10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Bora Ćosić  [ Serbien, Kroatien, Deutschland ]

Biographie

Portrait Cosic
© Bogdan Pedović

Gast des ilb 2002, 2003, 2004, 2006, 2008, 2010, 2013, 2016.

Bibliographie

Wie unsere Klaviere repariert wurden

Suhrkamp

Frankfurt a. M., 1968

[Ü: Peter Urban]

Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution

Rowohlt Berlin

Reinbek, 1994

[Ü: Mirjana u. Klaus Wittmann]

Bel tempo. Jahrhundertroman

Rowohlt Berlin

Berlin, 1998

[Ü: Irena Vrkljan u. Benno Meyer-Wehlack]

Die Reise nach Alaska

Suhrkamp

Frankfurt a. M., 2007

[Ü: Katharina Wolf-Grießhaber]

Tutoren

Schöffling & Co

Frankfurt a. M., 2015

[Ü: Brigitte Döbert]

Bora Ćosić wurde 1932 in Zagreb geboren. Ab 1937 lebte er in Belgrad, wo er Philosophie studierte. In den 1950er Jahren arbeitete er als Redakteur für verschiedene Zeitschriften und als Übersetzer aus dem Russischen. 1956 erschien sein erster Roman »Kuca lopova« (Ü: Haus der Diebe), eine surrealistische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Jugoslawien. Bald stand sein Name auf der »schwarzen Liste«. Die Theaterfassung seines Romans »Uloga moje porodice u svetskoj revoluciji« (1969; dt. »Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution«, 1994) zog ein mehrjähriges Publikationsverbot nach sich. Aus Protest gegen den Kurs des serbischen Regimes verließ Ćosić 1992 Belgrad und ließ sich im istrischen Rovinj nieder, wo sein »Tagebuch eines Heimatlosen« (1993) entstand. Ein Stipendium des DAAD führte ihn 1995 nach Berlin, wo er bis heute, im Wechsel mit Rovinj, lebt.

Bora Ćosić hat über dreißig Bücher geschrieben, die u.~a. ins Deutsche, Englische, Französische und Ungarische übersetzt wurden. In seiner satirisch-polemischen Familienchronik »Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution« aus der Zeit von der deutschen Besatzung bis zum Tito-Regime, die aus der scheinbar naiven Perspektive des kindlichen Icherzählers erzählt wird und die in Serbien zum Kultbuch wurde, orientiert sich Ćosić implizit an dem Konstruktionsprinzip der »Blechtrommel«. Dagegen ist der spielerische Umgang mit Günter Grass und anderen Vorbildern wie B. Krleža, Musil, Dostojewski, Hamsun oder Proust in anderen Fällen programmatisch. Dies signalisieren Titel wie »Musils Notizbuch«, »Ein zweites Treffen in Telgte« oder die fiktive Autobiografie »Miroslav Krleža« (1998). Die »Montage vorgefundenen Materials« ist laut dem Kritiker Karl-Markus Gauß Ćosić’ »bevorzugtes ästhetisches Prinzip«. So entwickelte er etwa die an den Rollstuhl gefesselte Protagonistin Suarda im Monolog-Roman »Bel tempo« (1982; dt. 1998) aus der Figur seiner Großmutter. Nach dem Tod eines Freundes begann Ćosić auch Gedichte zu schreiben. 2005 veröffentlichte er die Sammlung »Irenas Zimmer«. Zuletzt erschien 2015 in deutscher Übersetzung »Tutori« (1978; dt. »Tutoren«), eine in Slawonien (dem heutigen Kroatien) angesiedelte Familienchronik, deren vielschichtige Erzählweise die Kritiker begeisterte: »Virtuos parodiert Ćosić die Sprache der Literatur, der romantischen Poesie und der Gosse, der Bürokratie, der Gebrauchsanweisungen, Werbeprospekte, der Groschenromane und Enzyklopädien, der Haushalts- und Lehrbücher. Unmöglich, ihm dabei immer zu folgen, aber reich belohnt, wer es trotzdem versucht« (Karl-Markus Gauß, »Neue Zürcher Zeitung«). Das Buch wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2016 für die Übersetzung von Brigitte Döbert ausgezeichnet.

Bora Ćosić erhielt außerdem 2002 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung, 2008 den Internationalen Albatros Literaturpreis sowie 2011 den Internationalen Stefan-Heym-Preis.

Berlin View

Irgendwo in der Stadt Kopenhagen lebte um 1905 der Maler Vilhelm Hammershoi. Dort, im zweiten Stock der Strandgade Straße 30, machte er dieses merkwürdige Bild, ein Raum ohne alles. Nur eine Reihe geräumter Zimmer mit offenen Türen, als hätte er vorher all seine Sachen hinausgetragen.
    So entstand die Episode in meinem Buch "Die Zollerklärung", die Darstellung meiner ehemaligen Wohnung, in Belgrad, nachdem ich sie für immer verlassen hatte.
    Das könnte gleichzeitig auch das ideale Universum des Schreibens sein. Der Dichter Cesare Pavese betrachtete einen leeren, unbewohnten Ort als paradiesisch.

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