10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Rawi Hage  [ Libanon, Kanada ]

Biographie

Portrait Rawi Hage
© Ali Ghandtschi

Gast des ilb 2011, 2015.

Bibliographie

Als ob es kein Morgen gäbe
DuMont
Köln, 2008
[Ü: Gregor Hens]

Kakerlake
Piper
München, 2010
[Ü: Gregor Hens]

Rawi Hage wurde 1964 in Beirut geboren und wuchs während des Bürgerkriegs im Libanon auf. Mit 18 Jahren wanderte er nach New York aus. Nachdem er sich dort die englische Sprache angeeignet und acht Jahre lang als Verkäufer, Lagerarbeiter und anderen Jobs über Wasser gehalten hatte, reiste er mit Ablaufen seines Visums 1991 in Kanada ein. In Montreal studierte er Fotografie, ein paar Jahre später konnte er seine Bilder bereits ausstellen. Zum Schreiben kam Hage zufällig – »I am an accidental writer«, wie er selbst betont –, als er als Auftragsfotograf durch Kanada reiste mit der Auflage, die Arbeit auch schriftlich zu dokumentieren. Statt nüchtern-sachlicher Berichte lieferte er fiktive Kurzgeschichten, die großen Anklang fanden.
Der Fotograf schrieb weitere Erzählungen, einige wurden in Zeitschriften abgedruckt – und eine entwickelte sich nach und nach zum Romanwerk: Rawi Hages international gefeiertes Debüt »De Niro’s Game« (2006; dt. »Als ob es kein Morgen gäbe«, 2008). Der Roman führt in das Beirut der 1980er Jahre und erzählt die Geschichte zweier Freunde, die, kaum erwachsen geworden, eher mit dem Tod als mit irgendeiner Form von Zukunft rechnen können. Für das Drama von Krieg und Verrat findet der Autor eine ganz eigene Sprache, die viele Einflüsse verbindet und stark visuell geprägt ist. Religiöse Symbolik und arabische Poesie fließen in die Metaphorik ein, Vorbilder aus dem amerikanischen Kino prägen Motive, Perspektive und Erzählstruktur. »Hage montiert seinen […] Roman in schnellen Szenen, fast als sei’s ein Filmdrehbuch. Gleichzeitig ist sein Stil hochpoetisch […], als würde Clint Eastwood durch seine zusammengebissenen Kiefer das alttestamentarische Hohelied zitieren« (Alex Rühle, SZ). Auch wenn er eigene Erlebnisse in dem Roman verarbeitet, ist dieser nicht autobiografisch. Vielmehr spricht Hage von einer »kollektiven Biografie, der Geschichte einer Gemeinschaft, in der man sich untereinander bekriegt«. Der Krieg und seine Folgen sind auch Thema im zweiten Roman des Schriftstellers, »Cockroach« (2008; dt. »Kakerlake«, 2010), der im Exilantenmilieu von Montreal spielt. Sehr eindringlich führt Hage darin vor Augen, dass man dem Krieg vielleicht physisch entkommt, aber niemals mit unversehrter Seele. Während im Beirut des ersten Romans eine unerträgliche Hitze herrschte, ist es in Montreal unfassbar kalt und dunkel. Aus der Perspektive eines gescheiterten Selbstmörders, der zur Therapie gezwungen und von einer bornierten Psychologin befragt wird, gibt der Autor einfühlsam und mit Sprachmacht Einblick in das Leben am Rande der Wohlstandsgesellschaft.
Rawi Hage wurde für seine Werke mit dem IMPAC Dublin Literary Award, dem MacAuslan First Book Prize und bereits zweimalig mit dem Hugh MacLennan Prize for Fiction der Quebec Writers’ Federation ausgezeichnet. Der Autor hat die kanadische und die libanesische Staatsangehörigkeit, lebt in Montreal und ist derzeit Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.

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