10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Melinda Nadj Abonji  [ Ungarn, Schweiz ]

Biographie

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© Gaëtan Bally

Gast des ilb 2011.

Bibliographie

Mensch über Mensch
[zusammen mit Per Traasdahl]
Kunstnetzwerk
München, 2001

Im Schaufenster im Frühling
Ammann
Zürich, 2004

Tauben fliegen auf
Jung und Jung
Salzburg/Wien, 2010

Melinda Nadj Abonji wurde 1968 in der Kleinstadt Bečej in Serbien geboren. Ihre Familie gehörte dort in der Provinz Vojvodina der ungarischen Minderheit an. Mit fünf Jahren wanderte sie mit ihren Eltern in die Schweiz aus, wo sie am Zürichsee aufwuchs. An der Universität Zürich studierte sie Germanistik und Geschichte und erwarb 1997 mit einer Abschlussarbeit über die Schriftstellerin Marieluise Fleißer einen Lizenziatsgrad. Bereits während des Studiums fing sie selbst an zu schreiben und machte sich bei experimentellen Lesungen und poetischen Musikdarbietungen einen Namen. Seit 1998 steht sie immer wieder erfolgreich gemeinsam mit dem Raplyriker Jurczok 1001 auf der Bühne.
Abonjis literarisches Schaffen ist von sprachlichen Experimenten geprägt, bei denen die Polyphonie des Alltags Pate steht. Mit Auszügen ihres Debütromans »Im Schaufenster im Frühling« (2004) wurde sie als Teilnehmerin zum Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis nach Klagenfurt eingeladen, was sie erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte. In stark rhythmisierter Alltagssprache, die die häufig mit Wiederholungen arbeitet und einen unwirklichen, wabernden Eindruck hinterlässt, erzählt die Autorin in dem Buch die Geschichte einer jungen Frau namens Luisa, deren traumatische Kindheitserlebnisse mit ihren Erfahrungen in der Gegenwart eng verwoben sind. »Ein Trug ist die Liebe, scheint dieser spröde, traurige Text sagen zu wollen, und der permanente Krieg beginnt mitten in der Kindheit: in den Familien« (»Neue Zürcher Zeitung«). Gelang der Autorin mit ihrem Debüt bereits ein Achtungserfolg, so schaffte sie mit ihrem zweiten, autobiografisch geprägten Roman »Tauben fliegen auf« (2010) den endgültigen Durchbruch. Das hochgelobte Prosawerk zeichnet sich durch eine rhythmische, alltagssprachlich beeinflusste Kunstsprache aus, mit der Abonji ihr einmal formuliertes »Bekenntnis zur Vielstimmigkeit« einlöst. Inhaltlich handelt der Band von der jungen Ildiko Kocsis, die als Kind mit ihrer Familie aus Serbien in die Schweiz emigriert ist. In kaskadenartigen Endlossätzen erzählt die Hauptperson von den Besuchen der Familie im ehemaligen Jugoslawien, von den Schwierigkeiten als Migrant in der Schweiz Fuß zu fassen und vom Balkan-Konflikt. Generell sind in den Werken der Autorin Einflüsse der experimentellen Dichtung Ernst Jandls, sprachliche Verschachtelungen ähnlich denen W. G. Sebalds und inhaltliche Nähe zu den Alltagsthemen Marieluise Fleißers erkennbar.
Melinda Nadj Abonji erhielt neben anderen Auszeichnungen den Deutschen und den Schweizer Buchpreis, den Hermann-Ganz-Preis sowie das Grenzgänger-Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung. Die Autorin lebt und arbeitet in Zürich.

© internationales literaturfestival berlin

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