10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Filip Florian  [ Rumänien ]

Biographie

Portrait Filipp Florian
© Ali Ghandtschi

Gast des ilb 2010.

Bibliographie

Baiuteii

[mit Matei Florian]

Polirom

Bukarest, 2006

Kleine Finger

Suhrkamp

Frankfurt/Main, 2008

[Ü: Georg Aescht]

Zilele regelui

Polirom

Bukarest, 2008

Filip Florian wurde 1968 in Bukarest geboren, wo er auch heute lebt. Nach dem Studium der Geologie und Geophysik arbeitete er als Journalist für die Zeitschrift »Cuvintul« und anschließend für Radio Freies Europa und die Deutsche Welle. Fünf Jahre verbrachte er im karpatischen Gebirgsort Sinaia, um seinen ersten, preisgekrönten Roman »Degete mici« (2005; dt. »Kleine Finger«, 2008) zu schreiben, der mittlerweile in acht Sprachen übersetzt wurde. In seinem Debüt geht es um Erfahrungen mit der Diktatur in seinem Land: Bei Ausgrabungen eines römischen Castrums unweit eines kleinen Karpatenstädtchens wird ein Massengrab entdeckt; der erste Verdacht fällt auf die Securitate – bei etlichen Skeletten fehlen die Knochen der kleinen Finger. Der Protagonist Petrus, ein von Magengeschwüren geplagter Archäologe, muss seine Ausgrabungen vertagen und beobachtet die Aufklärungsarbeit in der Provinzstadt. Dabei lernt er Tante Paulina kennen, die ihn ungefragt in ihre Zukunftsprognosen aus dem Kaffeesatz einweiht, außerdem einen nach dem Krieg enteigneten Unternehmer, der in seinem Dachgeschoss Tauben fängt und in Weißweinsoße zubereitet. Er erfährt er von der Geschichte des von den Kommunisten verfolgten Mönchs Gherghe, der nie seinen Hut abnimmt und sich mehrmals am Tag die Haare schneiden muss, die sonst binnen Stunden zu einer wilden Mähne wachsen würden. Mithilfe eines argentinischen Expertenteams von Anthropologen, die in ihrem Land Verbrechen der Junta aufgeklärt haben, gelingt es schließlich, die Toten als Opfer einer Pestepidemie um 1800 zu identifizieren.

Filip Florian befreit in »Kleine Finger« die Literatur auf spielerische Weise von der Last, Geschichte zu bezeugen, da es hier nicht um die Herleitung von »Wahrheit« geht, sondern um Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. In seinem Roman verbindet er mit großer Sprach- und Imaginationskraft die Rekonstruktion realhistorischer Tatbestände mit fantastischen Elementen und setzt damit eine rumänische Erzähltradition fort. Der facettenreiche Personenreigen dieses Romans besteht aus teilweise kuriosen Figuren, die nicht nur die jüngste rumänische Geschichte repräsentieren, sondern auch an die k.~u.~k. Vergangenheit erinnern. Dieser Figurenreichtum sowie vielerlei Gegenstände wie alte Fotos, Münzen oder Prägestempel, die Filip Florian zum Sprechen bringt, lassen das opulente Porträt eines rumänischen Ortes und seiner Geschichte entstehen.

2008 erschien in Rumänien Filip Florians neuer Roman »Zilele regelui« (Ü: Die Tage des Königs), der vom Kolloquium des zeitgenössischen rumänischen Romans zum Buch des Jahres gewählt wurde.

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