10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Faïza Guène  [ Frankreich ]

Biographie

Faïza Guène Portrait
© Ali Ghandtschi

Gast des ilb 2007.

Bibliographie

Kiffe kiffe demain
Hachette littératures
Paris, 2004

Paradiesische Aussichten
Carlsen
Hamburg, 2006
[Ü: Anja Nattefort]

Träume für Verrückte
Ullstein,
Berlin, 2008
[Ü: Anja Nattefort]

Übersetzer: Anja Nattefort

Faïza Guène wurde 1985 als Tochter algerischer Einwanderer in Bobigny bei Paris geboren und wuchs im Pariser Vorort Courtillières auf. Bereits als Jugendliche begann sie zu schreiben und sammelte in Schreibwerkstätten erste schriftstellerische Erfahrungen. Ein Betreuer erkannte das Talent der damals Dreizehnjährigen und ermunterte sie dazu, weiter zu schreiben. 2004 gab Guène mit »Kiffe kiffe demain« (dt. »Paradiesische Aussichten«, 2006) ihr fulminantes Debüt, und heute gehört sie zu den neuen jungen Stimmen der französischen Literatur. Der Roman, der weltweit für Aufmerksamkeit sorgte, verkaufte sich in Frankreich über 100.000 Mal und wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.

In knappen, bildreichen Sätzen erzählt »Paradiesische Aussichten« ohne jede Beschönigung vom Leben und Alltag junger Mädchen in den Banlieues von Paris: Die 15-jährige Doria lebt mit ihrer analphabetischen Mutter in der Vorstadt Cité du Paradis, der Vater hat die Familie verlassen, um in Marokko mit einer jüngeren Frau den ersehnten Sohn zu zeugen. Seitdem muss Doria einmal in der Woche zu einer Psychologin, die nach Läuse-Shampoo riecht und sie nicht versteht, aber nett ist. Außerdem sind da noch eine immer perfekt manikürte Sozialarbeiterin, ihr Kumpel Hamoudi, einer der »Großen« in der Cité, und Nabil, »die Null«, der ihr dreist den ersten Kuss raubt. Zwischen erstaunlicher Klarsicht und träumerischer Naivität schwankend, erfrischend humorvoll und ohne Larmoyanz zeichnet die Autorin in einem lebendigen Monolog die Gefühlswelt und die Gedanken der jungen Doria nach. Guène erzählt von der Wut und dem Frust französischer Jugendlicher aus sozial schwachen Verhältnissen und der Einsicht, dass trotz aller Widrigkeiten »die Zeit ja doch irgendwo hinläuft«. »Ihre Romane lesen sich wie Rap – und verkaufen sich zu Hunderttausenden. Faïza Guène spricht die Sprache der jungen Leute, die […] die Vorstädte in Frankreich auf den Kopf stellten. Und sie versteht sie: ›Sie sind von der Realität überfordert‹«, schrieb »Die Tageszeitung«. »Paradiesische Aussichten« ist für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2007 nominiert.

2006 erschien ihr zweiter Roman »Du rêve pour les oufs« (Ü: Träume für Verrückte), in dem die 24-jährige Ich-Erzählerin Alhème den Leser lebhaft »das Drama der Immigration und den Schmerz der Einwandererkinder in den Vorstädten spüren« lässt (»Le Canard Enchaîné«). Ernster und politischer als ihr Debüt, aber mit dem gleichen bestechenden Witz, berichtet Guène von den großen Missständen in der französischen Gesellschaft. »Ich wollte nicht die Rolle der Fahnenträgerin der Mädchen der Vorstädte übernehmen, aber so ist es gekommen, da nur wenige Leute meiner ›Schicht‹ in den Medien wirklich präsent sind. Wenn es jemand also schafft, sich Gehör zu verschaffen, spricht er zwangsweise für die anderen mit«, sagt die Autorin.

Neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit hat Faïza Guène bereits mehrere Kurzfilme gedreht, darunter den Dokumentarfilm »Mémoires du 17 octobre 1961« (2002), der sich mit dem Massaker Pariser Polizisten an friedlich demonstrierenden Algeriern an eben jenem Tag auseinandersetzt. Neben zahlreichen Lesereisen um die ganze Welt arbeitet Faïza Guène an ihrem neuen Roman und widmet sich audiovisuellen Projekten.

©  internationales literaturfestival berlin

Berlin View

Est-ce qu’il faut donner son secret ? Du genre des grands-mères qui refilent leur vieille recette de cuisine ? Avec ce quelque chose de sacré dans le regard qui te dit : « fais gaffe ! c’est précieux ce que tu tiens là ! »

Je ne sais pas si ça marche parce que j’ai compris que je ne ressemble pas à un écrivain. Du moins, je ne ressemble pas à l’idée qu’on se fait de l’écrivain.

De ce vieil homme triste qui écrit à la faible lueur d’une bougie, et qui passe sa vie à fabriquer des phrases qui prendront tout leur sens dans quelques siècles, frappant à la porte de tous les éditeurs, essuyant péniblement ses échecs successifs, noyant son chagrin dans le vin et l’opium. Il est un génie mais on ne le sait pas encore, on le saura plus tard. À travers des dissertations d’écoliers qui écriront : « Monsieur X. pensait que… »

Je ne ressemble en rien à Monsieur X et suis exaspérée par ce mythe de l’auteur maudit. L’écriture, je la vois vivante. Elle vivait sur les murs de ce petit appartement humide dans lequel j’ai grandi. Avec les craies blanches que je piquais à l’institutrice, je retraçais le parcours de mes princesses pauvres. L’écriture, elle vit tout le temps, partout. Tous ces visages épuisés aux heures de pointe, qui me racontent des histoires couchées sur mes tickets de métro. À l’aube, en rentrant de boîte de nuit, mes post-it sur lesquels je griffonne des idées que j’ai peur de me faire kidnapper par le sommeil. En voiture, pendant que mon mari conduit, une idée me vient et je le supplie de s’arrêter dès qu’il voit une papèterie ou je peux trouver un stylo et un carnet. L’écriture se mélange à la vie. Pas de moment particulier, ni d’atmosphère. Juste un peu d’inspiration. Surtout pas de discipline. Surtout pas.

Soll ich mein Geheimnis verraten? Wie eine Großmutter ihr altes Kochrezept? Mit diesem komplizenhaften Augenzwinkern, das soviel bedeutet wie: »Vorsicht! Das ist sehr wertvoll!«

Ich weiß nicht, ob das funktioniert, denn ich habe festgestellt, dass ich nichts von einem Schriftsteller habe. Wenigstens nicht von der Vorstellung, die man sich im Allgemeinen von einem Schriftsteller macht.

Von diesem traurigen alten Mann, der im schummerigen Kerzenschein schreibt und sein Leben damit verbringt, Sätze zu fabrizieren, die ihren ganzen Sinn erst ein paar Jahrhunderte später entfalten werden, der bei allen Verlegern an die Tür klopft, schmerzlich unter dem dauernden Misserfolg leidet und seinen Kummer in Wein und Opium ertränkt. Er ist ein Genie, aber das ist noch nicht bekannt, das kommt erst später. Wenn Schüler in ihren Aufsätzen schreiben: »Monsieur X. war der Ansicht, dass…«

Ich habe nichts von diesem Monsieur X, und der Mythos vom verkannten Dichter macht mich rasend. Für mich ist das geschriebene Wort etwas Lebendiges. Es lebte an den feuchten Wänden der kleinen Wohnung, in der ich aufgewachsen bin. Mit der weißen Kreide, die ich meiner Lehrerin stibitzte, beschrieb ich das Schicksal meiner armen Königstöchter. Das geschriebene Wort lebt immer, überall. In der Stoßzeit lausche ich all den erschöpften Gesichtern, deren Geschichten auf meinem Metro-Ticket landen. Im Morgengrauen komme ich aus der Disco und kritzele meine Ideen auf Post-its, damit der Schlaf sie mir nicht raubt. Und wenn ich im Auto einen Einfall habe, bitte ich meinen Mann, vor dem nächsten Schreibwarenladen anzuhalten, damit ich mir Stift und Papier kaufen kann. Das geschriebene Wort und das Lebens sind eins. Kein besonderer Moment oder Atmosphäre. Nur ein bisschen Inspiration. Vor allem keine Disziplin. Bloß nicht.

[Aus dem Französischen von Anja Nattefort]

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