10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Marie Lundquist  [ Schweden ]

Biographie

ldw.Lundquist.portrait.jpg
© Thomas Waogstroem

Gast des ilb 2007.

Bibliographie

Jag går runt och samlar in min trädgård för natten
Bonnier Alba
Stockholm, 1992

Brev till de sovande
Bonnier Alba
Stockholm, 1993

Astrakanerna
Bonnier Alba
Stockholm, 1995

Istället för minne
Bonnier Alba
Stockholm, 1997

Studiehandledning till Avsändare Norden
En bok för alla
Stockholm, 1997

En fabel skriven på stenar
Bonnier
Stockholm, 1999

En enkel berättelse
Bonnier
Stockholm, 2002

Monolog för en ensam kvinna
Bonnier
Stockholm, 2005

Übersetzer: Klaus-Jürgen Liedke

Marie Lundquist wurde 1950 im schwedischen Jönköping geboren. Sie ließ sich an der Hochschule von Borås zur Bibliothekarin ausbilden und schloss 1976 mit einer Arbeit über schwedische Gegenwartslyrik ab. Anschließend war sie fünfzehn Jahre lang als Bibliothekarin tätig. Während dieser Zeit kam sie bei einem Fotografiekurs in Dänemark mit Schriftstellern in Kontakt, die sich für ihre lyrischen Arbeiten interessierten, was zur Folge hatte, dass ihre ersten Gedichte in dänischer Übersetzung erschienen. Lundquists erster Gedichtband, »Jag går runt och samlar in min trädgård för natten« (Ü: Ich laufe herum und sammle meinen Garten für die Nacht ein), erschien 1992. Die Gedichte bewegen sich an der Grenze zwischen Lyrik und Prosa. Es sind kurze Textstücke ohne Zeilenbrüche, die Geisteszustände und Gefühlswelten schildern: Einzeln gelesen ähneln sie Augenblicksbildern oder Wortspielen, zusammengenommen fügen sie sich zu einer Geschichte. Erzählt wird von einer Liebesbeziehung, die sich langsam ihrem Ende nähert. Gleichzeitig präsent ist das Motiv der abwesenden Mutter, das sich auch durch die folgenden Werke der Autorin zieht. Der Gedichtband wurde mit dem Lyrikpreis der Zeitschrift »Lyrikvännen« ausgezeichnet und für seine prägnante Sprache und die Stilsicherheit gelobt.

Seither arbeitet Lundquist als freie Autorin und hat sich inzwischen als eine eigene Stimme der schwedischen Lyrik etabliert. Sie veröffentlichte innerhalb von drei Jahren drei Bände mit ihrer charakteristischen Prosadichtung, die allein schon durch die grafische Gestaltung auffallen. Die »Strophen« der Gedichte sind als einzelne, geschlossene Textblöcke oben auf den Buchseiten platziert, die Abbildungen auf den Umschlägen sind sorgfältig von der Autorin ausgewählt. Die Präferenz für Form, Aussehen und Lautlichkeit der Wörter zieht sich durch Lundquists gesamtes Werk, das sich in immer stärkerem Ausmaß verschiedenen Genres annähert. In »En fabel skriven på stenar« (1999; Ü: Eine Fabel auf Steinen geschrieben) greift die Autorin auf die traditionelle Lyrikform mit Zeilenbrüchen zurück. In späteren Werken nähern sich die Texte der Prosa an. Lundquists siebtes und jüngstes Buch, »Monolog för en ensam kvinna« (2005; Ü: Monolog für eine einsame Frau), ist im Untertitel als »Erzählung« ausgewiesen. Es schildert eine Frau, die auf den Selbstmord ihrer Mutter zurückblickt, und thematisiert Einsamkeit, Tod und Verlust.

In den letzten Jahren schrieb die Autorin auch Dramen für das schwedische Radio; sie wurde für das Stück »Mammor får inte dö« (2005; Ü: Mütter dürfen nicht sterben) mit dem Literaturpreis des schwedischen Dramatikerverbandes ausgezeichnet. Unter ihren weiteren Ehrungen sind der Literaturpreis der Zeitung »VI« und der Lyrikpreis des Schwedischen Rundfunks. Lundquists Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Die Autorin arbeitet auch als Kulturjournalistin und als Dozentin für kreatives Schreiben. Zurzeit ist sie für das Schreibprogramm der Universität von Göteborg tätig. Sie lebt in Stockholm.

© internationales literaturfestival berlin

Berlin View

Das vierte Zimmer

Ich habe drei Zimmer zum Schreiben. Eine kleine Arbeitsbude im Erdgeschoss einer ehemaligen Zementfabrik, ein Schlafzimmer im 13. Stock mit Aussicht über acht Kirchtürme und einen weiß lackierten Schreibtisch in einem Fachwerkhäuschen in Südschweden, am Ende der Welt. Trotzdem fange ich in dem vierten an, dem unsichtbaren: dem leeren Raum.

Vor mir zwei Schreibtische, rechtwinklig aneinander gestellt. Von oben betrachtet bilden sie den ersten Buchstaben meines Nachnamen. Zuinnerst im Winkel sitze ich. Ich hebe den Blick und betrachte durch das Fenster einen seit Langem unbewohnten Nistkasten, an einer Weide aufgehängt. Auf dem schwarzen Brett links von dem Schreibtisch hängt Josef Koudelkas Fotographie von einem Jungen, der auf den Schoß einer bronzenen Madonna springt und ihre kalte Stirn küsst. Auf der gegenüber liegenden Wand die Worte Gaston Bachelards: »Um Holzschuhmacher zu werden, muss man wütend sein.«

[Aus dem Schwedischen von Sara Eriksson]

Marie Lundquists "Kommabild"

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