10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Duong Thu Hong  [ Vietnam, Frankreich ]

Biographie

Duong Thu Hong Portrait
© Timothy Karr

Gast des ilb 2007.

Bibliographie

Liebesgeschichte, vor der Morgendämmerung erzählt
Horlemann
Unkel/Rhein, Bad Honnef, 1992
[Ü: Ursula Lies]

Bitterer Reis
Goldmann
München, 1993
[Ü: Sabine Lohmann]

Paradise of the Blind
Penguin
New York, 1994
[Ü: Nina McPherson, Phan Huy Duong]

Novel without a Name
W. Morrow
New York, NY, 1995
[T: Nina McPherson, Phan Huy Duong]

Roman ohne Namen
Unionsverlag
Zürich, 1997
[Ü: Ursula Lies]

Memories of a Pure Spring
Picador
London, 2001
[Ü: Nina McPherson, Phan Huy Duong]

Myosotis
Picquier
Arles, 2001
[Ü: Phan Huy Duong]

Beyond Illusions
Picador
London, 2003
[Ü: Nina McPherson, Phan Huy Duong]

Itineraires d´enfance
Editions Sabine Wespieser
Paris, 2007
[Ü: Phuong Dang Tran]

L´Embarcadere des femmes sans mari
L´Aube
La Tour d’Aigues, 2007

No Man´s Land
Hyperion
New York, 2005
[Ü: Nina McPherson, Phun Huy Duong]

Duong Thu Huong wurde 1947 in der nordvietnamesischen Provinz Thai Binh geboren. Sie studierte an einer Kunsthochschule, die ins Umland von Hanoi verlagert worden war, um ihrer Zerstörung durch Bomben vorzubeugen. Im Alter von zwanzig Jahren wurde Duong gezwungen, eine arrangierte Ehe einzugehen. Anschließend war sie beinahe zehn Jahre lang Leiterin einer Künstlergruppe zur Unterhaltung der Soldaten an der Front, hauptsächlich an der Grenze zu Südvietnam, wo schwerste Bombardements stattfanden. Dort erlebte sie auch die Arroganz und Verachtung der kommunistischen Parteikader, die ihre Generation in dem Krieg anführten.
Nach Beendigung des Krieges durch die Kapitulation Südvietnams arbeitete sie in den Filmstudios von Hanoi. Sie ließ sich von ihrem Ehemann scheiden und wurde die erste weibliche Kriegskorrespondentin im Krieg gegen China. Gleichzeitig begann sie, eigene literarische Werke zu veröffentlichen. Bis heute verfasste sie zahlreiche Gedichte, Theaterstücke, Kurzgeschichten, Essays und Romane. »Ich hatte nie die Absicht, Schriftstellerin zu werden. Ich schrieb aus Schmerz. Schmerz ist das richtige Wort. Meine Romane sind Schmerzensschreie. Mein Werk ist untrennbar verbunden mit der Gesellschaft, in der ich lebe, mit dem Land, das mich pr ägte: Vietnam. Während des Krieges hatte ich keine Zeit, zu überlegen. Ich notierte einfach die Schicksale meiner Landsleute. Nach und nach wurde das zu einer Leidenschaft, und schließlich musste ich schreiben.«
Zu Beginn der achtziger Jahre äußerte Duong in Reden auf offiziellen Parteiveranstaltungen und Kongressen der Schriftstellervereinigung sowie in Interviews für verschiedene Parteipublikationen Kritik an Bürokratie, Korruption und »intellektueller Feigheit«. 1987 war sie mit dem Roman »Ben Kia Bo Ao Vong« (Eng. »Beyond Illusions«, 2002) die erste Schriftstellerin, die den diktatorischen Zugriff der Partei auf Kunst und Kultur an pr angerte und die vietnamesischen Intellektuellen für ihre Bereitschaft angriff, sich mit Lügen ihren Unterhalt, Ruhm und Macht zu verdienen. Nach ihrem dritten Roman »Nhung Thien Duong Mu« (1988; dt. »Bitterer Reis«, 1993), der die Schrecken der Landreform von 1953 thematisiert, wurde sie mit einem Publikationsverbot belegt. 1990 schickte sie ihr Manuskript des Romans »Tieu Thuyet Vo De« (dt. »Roman ohne Namen«, 1997) zur Veröffentlichung nach Frankreich und in die USA. Im selben Jahr wurde sie aus der Partei ausgeschlossen und ihr Dokumentarfilm über die unmenschlichen Lebensbedingungen in einem Lager für psychisch kranke Kriegsveteranen zerstört. 1991 wurde sie ohne Gerichtsverfahren inhaftiert und erst nach sieben Monaten aufgrund von internationalen Protesten freigelassen.
Duongs im Ausland veröffentlichte Romane erschienen auf Französisch, Englisch und in mindestens zehn weiteren S pr achen. Die Autorin wurde von der Französischen Regierung in den Stand eines Chevalier des Ordre des Arts et des Lettres erhoben. Sie wurde mit dem Preis der Prinz-Claus-Stiftung und dem Premio Grinzane Cavour ausgezeichnet. Außerdem wurden ihre Romane für den International Dublin IMPAC Award nominiert. Duong Thu Huong lebt zurzeit in Paris.


© internationales literaturfestival berlin

Duong Thu Hong
© Ali Ghandtschi

Berlin View

Der Ort des Schreibens

Der Ort des Schreibens ist eine Art Gewohnheit, die für vornehme, reiche Leute selbstverständlich ist, und vor allem für jene, die ein angenehmes, friedliches Leben führen. Aber was ist der Ort des Schreibens jener verfolgten Schriftsteller, politischer Gefangenen und vieler anderer, die nicht leben, sondern überleben und für die das Schreiben ein Rettungsanker ist, der sie vor dem Untergehen bewahrt?...

Ich denke an den Autor des "Don Quijote", der seinen Roman in einem mittelalterlichen Gefängnis schrieb. Eins ist sicher: In seinem Raum gibt es keine Musik, weder Sinfonien von Beethoven, Chopin, Mozart, noch Jazz oder Volksmusik. Und noch eins ist sicher: In seiner Zelle gibt es keinen kostbaren Duft wie den der Rose, der Aloe oder des wohlriechenden Calambac, sondern nur den Gestank der Aborte, der den Gefangenen ständig folgt. An diesem ungastlichen Ort hat Cervantes dennoch sein ewig geltendes, glänzendes Buch geschrieben.

Vielleicht sagt Ihnen diese Tatsache etwas?...

Und ich erinnere mich auch an ein anderes Buch, das die Leser der ganzen Welt zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erschütterte. Es ist der Roman "Papillon". Was ist in diesem Fall der Ort des Schreibens für den Autor, der ein echter Gefangener ist, der wegen einer falschen Anklage fast sein gesamtes Leben in einem französischen Gefängnis verbrachte?...

Welches ist der ideale Ort, um so ein wunderbares und schreckliches Buch zu schreiben?... Vielleicht seine Zelle, wo er Kakerlaken jagte, um sie roh zu verschlingen, wo er ständiger Folter ausgesetzt war, wo er träumte und die Tage bis zu seiner schicksalhaften Flucht zählte?...

Dies ist tatsächlich sein Ort des Schreibens, denn die Tage, an denen er die Dinge auf das weiße Papier bringen kann, sind nur die letzten Momente, in denen er das Buch korrigieren kann, das er aus seinem ganzen Leben gemacht hat.

Diese beiden Beispiele sind für mich am interessantesten, weil sie in charakteristischer Weise die absolute Freiheit beweisen, die der Schriftsteller als Waffe benutzen kann, um sich zu schützen und zu entwickeln.

Verschiedene Wege führen nach Rom.

Es gibt verschiedene Arten zu leben und zu überleben.

Der Ort des Schreibens ist an sich gleichgültig; das ist unumstößlich.

Duong Thu Huongs "Kommabild"