10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
Sie sind hier: Startseite / Archiv / Teilnehmer / / 2014 / Afrizal Malna

Afrizal Malna  [ Indonesien ]

Biographie

Portrait Afrizal Malna
© Hartwig Klappert

Gast des ilb 2014.

Bibliographie

Abad yang Berlari

Penerbit Altermed

Jakarta, 1984

Kalung dari Teman

Grasindo

Jakarta, 1999

Teman – Temanku dari Atap Bahasa

Lafadl Pustaka

Yogyakarta, 2008

sie haben angst, nicht, vor dem rot

Neun Gedichte

In: Sprache im technischen Zeitalter 204, Dezember 2012

[Ü: Ulrike Draesner]

Anxiety Myths

PT Subumitra Grafistama/Lontar

Jakarta, 2013

[Eng. translation: Andy Fuller]

Afrizal Malna wurde 1957 in Jakarta geboren, wo er heute noch lebt. Am dortigen Driyakara College begann er ein Philosophiestudium, das er abbrach. Der archaische Körper wird sein wichtigster Bezugspunkt, wenn er mit Darstellungen von Bedeutung konfrontiert ist, die materiellen Aspekte des Daseins erforscht. Dabei stellt er Alltagsgegenstände in einen neuen, scheinbar chaotischen Sinnzusammenhang, an Gedichttiteln wie »Anthropologie von Coca-Cola-Dosen« oder »Migration aus dem Badezimmer« ablesbar. Was zunächst als Sprachspielerei anmutet, hat einen ernsten Hintergrund: 1974, während der brutal niedergeschlagenen Studentenproteste gegen Suhartos »New Order«-Doktrin, durchsuchten Sicherheitskräfte Malnas Haus. In den Achtzigern und Neunzigern war er Mitglied des Avantgarde-Theaters Sae, das mit seinen fantasievollen Performances den Entrechteten eine Stimme geben wollte. Er war einer der Gründer der Aktivistengruppe Urban Poor Consortium, deren Ziel es ist, die Existenz armer Menschen in der Stadt auf die Tagesordnung der politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger zu setzen.

2012 traf die Lyrikerin Ulrike Draesner Malna und übersetzte mit Katrin Bandel einige seiner Gedichte. So heißt es in »Englischlektion zum Körpergewicht« (1995): »Tschuldigung, hast du mein Körpergewicht gesehen? Du willst wohl einen Essay schreiben? Über Kultur? Politische und ökonomische Analysen, was. Da wird sie dir aber wehtun, deine Hand.« Malna geht es mit dieser konfrontativen Methode um eine »visuelle Grammatik der Dinge«. In seiner Poesie scheinen geheime Verbindungen zwischen den Dingen auf. Sie lebt von synkopischen Rhythmen und stilistischen Brüchen. Häufig durchleben Gebrauchsgüter Metamorphosen, erhalten politische Symbolkraft: »Ich möchte diese schreibmaschine verpfänden, herr. Ich brauche geld, um die stromrechnung zu bezahlen und die milch für die beiden hunde zu hause. Diese schreibmaschine braucht weder strom noch benzin. Haben sie keine angst, dass in dieser schreibmaschine bankrotte märkte enthalten sind, herr.« Malna überarbeitet seine Gedichte immer wieder, auch wenn diese längst veröffentlicht sind. Außerdem schreibt er Theaterkritiken und hat zwei Bände mit Prosa publiziert. Seine Gedichtsammlung »Teman – Temanku dari Atap Bahasa« (Ü: Meine Freunde vom Dach der Sprache) wurde vom indonesischen Nachrichtenmagazin »Tempo« zum besten literarischen Werk 2009 gekürt.

Afrizal Malna beschäftigt sich intensiv mit dem Trauma aus der britischen Kolonialvergangenheit Indonesiens, insbesondere mit dem System, das kulturelle, politische und religiöse Codes repräsentiert. Dabei kritisiert er das Englische als »Sprache, die die Welt zustöpselt« – im Titelgedicht des Bandes »Laden für gebrauchte Sprachen A auf B«. Im Vorwort schreibt er, nur im Fließen sei das Wasser stetig. Das lässt sich auf Malnas gesamtes Œuvre anwenden, das seiner Entdeckung in Deutschland noch harrt. 2014 ist er Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.

abgelegt unter: