10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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David Grossman  [ Israel ]

Biographie

David Grossman Portrait
© Hartwig Klappert

Gast des ilb 2007.

Bibliographie

Ein spätes Duell
Carlsen 
Hamburg, 1990 
[Ü: Mirjam Pressler]

Der gelbe Wind
Droemer Knaur
München, 1990
[Ü: Jürgen Benz]

Joram wünscht sich was
Carlsen 
Hamburg, 1990 
[Ü: Mirjam Pressler]

Momik, das bin auch ich
Hanser 
München, 1990
[Ü: Mirjam Pressler]

The book of intimate grammar
Farrar, Straus, Giroux
New York, 1994
[Ü: Betsy Rosenberg]

Der Kindheitserfinder
dtv
München, 1996
[Ü: Judith Brüll]

Sei du mir das Messer 
Hanser 
München, 1999
[Ü: Vera Loos und Naomi Nir-Bleimling]

Eine offene Rechnung
Hanser 
München, 2000
[Ü: Mirjam Pressler]

Death as way of life
Farrar, Straus and Giroux
New York, 2003
[Ü: Haim Watzman]

Diesen Krieg kann keiner gewinnen
Hanser
München, Wien, 2003
[Ü: Ruth Achlama et al.]

Stichwort: Liebe
Fischer
Frankfurt/Main, 2004
[Ü: Judith Brüll]

Das Gedächtnis der Haut
Hanser
München, Wien, 2004
[Ü: Vera Loos, Naomi Nir-Bleimling]

Das Lächeln des Lammes
Fischer
Frankfurt/Main, 2005
[Ü: Judith Brüll]

Zickzackkind
dtv
München, 2005
[Ü: Vera Loos, Naomi Nir-Bleimling]

Wohin du mich führst
dtv
München, 2005
[Ü: Vera Loos, Naomi Nir-Bleimling]

Löwenhonig
Berlin Verlag
Berlin, 2006
[Ü: Vera Loos, Naomi Nir-Bleimling]

Übersetzer: Jürgen Benz, Judith Brüll, Vera Loos, Naomi Nir-Bleimling, Mirjam Pressler, Betsy Rosenberg, Haim Watzman

David Grossman wurde 1954 in Jerusalem geboren. Im Alter von zehn Jahren begann er, für Jugendsendungen bei Radio Israel zu arbeiten und war dort bis 1989 als Nachrichtenredakteur, Hörspielautor und S pr echer tätig. Nach seinem Militärdienst studierte Grossman Philosophie und Theaterwissenschaft an der Hebräischen Universität. Schon seine ersten Erzählungen behandeln zwei Themen, die sein gesamtes Werk pr ägen sollten: das Erwachsenwerden und der von Krieg und Gewalt ge pr ägte Alltag in Israel. Seitdem verfasste Grossman zahlreiche Romane, Erzählungen, Hörspiele und Theaterstücke – darunter einige für Kinder –, Sachbücher und Artikel. Er gehört zu den bedeutendsten israelischen Autoren seiner Generation und ist ein unermüdlicher Advokat für den israelisch-palästinensischen Ausgleich. Grossmans zwei Jahre nach Erscheinen verfilmter Debütroman »Hiuch Ha-Gedi« (1983; dt. »Das Lächeln des Lammes«, 1988) thematisiert die Besetzung der West-Bank, seine Reportagesammlung »Ha-Zeman Ha-Tzahov« (1987; dt. »Der gelbe Wind«, 1988) dokumentiert Einzelfälle des israelisch-palästinensischen Konflikts. Seit dem Osloer Friedensabkommen 1993 publizierte Grossman zahlreiche Artikel in amerikanischen und europäischen Zeitungen, von denen eine Auswahl unter dem Titel »Mavet Kederech Chaim« (2003; dt. »Diesen Krieg kann keiner gewinnen«, 2003) erschien. Im selben Jahr veröffentlichte die von ihm mitgegründete Aktionsgemeinschaft »Genfer Initiative« ihr Modell für einen dauerhaften Frieden. Wenige Wochen nachdem sein Sohn Uri als Soldat im Libanonkrieg 2006 starb, hielt Grossman in Anwesenheit von Premierminister Olmert einen flammenden Appell für eine Abkehr der bisherigen Politik der Gewalt und des Misstrauens.
Die Literatur, so der Autor in einer Rede auf der Jerusalemer Buchmesse, leiste einen entscheidenden Beitrag zur Überwindung des Konflikts: »In einer so gewalttätigen Wirklichkeit zu schreiben ist ein fortwährender Versuch, die Individualität zu erlösen und die Einzigartigkeit des Individuums in einer Situation einzufordern, die jede Einzigartigkeit und Nuance verwischt.« Seine Kunst, Einzelschicksale anrührend zu schildern und verschiedene Wirklichkeitsebenen zu vermengen, zeigt Grossman häufig in Romanen, welche die Grenze zwischen Jugend- und Erwachsenenliteratur aufheben. »Ajien Erech: Ahavah« (1986; dt. »Stichwort: Liebe«, 1991) kreist mit den Stimmen von vier Erzählern um die Versuche eines Kindes, den Holocaust zu begreifen, von dem es ge pr ägt ist, ohne ihn selbst erlebt zu haben. »Jesh Jeladim Zigzag« (1994; dt. »Zickzackkind«, 1996) erzählt von einem Jugendlichen auf der Suche nach dem Geheimnis seiner Familie, durch die er schließlich auch zu sich selbst findet. Zuletzt veröffentlichte er unter dem Titel »Dvash Araiot« (2005; dt. »Löwenhonig«, 2006) einen Kommentar des Mythos von Samson, in dem nicht die legendäre Stärke der Heldenfigur, sondern ihre Schwäche hervorgehoben ist.
Für sein Werk wurde Grossman mit zahlreichen literarischen Preisen ausgezeichnet, darunter der Valumbrosa-Preis, der Premio Grinzane, der Nelly-Sachs-Preis, der Premio Mondelo, der Vittorio-de-Sica-Preis, der Marsh Award for Children's Literature in Translation, der Juliet-Club-Preis, der Buxtehuder Bulle, der Manés-Sperber-Preis und der Sapir-Preis. Daneben erhielt er für sein politisches Engagement den Har-Zion-Preis. 1998 wurde er zum Chevalier des Arts et des Lettres ernannt. Er lebt in einem Vorort von Jerusalem.

© internationales literaturfestival berlin

Berlin View

Mein Schreibraum

Wenn ich schreibe, dann gehe ich auch immer, gedrängt mich zu rühren, in Bewegung zu sein. Der Ort selbst ist mir weniger wichtig. Ich schreibe zu Hause, in gemieteten Wohnungen, in Cafés, auf Reisen, in Flughäfen und Flugzeugen – in jedem freien Moment (eigentlich denke ich gerade, dass die Zeit mein Schreibraum ist, mehr als jeder physikalische Raum). Meine Frau macht sich über mich lustig und meint, ich könne auch in einem Mixer schreiben.

Wegen des Bedürfnisses, in Bewegung zu sein, bevorzuge ich einen Ort, an dem ich auf und ab gehen kann. Gerne draußen, in der Natur, aber auch ein kleines Zimmer würde ausreichen. Normalerweise sitze ich an einem Tisch, wenn ich beginne zu schreiben, doch jede neue Idee, jeder neue Gedanke lassen mich von meinem Platz aufspringen, und danach bin ich nicht mehr in der Lage zu sitzen und beginne zu gehen, manchmal drei, vier Stunden lang, und meistens im Kreis, ein bisschen wie ein Häftling.

Vor einigen Jahren, während des Schreibens von „Sei du mir das Messer“, mietete ich eine Ein-Zimmer-Wohnung in einer kleinen Stadt im Norden Israels. Ich kaufte Essen für zehn Tage, und während all dieser Tage ging ich nicht ein einziges Mal aus dem Haus. Viele Stunden am Tag und in der Nacht ging ich in dem kleinen Zimmer umher, immer im Kreis, ich schrieb und ich lief, und wenn mir die Kraft ausging, fiel ich auf das Sofa, das dort stand, schlief für einige Stunden, stand wieder auf und schrieb weiter. Die Vermieterin, die in der Wohnung unter mir wohnte, beschwerte sich, dass ich sie um den Verstand brächte mit meinem ständigen Im-Kreis-Gehen, und alle paar Tage klopfte sie und lugte über meine Schulter. Ich hatte das Gefühl, sie überprüfe, ob ich nicht eine Brandspur auf ihrem Teppich hinterließe. Als ich von jenem Ort, es waren zwei Stunden Fahrt, nach Hause zurückkam, hatte ich einen Jetlag als ob ich vom Ende der Welt käme (und tatsächlich kam ich von dort).

[Übersetzung: Jan Martin Ogiermann]

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