)« arbeitete. Malek Alloula verstarb im Februar 2015.

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