10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Nguyễn Huy Thiệp  [ Vietnam ]

Biographie

Portrait Nguyễn Huy Thiệp
© Ali Ghandtschi

Gast des ilb 2010.

Bibliographie

Der pensionierte General

Erzählungen

Mitteldeutscher Verlag

Halle, 2009

[Ü: Günter Giesenfeld und Marianne Ngo]

Nguyen Huy Thiep wurde 1950 in der Provinz Thai Nguyen nordöstlich von Hanoi geboren. Im Alter von zehn Jahren zog er mit der Familie in die Hauptstadt. Dort ging er zur Schule und besuchte anschließend die pädagogische Hochschule, die er 1970 mit dem Lehrerexamen abschloss. Zehn Jahre lang arbeitete er als Dorflehrer in der Bergregion der Provinz Tay Bac im Nordwesten des Landes, wo er das einfache bäuerliche Leben kennenlernte. Zusammen mit seinen historischen Studien bilden diese Erfahrungen den Hintergrund seines literarischen Schaffens. Von 1980 an lebte er in einem Dorf nahe Hanoi, das im Zuge des Wachstums der Hauptstadt eingemeindet wurde, ohne seine alten Strukturen zu verlieren. In seinen Werken wird die Distanz und Spannung zwischen den Lebensformen in Stadt und Dorf thematisiert. Oft dringen Mittlerfiguren in das ländliche Milieu ein, das durch Traditionen und Aberglauben geprägt ist, woraufhin es zu einer Konfrontation mit der urbanen Welt kommt, die meist als sittlich verworfen und materialistisch erscheint. Diese Mittler können Dorflehrer, Schüler, Studenten oder Dichter sein, Figuren, die einen Teil der Erfahrungen des Autors verkörpern und darüber hinaus exemplarisch für verschiedene Formen der Intelligenzija stehen. Neben dem Schreiben arbeitete Thiep auch als Töpfer, Zeichner und Maler und illustrierte jahrelang Lehrbücher für einen pädagogischen Verlag. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, war er überdies als Händler, Büroangestellter und Restaurantbesitzer tätig.

Als Thieps Kurzgeschichte »Der pensionierte General« 1987 erschien, löste sie einen öffentlichen Skandal aus. Seither gilt sie als Grundstein einer neuen Richtung der vietnamesischen Literatur, die mit der »doi moi«-Bewegung in Verbindung steht, einer von der sozialistischen Partei 1986 in Gang gebrachten Politik der Erneuerung, die das Land aus einer wirtschaftlichen Sackgasse führen sollte. In der mitunter extrem aggressiv geführten Debatte um Thieps Text ging es um die Öffnung der Literatur für neue Formen und aktuelle Inhalte. Thiep experimentiert mit narrativen Verfahren, die an postmoderne Techniken erinnern. Anders als bei vielen seiner Kollegen sind die traumatischen Kriegserfahrungen nicht Gegenstand seines Werks, vielmehr richtet er sein Augenmerk vor allem auf die neuere Entwicklung der vietnamesischen Nachkriegsgesellschaft.

Thiep wurde durch seine Kurzgeschichten bekannt, darüber hinaus hat er Theaterstücke und vor allem literaturkritische Schriften veröffentlicht. Nach wie vor hat er Feinde im Parteiestablishment, so dass sein Roman »Tuoi 20 yeu dan« bislang nur in Frankreich unter dem Titel »À nos vingt ans« erscheinen konnte.

Nguyen Huy Thiep lebt in Hanoi.

[http://nguyenhuythiep.free.fr]

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