10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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John Wray  [ USA ]

Biographie

Portrait Wray
© Ali Ghandtschi

Gast des ilb 2009, 2016.

Bibliographie

Die rechte Hand des Schlafes

Berlin Verlag

Berlin, 2002

[Ü: Peter Knecht]

Canaan’s Tongue

Knopf

New York, 2005

In the Tunnel

[Kurzgeschichte]

[In: Granta 97. Best of Young American Novelists 2]

London, 2007

Retter der Welt

Rowohlt

Reinbek, 2009

[Ü: Peter Knecht]

Das Geheimnis der verlorenen Zeit

Rowohlt

Reinbek, 2016

[Ü: Bernhard Robben]

John Wray wurde 1971 in Washington, D.C., geboren, wuchs in Buffalo auf und machte am Oberlin College in Ohio seinen Abschluss in Biologie. Danach arbeitete er u.~a. als Taxifahrer in Alaska und unterrichtete Deutsch sowie Spanisch in New York.

Immer mehr zog es ihn jedoch zum literarischen Schaffen: Für sein Romandebüt »The Right Hand of Sleep« (2001; dt. »Die rechte Hand des Schlafes«, 2002), das in einem österreichischen Bergdorf während der NS-Zeit spielt, wurde Wray mit dem Rome Prize der American Academy und dem Whiting Writers’ Award ausgezeichnet. Die Stärken dieses Antiheimatromans liegen in der Ausgestaltung der Charaktere, die stets im Zweifel darüber sind, ob ihr Handeln böse oder gut ist. Dabei sticht insbesondere die Virtuosität hervor, mit der Wray zwischen Passagen aus erzählerischer Distanz und aus der Perspektive seiner Protagonisten wechselt. Die Technik literarischer Montage verfeinert der Autor in seinem zweiten Roman »Canaan’s Tongue« (2005; Ü: Canaans Zunge): In einer Mischung aus Ich-Erzählung, Tagebucheinträgen, Briefen, Zitaten und Untersuchungsberichten begibt sich Wray weiter in die Vergangenheit, diesmal in die Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs. Der verbrecherische Prediger John Murrell aus Mark Twains »Leben auf dem Mississippi« zieht bei ihm als Thaddeus Morelle die Fäden in einem Netzwerk des Sklavenhandels, in das er viele zuvor unbescholtene Bürger verwickelt. Die düstere Atmosphäre des Romans, der an Poe und Faulkner erinnert, wirft erneut die Frage der moralischen Unbestimmtheit des Handelns auf, wobei dem Element der Irrationalität, die hier insbesondere dem Glauben innewohnt, großes Gewicht verliehen wird. In »Lowboy« (2009; dt. »Retter der Welt«) wird Irrationalität in ihrer pathologischen Form selbst zum Thema. Der 16-jährige Will Heller, der an paranoider Schizophrenie leidet, flüchtet aus der Anstalt in die New Yorker U-Bahn-Schächte mit der Absicht, den unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang durch globale Erwärmung zu verhindern. Gemeinsam mit Wills Mutter macht sich daraufhin ein Profiler des NYPD auf die Suche nach dem Jungen. Gekonnt springt Wray zwischen psychologischen Realitäten hin und her und schöpft das narrative Potenzial der Schizophrenie aus. Neben Kurzgeschichten und Essays erschien zuletzt sein Roman »The Lost Times Accidents« (2016; dt. »Das Geheimnis der verlorenen Zeit«, 2016). Ein Hobbyphysiker aus dem k.~u.~k. Mähren findet darin das Geheimnis der Zeit und verliert seine Notizen gleich wieder, worauf drei Generationen seiner Nachfolger über zwei Kontinente und ein ganzes Jahrhundert hinweg danach suchen. Die »New York Times« charakterisierte das Buch als konsequente Weiterführung der literarischen Erforschung von Themen wie Familiengeheimnisse, Verlust und psychische Krankheiten, die Wray bereits in früheren Werken interessierten.

Der Autor lebt in Brooklyn.

[http://www.twitter.com/john_wray/]

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