10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Sjón  [ Island ]

Biographie

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© Walter Breitinger

Gast des ilb 2008, 2010.

Bibliographie

Drengurinn með röntgenaugun

Màl og Menning

Reykjavík, 1986

Stálnótt
Màl og Menning
Reykjavík, 1987

Engill, pípuhattur og jarðarber
Màl og Menning

Reykjavík, 1989

Ég man ekki eitthvað um skýin
Màl og Menning
Reykjavík, 1991

Augu þín sáu mig

Mál og Menning

Reykjavík, 1994

Myrkar fígúrur
Màl og Menning

Reykjavík, 1998

Með titrandi tár

Mál og Menning

Reykjavík, 2001

Skugga-Baldur
Bjartur

Reykjavík, 2003

Argóarflísin
Bjartur

Reykjavík, 2005

Songur steinasafnarans/
Gesang des Steinesammlers

Kleinheinrich

Münster, 2006

[Ill: Bernd Koberling]

[Ü: Tina Flecken]

Schattenfuchs

S. Fischer

Frankfurt/Main, 2007

[Ü: Betty Wahl]

Rökkurbýsnir
Bjartur

Reykjavík, 2008

Sjón (Sigurjón Birgir Sigurðsson), 1962 in Reykjavík geboren, trat schon als junger Mann in der literarischen Szene Islands in Erscheinung. Seine erste Gedichtsammlung »Sýnir« (1978; Ü: Visionen) veröffentlichte er im Alter von 15 Jahren. Bald folgten weitere Bände, die 1986 in der Sammlung »Drengurinn með röntgenaugum« (1986; Ü: Der Junge mit den Röntgenaugen) erneut aufgelegt wurden. Bis dahin hatte Sjón mit seinen im Eigenverlag publizierten Werken als Underground-Dichter bereits größere Bekanntheit erlangt.

In jener Zeit war er Mitglied von »Medusa«, einer vom Surrealismus geprägten Gruppe junger Künstler. Die Gedichte und Romane des Autors zeigen deutliche Spuren dieses Einflusses. Mit seinem dritten Romanwerk »Augu þín sáu mig« (1994; Ü: Deine Augen haben mich gesehen) und dem Nachfolgeband »Með titrandi tár« (2001; Ü: Mit einer zitternden Träne) gelang Sjón endgültig der Durchbruch als Romancier. In den beiden Büchern lässt Sjón das 20. Jahrhundert neu erstehen und setzt dabei verschiedene Erzählperspektiven und Elemente mehrerer literarischer und künstlerischer Genres ein, darunter isländische Sagen, internationale Fantasy-Literatur, Krimis, Filme und Cartoons. Das bekanntestes Werk Sjóns ist der Roman »Skugga-Baldur« (2003; dt. »Schattenfuchs«, 2007). Der kurze Band besteht aus knapp 120 Seiten, die teilweise nur wenige Absätze und manchmal sogar nur eine Zeile enthalten. Im charakteristisch straffen, präzisen und poetischen Duktus bewegt sich die Geschichte auf der Grenze zwischen Lyrik und Prosa. Die Handlung setzt sich aus drei Strängen zusammen. In einem folgen wir Baldur Skugasson auf einer Fuchsjagd durch die Kälte und Dunkelheit in den Bergen. Im zweiten lernen wir den Naturforscher Friðrik B. Friðriksson und Abba, ein Mädchen mit Downsyndrom, kennen, das von ihm aufgenommen wird und ihn schließlich mit ihrer Liebe vor einer drohenden Katastrophe rettet. Schließlich wird auch die Geschichte eines Schiffbruchs vor der isländischen Küste im Frühjahr 1868 erzählt. Die Schicksale der Protagonisten Friðrik, Abba und Baldur zeigen sich im Verlauf der Handlung als enger miteinander verbunden, als der Leser zunächst ahnt. Neben Gedichten und Romanen verfasst Sjón auch Kurzgeschichten, Kinderbücher, Theaterstücke und Songtexte für Musiker wie Björk und The Brodsky Quartet.

Sjón wurden diverse literarische Ehrungen zuteil. So erhielt er u. a. den Literaturpreis des Nordischen Rates und war in der Auswahlliste für den Independent Foreign Fiction Price. Zudem wurde er als einziger nordischer Schriftsteller für den Oscar nominiert - und zwar für die Liedtexte in Lars von Triers Film »Dancer in the Dark« (2001).~Im akademischen Jahr 2007/2008 erhielt er die Samuel-Fischer-Gastprofessur an der Freien Universität. Er lebt zur Zeit in Berlin als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. 2011 wird sein neuer Roman S. Fischer »Rökkurbýsnir« (dt. »Mysterien der Dämmerung«).

Berlin View

My strongest memory from Berlin is a recent one. When I was in the city two years ago I got the idea to visit the memorial to the book burnings in Bebelplatz, and as I was walking towards it it started to snow peacefully. Once in the square, at first I only found Heine's timeless quotation, and thought that was the whole monument, but then I noticed a faint glow coming up from the ground. I bent down, and with the sleeves of my winter coat I wiped the cold, white curtain from the illuminated window beneath my feet, only to discover the library below, its sorrowful empty bookshelves reminding me that a writer's feeble duty is to keep trying to write burned books and silenced people back into existence ...

Meine stärkste Erinnerung an Berlin ist nicht so alt. Als ich vor zwei Jahren in der Stadt war, hatte ich vor, das Mahnmal der Bücherverbrennung zu besuchen, und als ich darauf zuging, begann es ganz friedlich zu schneien. Auf dem Platz fand ich zuerst nur Heines zeitlose Bemerkung und dachte, das sei schon das ganze Mahnmal, aber dann bemerkte ich ein schwaches Schimmern vom Boden her. Ich bückte mich, wischte mit den Ärmeln meines Wintermantels den Schnee von dem beleuchteten Fenster unter meinen Füßen und entdeckte die Bibliothek in der Tiefe, deren traurige leere Bücherregale mich daran erinnerten, dass es die elende Pflicht eines Schriftstellers ist, immer weiter zu versuchen, verbrannte Bücher zu schreiben und zum Schweigen gebrachten Menschen ihre Stimme zurückzugeben.

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