10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Ahmed Saadawi  [ Irak ]

Biographie

Ahmed Saadawi Portrait
© Hartwig Klappert

Gast des ilb 2014.

Bibliographie

A Decade of Despair

In: »New York Times« 19. März 2013

[engl. Ü: Ghenwa Hayek]

Beirut 39New Writing from the Arab World

[Hg. Samuel Shimon]

Bloomsbury London, 2010

Frankenstein in Baghdad

Al Kamel Bagdad/Köln/Beirut, 2013

Ahmed Saadawi wurde 1973 in Bagdad geboren und wuchs in Sadr City auf. Saadawi ist Autor u.~a. des Lyrikbandes »The Festival of Bad Music« (2001) sowie der Romane »The Beautiful Country« (2004) und »Indeed He Dreams or Plays or Dies« (2008). Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit wirkte er als Maler, Drehbuchschreiber und Programmredakteur des TV-Senders al-Hurra. Von 2005 bis 2007 war er als BBC-Korrespondent tätig. Heute arbeitet er zudem als Dokumentarfilmer.

In dem 2005 ansetzenden Roman »Frankenstein in Baghdad« (2013) veranschaulicht Saadawi höchst originell den Kreislauf der Gewalt und die politischen wie gesellschaftlichen Dilemmata in seiner Heimat. Der im Bagdader Bezirk Bataween lebende Protagonist Hadi al-Attag trägt die Leichenteile der bei Kämpfen und Terroranschlägen Umgekommenen zusammen. Aus den gesammelten Extremitäten der Opfer näht er eine anthropomorphe Gestalt, die – schon bald wundersamerweise beseelt – für die Toten Rache nimmt. Sobald jedoch individuelle Vergeltung geübt wird, verschwinden die jeweils inkorporierten Gliedmaßen aus dem »shesma« getauften Geschöpf (ein arabisches Wort, das so viel wie »Wie heißt er doch gleich?« bedeutet). Um weiter zu bestehen, beginnt das Monstrum, das an Mary Shelleys Frankenstein erinnert, selbst Unschuldige zu töten. Mittels der drastischen Symbolik jener grotesken, geradezu phantasmagorischen Kreatur gelingt es Saadawi, die ausweglos erscheinenden Konflikte der verfeindeten Volksgruppen noch eindringlicher einzufangen, als dies in einer rein dokumentarischen Schilderung möglich wäre. So werden nicht nur die Widersprüchlichkeiten der brutalen Eskalationen versinnbildlicht, simplifizierte Dualitäten von Gut und Böse, Schuld und Unschuld transzendiert, sondern anhand einer Vielzahl von Charakteren und Perspektiven wird auch ein differenziertes Panorama der irakischen Metropole gezeichnet.

Im April 2014 wurde Saadawi auf der internationalen Buchmesse von Abu Dhabi für seinen Roman als erster irakischer Autor mit dem International Prize for Arabic Fiction ausgezeichnet. Mit der Ehrung geht eine englische Übertragung des Romans einher. 2004 gewann Saadawi bereits einen Wettbewerb des in den Vereinigten Arabischen Emiraten beheimateten Magazins »Al Sada«. Zu einem der »besten 39 arabischen Autoren unter 40« gewählt, war er Teilnehmer des Projekts »Beirut39«, das 2010 gemeinschaftlich von dem Literaturmagazin für moderne arabische Literatur »Banipal« und dem British Council realisiert wurde. Er gehört zu den Unterzeichnern eines im Juni 2014 von irakischen Intellektuellen, Künstlern und Publizisten verfassten Appells. In diesem sowohl im Internet als auch in der Bagdader Presse veröffentlichten offenen Brief werden u.~a. alle politischen und militärischen Kräfte zu gegenseitigen Gesprächen und Versöhnung aufgerufen, und der Schutz kultureller Stätten wird gefordert. Saadawi lebt in Bagdad.

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