10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Lucette ter Borg  [ Deutschland, Niederlande ]

Biographie

Lucette ter Borg Portrait
© Bert Nienhuis

Gast des ilb 2008.

Bibliographie

Das Geschenk aus Berlin
Wallstein
Göttingen, 2006
[Ü: Judith Dörries]

Übersetzerin: Judith Dörries

Lucette ter Borgwurde 1962 in Amsterdam geboren. Sie studierte Slawistik und historische Pädagogik an der dortigen Universität und arbeitete als Kunstkritikerin für die renommierten Tageszeitungen »NRC Handelsblad« und »Volkskrant«. Danach war sie Chefredakteurin für Kunst und Kultur bei der Wochenzeitung »Vrij Nederland«.

2004 erschien ihr Debütroman »Het cadeau uit Berlijn« (dt. »Das Geschenk aus Berlin«, 2006). Er erzählt vom Gutsverwalter Andreas Landewee, der sich im Jahr 1976, mit 76 Jahren, entschließt, Deutschland zu verlassen. Mit seinem Lieblingssohn Wolfgang will er in der kanadischen Wildnis von Britisch Kolumbien ein neues Leben anfangen. Nur die allerwichtigsten Dinge nimmt er mit : ein paar Kleidungsstücke, Bücher, seine Jagdgewehre, die Langspielplatten – und den Bechstein-Flügel seiner verstorbenen Frau, den er hütet wie einen Schatz.

In Rückblenden entfaltet sich allmählich ein Familienporträt vor dem Hintergrund der bewegten deutschen Geschichte der ersten Jahrhunderthälfte und die Charakterstudie eines ebenso leidgeprüften wie egozentrischen Musikliebhabers, der sich schweigsam und eigenwillig die Kraft des steten Neubeginns bewahrt. »Nichts wird erklärt, denn alles erklärt sich von selbst. Verwunderlich und wunderbar zugleich ist ter Borgs Fähigkeit, andere Leben anschaulich zu machen, ohne sie sich anzueignen: Gerade die Distanz, die sie immer zu ihren Figuren hält, ermöglicht es den Lesern, sich in diese schwierigen Charaktere hineinzufinden und ihnen nachzufühlen«, schrieb Barbara Garde.

Als Chronik ihrer eigenen Familie begonnen, für die ter Borg sich auf Spurensuche in die Niederlande, nach Deutschland, Tschechien, Russland, Kanada und Bosnien begab, enstand der Roman als klare, unprätentiöse Spiegelung der wortlosen und diffusen Scham über die Zeit des Nationalsozialismus. »Het cadeau uit Berlijn« wurde mit dem Preis für das beste niederländische Debüt ausgezeichnet.

Die Autorin redigierte zuletzt den Katalog des Kunstprojekts »World One Minutes« – bei dem 300 einminütige Videos aus neunzig Ländern präsentiert werden – mit Beiträgen von Cees Nooteboom, Juri Andruchowytsch, Maxim Bille r, Julio Llamazares und Silke Scheuermann. Ter Borgs neues Buch ist in Vorbereitung. Sie lebt in Amsterdam.

© internationales literaturfestival berlin

Berlin View

Erinnerung = Erwartung (von/an Berlin)

Lucette ter Borg

Damals stieg ich aufs Fahrrad und fuhr mit dir ins Odeon in der Hauptstraße, um [Wallace und Grommit] zu sehen als sie noch keiner kannte. Du hast jahrelang behauptet, dass dieser Abend der Schönste deines Lebens war, inzwischen aber wissen wir es beide besser.

Damals war es zum ersten Mal möglich, durch das Brandenburger Tor zu gehen, wo ein alter Russe auf einem Leierkasten spielte. Ich wollte nie meinem alten, sentimentalen Vater gleichen, aber auf irgendeine Art und Weise blies der Wind Tränen in meine Augen.

Damals machte ich keine Bekanntschaften, denn meine Zeitung hatte aus Versehen ein Zimmer in einem radikal-feministischen Hotel am Ende des Ku-Damms für mich reserviert. Alles war rosa und lila angestrichen, inklusive des Klobeckens. Die Blicke meiner Mit-Gäste morgens beim Frühstück waren schwarz und abwehrend. Mir war übel und ich war hochschwanger.

Damals glänzte im Tiergartengebüsch der Lippenstift eines Transsexuellen unbändig im Mondlicht. Komm, winkte er, und ich bedankte mich und radelte weiter.

In meiner Erinnerung bin ich auf dem Fahrrad unterwegs vom Wannsee nach Marzahn, von Mitte nach Kreuzberg. Ich besuche schäbige Ateliers mit undichten Dächern und wackeligen Treppenhäusern. Ich plumpse in alte Sofas in Kinos in besetzen Häusern und alten Fabriken. Ich werde von einem schnellen Russen angefahren, der schneller sein will als mein Fahrrad. Ich sehe, wie die Spree grün wird. Meine Hände frieren. Mein Herz überschlägt sich: Ich bin in Berlin.

Übersetzung: Irene Dirkes

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