10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Marie NDiaye  [ Deutschland, Frankreich ]

Biographie

Marie NDiaye Portrait
© Jean-Yves Cendrey

Gast des ilb 2008.

Bibliographie

Comédie classique
P.O.L.
Paris, 1987

Die lieben Verwandten
Hanser
München [u.a.O.], 1993
[Ü: Rolf Wintermeyer]

Die Hexe
Kunstmann
München, 1997
[Ü: Andrea Spingler]

Hilda
Merlin
Gifkendorf, 2003
[Ü: Almut Lindner]

Rosie Carpe
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2005
[Ü: Claudia Kalscheuer]

Alle meine Freunde
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2006
[Ü: Claudia Kalscheuer]

Mein Herz in der Enge
Suhrkamp
Frankfurt/Main, 2008
[Ü: Claudia Kalscheuer]

Übersetzung: Claudia Kalscheuer, Almut Lindner, Rolf Wintermeyer, Andrea Spingler

Marie NDiaye wurde 1967 in Pithiviers geboren. Sie wuchs in einem südlichen Vorort von Paris auf, wohin ihre französische Mutter nach der Trennung vom senegalesischen Vater gezogen war. NDiaye gilt als »Wunderkind der französischen Literatur«. Ihr erster Roman – eine an Proust geschulte Befindlichkeitsstudie eines jungen Mannes – erschien, als sie 17 Jahre alt war. Ihr ebenso fulminantes wie artistisches Nachfolgewerk, »Comédie classique« (1987), besteht aus einem einzigen Satz, der sich über hundert Seiten erstreckt. Seitdem hat sich ihre Sprache sukzessive vereinfacht, ohne die Raffinesse genauester Beobachtung und den charakteristischen Ton von unterschwelliger Bedrohung und dräuendem Unheil zu verlieren. Kritiker stellten sie deswegen in die Tradition von Kafka, James und Faulkner.

Im Mittelpunkt ihrer inzwischen zehn Romane stehen oft ungeklärte Geheimnisse und Außenseiter, die sich mit unzureichenden Kräften und einem Gefühl der Unterlegenheit und Überforderung um Anerkennung bemühen. In »En famille« (1990; dt. »Die lieben Verwandten«, 1993) beispielsweise kehrt eine 18-Jährige nach einer längeren Reise zu ihrer Familie zurück und arrangiert sich mühevoll mit der Tatsache, dass sie nicht wiedererkannt wird. In dem preisgekrönten Roman »Rosie Carpe« (2001; dt. 2005) folgt eine Frau – die ein Kind erwartet, ohne sich an den Zeugungsvorgang erinnern zu können – ihrer Familie von Frankreich nach Guadeloupe, wo sie dem Teufelkreis aus eigener Unbeholfenheit, elenden Verhältnissen und einer verrohten Umwelt ohne großen Erfolg zu entfliehen versucht. In NDiayes letztem Roman, »Mon cœur à l’étroit« (2007; dt. »Mein Herz in der Enge«, 2008), wird ein gutbürgerliches Lehrerehepaar aus seinem Alltag gerissen, als die Ehepartner plötzlich selbst von den eigenen Kindern geächtet werden, ohne sich irgendeiner Schuld bewusst zu sein. Andeutungen, denen keine Erklärung folgt, exakte Personenzeichnungen, die doch nur ambivalente Urteile über die handelnden Personen zulassen, und offene Enden erzeugen eine durchgängige Spannung und evozieren eine fremde und gleichzeitig vertraute Welt, die sich sowohl in komischen als auch in tragischen Facetten bricht.

Für ihr Werk wurde NDiaye mit einem Stipendiatsaufenthalt in der Villa Medici in Rom geehrt und mit dem Prix Femina ausgezeichnet. Auch als Bühnenautorin war sie erfolgreich. »Papa doit manger« (2003; dt. »Papa muss essen«, 2003) ist das zweite Drama einer Schriftstellerin, das in das Repertoire der Comédie Française aufgenommen wurde. Es war zunächst als Hörspiel konzipiert – wie auch »Hilda« (1999; dt. 2003), NDiayes frühes Bühnenstück über eine Dame aus der gehobenen Gesellschaft, die sich krampfhaft um die Freundschaft ihres Hausmädchens bemüht.

Zu NDiayes weiteren Werken zählen auch drei Kinderbücher sowie ein Essay- und ein Kurzgeschichtenband. Die Autorin arbeitete an Drehbüchern und an einer neuen französischen Bibelübersetzung mit . Seit September 2007 lebt sie – zusammen mit ihrem Ehemann, dem Schriftsteller Jean-Yves Cendrey, und ihren Kindern – in Berlin.

© internationales literaturfestival berlin

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Ich mag Berlin nur, wenn ich dort lebe – ich will in Berlin nicht Tourist sein, ich will Berlin nicht besichtigen. Ich kann hier bloß herumlaufen, lange, ziellos. Berlin entfacht ständig meine Lust zu schreiben.

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