10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Xosé Antonio Neira Cruz  [ Spanien ]

Biographie

Xosé Antonio Neira Cruz Portrait
© Ali Gandtschi

Gast des ilb 2008.

Bibliographie

Os ollos do tangaleirón
SM
Madrid, 2000

Eu son adoptada
Galaxia
Vigo, 2004
[Ill: Jokin Mitxelena]

A noite da raíña Berenguela
Planeta&Oxford
Barcelona, 2005
[Ill: Kiko da Silva]

Mambrú, cociñeiro de perfumes
Planeta&Oxford
Barcelona, 2005
[Ill: Pablo Prestifilippo]

O armiño dorme
Galaxia
Vigo, 2005

As cousas claras
Xerais
Vigo, 2006

Gatos e leóns
Planeta&Oxford
Barcelona, 2006
[Ill: Luis Castro Enjamio]

Valdemuller
SM Xerme
Vigo, 2008

Übersetzerin: Marianne Gareis

Xosé A. Neira Cruz, 1968 im spanischen Santiago de Compostela geboren, zählt zu den profiliertesten Kinder- und Jugendbuchautoren Galiziens. Er studierte Italienische Philologie und promovierte im Fach Kommunikationswissenschaften an der Universidad de Santiago de Compostela, wo er seit 1999 lehrt und zu Kulturjournalismus und Kinderliteratur forscht. Neira Cruz arbeitete für Fernsehen, Radio und Zeitung, kuratierte Ausstellungen und war Jurypräsident des IBBY-ASAHI Reading Promotion Awards (2002-2004). Zudem ist er Gründer des Literaturmagazins »Fadamorgana« und betreut die Kinder- und Jugend-Sparte des Verlags Editorial Galaxia. Seit seinem Debüt mit »Ó outro lado do sumidoiro« (1988; Ü: Auf der anderen Seite des Grabens) sind mehr als zwanzig Erstlesebücher, Erzählungen, Gedichtbände, Romane, Theaterstücke sowie Biografien galizischer Autoren erschienen. Einige seiner Werke wurden für die Bühne adaptiert, Übersetzungen liegen in sieben Sprachen vor.

Kunstvoll verwebt Neira Cruz in seinen Texten Realität mit Fiktion und lässt das abenteuerliche Alltagsleben mit der Imaginationskraft von Kindern zu schillernden Geschichten verschmelzen. Legenden, Historie und Kunst liefern ihm dabei den Ausgangspunkt für ein breit gefächertes Werk. Zu seinen bekanntesten Jugendbüchern gehört »Valdemuller« (1998; Ü: Tal der Frauen), in dem die 15-jährige Mina einem Familiengeheimnis auf die Spur kommt und sich auf eine gefährliche Reise begibt, die ihr Leben unwiderruflich verändern wird. Immer wieder lotet Neira Cruz die Grenzen gesellschaftlicher Akzeptanz aus, indem er sein Augenmerk auf jene richtet, die am Rande stehen. Ihnen eine Stimme zu geben, ist Neira Cruz ein wichtiges Anliegen: »Dies ist ein besonderer Akt der Gerechtigkeit, den die Literatur uns erlaubt. Denn Schreiben bedeutet auch, eine Welt zu erschaffen, wie wir sie uns erhoffen«, sagt der Autor. In Büchern wie dem Thriller »As cousas claras« (2000; Ü: Klare Sachen) schildert er eindringlich die manchmal schmerzhafte Identitätsfindung seiner Protagonisten. Seine Leidenschaft für das Italien der Renaissance und die Werke der Alten Meister animierte Neira Cruz zu seinem historischen Jugendroman »O armiño dorme« (2003; Ü: Der schlafende Hermelin). In Tagebuchform erzählt er die Geschichte der Bianca de Medici – illegitimer Spross der Florentiner Dynastie – und wirft einen unverstellten Blick auf das harte Leben einer Frau im 16. Jahrhundert. Fesselnd, geistreich und mit erhellenden Referenzen zur Kunst gibt der Schriftsteller – ausgehend von einem Gemälde Bronzinos – Zeugnis von den Gedanken seiner jungen Heldin.

Xosé A. Neira Cruz ist Preisträger des Premio O Barco de Vapor sowie des Premio Merlín. »O armiño dorme« fand Eingang in den White-Ravens-Katalog der Internationalen Jugendbibliothek München und wurde mit dem Premio Raíña Lupa (2002) ausgezeichnet. Sein Kindertheaterstück »A noite da raíña Berenguela« (2005; Ü: Die Nacht der Königin Berenguela) erhielt den Premio Lazarillo (2004). Derzeit ist Neira Cruz mit der Vorbereitung des 32. IBBY-Kongresses betraut, der 2010 in seiner Heimatstadt ausgerichtet wird.

© internationales literaturfestival berlin

Berlin View

Offene Verabredung mit Berlin

Das Wort Berlin hörte ich zum ersten Mal im Alter von fünf oder sechs Jahren. Damals kam jeden Nachmittag eine alte Frau namens Trini in das Kurzwarengeschäft meiner Mutter. Manchmal kam sie, um etwas zu kaufen: einen Radiergummi, Socken, Küchentücher. Aber an vielen Nachmittagen kam sie einfach, um jemanden zu treffen, mit dem sie sprechen könnte. Meine Mutter war eine höfliche Frau und äußerst liebenswürdig im Umgang mit anderen. Sie verstand es immer, Einsamkeit mit ihrer bedingungslosen Gesellschaft zu lindern.
Das erste, was meine Aufmerksamkeit gegenüber dieser Frau mit dem weißen Haar und dem unerschütterlichen Lächeln weckte, war ihr eigentümlicher galicischer Akzent, der von einer fremden Sprache mir unbekannter Herkunft überlagert war. Ab und an antwortete sie mit „ja“ anstatt mit „sí“, und manche ihrer Sätze schienen einer simultanen Übersetzung zu folgen, die sich in ihrem Kopf vollzog, während sie sprach.
Als ich meine Mutter nach dem Grund frage, warum sich Trini so eigenartig ausdrückte, bekam ich einen deutlichen Hinweis, dieses Rätsel zu verstehen.
    – Sie hat beinahe ihr ganzes Leben in Deutschland gearbeitet.
Für mich als Fünf- oder Sechsjährigen war Deutschland etwas Unbestimmtes, ohne bestimmten Standort. Deshalb beschloss ich, den Worten der Alten mehr Beachtung zu schenken, als ich es bisher getan hatte, und folgte den Gesprächen, die meine Mutter und sie während endloser gemeinsamer Nachmittage austauschten, in aller Stille vom Hinterzimmer aus. Eines Nachmittages, das weiß ich genau, fiel das Wort Berlin in einem Satz der Alten und blieb in meiner Erinnerung haften.
    – Berlin ist die schönste Stadt der Welt. Sie müssen einmal dahin fahren. Mir hat sie das Herz geheilt – verriet die Frau meiner Mutter, während diese still zuhörte und einen Hosenaufschlag annähte.
Auf diese Weise verschmolzen in meiner Vorstellung Berlin und die Schönheit.
Trini starb schon vor Jahren, aber bevor sie für immer verschwand – als ich schon größer war und die Vertrautheit unserer gemeinsamen Nachmittage sich in Freundschaft verwandelt hatte – erfuhr ich ihre Lebensgeschichte. Es ist die bewegendste und schrecklichste Geschichte, die ich jemals gehört habe. So sehr ich auch versuchte sie aufzuschreiben, nie gelang es mir, diese Erinnerungen mit Worten auf einem Blatt zu ordnen. Bis zum heutigen Tag. Nun hat vielleicht meine bevorstehende erste Reise nach Berlin diese Schwierigkeiten, die ich bisher nicht überwinden konnte, aufgelöst.
Die Geschichte von Trini ist nicht eine der vielen Geschichten galicischer Emigranten. Ich stamme von einem Volk ab, das zur Diaspora verurteilt ist: wegen seiner Armut und Not, und auch, weil die Galicier jenen Stern auf der Stirn tragen, der die Abenteurer, Versager und Dichter kennzeichnet.
Die Geschichte Trinis vereint in sich Krieg und Angst, Familie und Schrecken, Verfolgung, Tod und unermesslich viel Nostalgie.
Nach ihrem Tod fanden wir zwischen Trinis Habseligkeiten ein Fotoalbum, das dem Vergessen abgerungen war. Auf den alten Fotos waren unauslöschlich die Gesichter verschiedener Menschen erhalten, die das Buch des Lebens dieser Frau bewohnt hatten – einer Frau, die der Niedertracht viel näher gekommen war als sonst jemand und ihr buchstäblich ins Auge geblickt hatte. Gleichwohl leuchtet die Vorderseite dieser schwarzen Medaille golden, so golden wie das Wort Güte strahlt. Die Frauen, die Männer und die Kinder auf diesen vergessenen Fotos in einer leer stehenden Wohnung in Santiago de Compostela hörten vor über einem halben Jahrhundert an einem Ort in Deutschland auf zu sein. Eine Galicierin, die ihnen diente, die für sie sorgte und sie bis zur letzten Minute liebte, bewahrte das Andenken von denen, die nun schon vergessen sind, bis zu ihrem Tode. Jeden Freitag, bei Einbruch des Sabbaths, zündete Trini die Kerzen eines Leuchters an und betete auf Jiddisch ein Gebet für die, die nicht leben konnten.
Nach dem Ende des Terrors war Berlin für Trini der Balsam ihrer Seele und die Schönheit der Stadt nahm sie schließlich für sie ein und versöhnte sie mit der Welt. Aber ihr Gedächtnis hat niemals vergessen.
Mit diesen geborgten Erinnerungen, mit der Faszination für eine Stadt und mit dem Auftrag für eine Geschichte, die jemand – vielleicht ich – erzählen muss, reise ich nach Berlin wie jemand in die Zeit zurückreist und sich im Alter von fünf oder sechs Jahren, neugierig und unschuldig, in einem galicischen Hinterzimmer befindet und einem Gespräch über einen erträumten, weit entfernten und wunderbaren Ort lauscht, und über das Finstere und Furchterregende der menschlichen Seele.
Seitdem habe ich mit Berlin eine Verabredung offen.


Cita pendiente con Berlín

Oí la palabra Berlín por primera vez a los cinco o seis años de edad. Por aquel entonces, cada tarde acudía a la mercería de mi madre una mujer anciana llamada Trini. Unas veces venía para comprar algo: un trozo de goma, unas medias, unos paños de cocina. Pero la mayor parte de las tardes acudía con el deseo de encontrar a alguien con quien hablar. Mi madre siempre ha sido una mujer amable y tierna en el trato. Siempre ha sabido curar muchas soledades a base de compañía incondicional.
Lo primero que me llamó la atención de aquella mujer de pelo blanco y sonrisa imperturbable fue su extraño acento gallego, tamizado por la superposición de otra lengua cuya procedencia desconocía. A veces, en lugar de responder “sí”, decía “ja”, y algunas de sus frases parecían obedecer a una traducción simultánea que su cabeza obraba a medida que hablaba.
Cuando le pregunté a mi madre por esta curiosidad que envolvía la forma de expresarse de Trini, recibí una pista certera para empezar a entender el enigma.
– Se ha pasado casi toda su vida trabajando en Alemania.
A mis cinco o seis años de edad, Alemania era para mí una nebulosa sin ubicación determinada. Por eso decidí atender a las palabras de la anciana más de lo que lo venía haciendo hasta entonces, asistiendo en silencio desde la trastienda a las conversaciones que mi madre y ella intercambiaban a lo largo de aquellas interminables tardes compartidas. Una de esas tardes, estoy seguro de ello, la palabra Berlín saltó en medio de una frase de la ancina para quedarse clavada en mi recuerdo.
– Berlín es la ciudad más bonita del mundo. Algún día deberías visitarla. A mí me curó el corazón – le revelaba la mujer a mi madre, mientras ésta escuchaba en silencio y cosía el dobladillo de un pantalón.
Fue de ese modo como Berlín y la belleza se fueron fundiendo en mi imaginación.
Hace años que Trini se murió, pero antes de desaparecer para siempre, ya en mi adolescencia, cuando nuestra complicidad de tardes enteras se había convertido en amistad, asistí al relato de su vida. Es la historia más intensa y terrible que yo haya oído nunca. Por más que he pretendido escribirla, jamás he conseguido ordenar unas palabras en un folio con esos recuerdos. Hasta hoy. Quizás porque la inminencia de mi primer viaje a Berlín ha conseguido desbloquear dificultades imposibles de controlar hasta ahora.
La historia de Trini no es una de tantas historias de emigrantes gallegos. Procedo de un pueblo condenado a la diáspora, por razones de pobreza y de necesidad. También porque los gallegos llevan grabada en la frente la estrella que distingue a los aventureros, a los perdedores y a los poetas.
La historia de Trini mezcla guerra con miedo, familia con terror, persecución, muerte y dosis inmensas de nostalgia.
Al morir, entre las pertenencias de Trini encontramos un álbum de fotos robado al olvido. En aquellas viejas fotos permanecían indelebles las caras de varias personas que habitaron el libro de la vida de aquella mujer que vio cara a cara, más cerca que nadie, el significado de la palabra maldad. También el anverso de esa moneda negra, brillando dorada como de oro brilla la palabra bondad. Las mujeres, los hombres y los niños de aquellas fotos olvidadas en un piso vacío de Santiago de Compostela dejaron de existir en un lugar de Alemania hace más de medio siglo. Una gallega que los sirvió, los cuidó y los amó hasta el último minuto guardó hasta su muerte el recuerdo de los que ya nadie recuerda. Cada viernes, en su memoria, a la caída del sabath, Trini encendía las velas de un candelabro y rezaba una oración en yiddish por los que no pudieron vivir.
Después del horror, Berlín fue para Trini el bálsamo, y su belleza acabó por capturarla y reconciliarla con el mundo. Pero su memoria jamás olvidó.
Con esos recuerdos prestados, con la fascinación por una ciudad y con la encomienda de una historia que alguien – quizás yo – tiene que contar, viajo a Berlín como quien retrocede en el tiempo y se encuentra, con cinco o seis años de edad, curioso e inocente, escuchando hablar, desde el interior de una trastienda gallega, de lo lejano y maravilloso de un lugar soñado, también de lo sombrío y temible del alma humana.
Berlín, desde entonces, mantiene una cita pendiente conmigo.

                                Xosé A. Neira Cruz

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