10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Asli Erdoğan  [ Türkei ]

Biographie

Asli Erdoğan Portrait
© Muamer Yanmaz

Gast des ilb 2007.

Bibliographie

Kabuk Adam
Mitos
Istanbul, 1994

Mucizevi Mandarin
Mitos
Istanbul, 1997

Holzvögel
[Hg: Mehmet Bari]
Önel
Köln, 1998

Kırmızı Pelerinli Kent
Adam
Istanbul, 1998

Bir yolculuk ne zaman biter: deneme
Can
İstanbul, 2000

Absürd öyküler
Okuyan Us Yayın
İstanbul, 2003

Hayatın Sessizliğinde
Merkez Kitapcilik
Istanbul, 2005

Bir delinin güncesi
Everest
İstanbul, 2006

Übersetzer: Angelika Gillitz-Acar, Angelika Hoch

Asli Erdoğan wurde 1967 in Istanbul geboren. Aus der säkularen Mittelschicht stammend, besuchte sie die englischsprachige Schule Robert Lisesi und studierte an der Istanbuler Bosphorus University Informatik. Anschließend arbeitete sie am Fachbereich für Physik ihrer Universität und an der Europäischen Organisation für Kernforschung CERN in Genf, wo sie ihre Magisterarbeit erstellte und parallel dazu ihren ersten Roman schrieb. »Kabuk Adam« (Ü: Der Muschelmann) erschien 1994, als Erdoğan an der Universität von Rio de Janeiro ihre Dissertation vorbereitete. Doch anstatt ihre akademischen Studien abzuschließen, beendete sie nur die Erzählung »Mucizevi Mandarin« (1996; Ü: Der wundervolle Mandarin), die erschien, nachdem sie von Reisen nach Südamerika und Afrika wieder in die Türkei zurückgekehrt war. Seither ist Erdoğan freie Schriftstellerin.

Mit den Stilmitteln der Postmoderne und aus Traditionen der Weltliteratur schöpfend erkundet sie mit undogmatischem Blick sowohl ihre türkische Herkunft als auch die Fremde. Vor dem Hintergrund einer globalisierten Welt werden so das Spannungsfeld von Freiheit und Einsamkeit ausgelotet und die Nachbarschaft von Wirklichkeit und Wahn eruiert. Als Maßstab der Orientierung dienen der Menschenrechtsaktivistin Erdoğan insbesondere die Erscheinungsformen von Leid und Ungerechtigkeit, denen sie immer wieder nachspürt. »Mucizevi Mandarin« erzählt von einer jungen Frau, die auf einem Auge erblindet, nachdem ihr Liebhaber sie verlassen hat, und am Genfer See in Melancholie und eine Traumwelt nächtlicher Spaziergänge und Cafébesuche eintaucht. Die Kurzgeschichte »Tahta kuşlar« (dt. »Holzvögel«), die 1996 den Preis der Deutschen Welle gewann, schildert eine multinationale Gruppe ganz unterschiedlicher junger Frauen und den ihnen allen gemeinsamen, rührenden Hunger nach Teilhabe am Leben. Erdoğans Roman »Kırmızı Pelerinli Kent« (1998; Ü: Die Stadt mit der roten Pelerine) wurde in zwölf S pr achen übersetzt und erscheint 2008 auch auf Deutsch. Er schildert Rio de Janeiro – aus der Sicht einer jungen Türkin am Rande des Ich-Verlusts – als so vitale wie brutale, erbarmungslose Metropole. Der letzte Roman der Autorin, »Hayatın Sessizliğinde« (2005; Ü: In der Stille des Lebens), wurde als Tanzstück adaptiert und vom Dünya-Verlag zum Buch des Jahres gekürt.

Erdoğan ist Mitglied des PEN und der türkischen Schriftstellervereinigung sowie Gründungsmitglied des Kunst- und Literaturforums von Diyarbakır, wo sie regelmäßig Workshops, Seminare und Vorlesungen abhält. Sie schreibt für verschiedene Zeitungen und war von 1998 bis 2000 Verfasserin einer Kolumne in der türkischen Zeitung »Radikal«. Eine Auswahl ihrer Artikel und Kommentare, die sich meist mit Menschenrechtsfragen auseinandersetzen, erschien in bislang zwei Bänden. Nach der Ermordung des armenischen Journalisten Hrant Dink, mit dem sie befreundet war, zog sich Erdoğan aufgrund ihrer öffentlichen Stellungnahmen zum wiederholten Male den Zorn von Nationalisten zu. Die Autorin lebt in Istanbul.

©~ internationales literaturfestival berlin

Berlin View

Ich bin hier, in der Nacht, in meiner eigenen Nacht, in die ich wie in ein Zelt eingetreten bin... Das hier ist ein bernsteinfarbenes Zimmer, beleuchtet von einer einer grellen Lampe und allseitig tapeziert. Papier, Wort, Buchstabe, Zeichen, Ikon, Symbol... Ohne Erinnerungen, ohne Menschen. Das goldene Licht rahmt, scheint es, eher die Dunkelheit ein, als dass es für Helligkeit sorgt; es ruft die Schatten herbei und häuft sie in verlassenen Ecken auf. Sieben erkaltete Tassen belagern mein Schweigen, und randvolle Aschenbecher... Ich fühle mich wie ein Relikt einer längst vergangenen Zeit, zwischen Papierhaufen, die sich auf allen Seiten türmen. Dicht und bitter wie Kaffeesatz ist dieses Gefühl, das, wenn ich das Licht der Wörter projiziere, einen größeren Schatten wirft als es selbst ist: Meine Einsamkeit.

Die Nacht dünnt rapide die Straßen aus, kühlt die Luft ab, verlängert die Schatten. Die Dunkelheit umhüllt riesige Hügel, breitet sich auf Plätzen und Straßen aus, umrankt lianenhaft die Stadt, wächst unaufhörlich. Worte, die den ganzen Tag lang bis zur Erschöpfung verwendet worden sind, treiben schweigsam allmählich zum Meer. Mit einem Pfeifen im Schlepptau des Nachtwindes verlässt das Schiff den Hafen. Eine plötzlich erwachende Taube ruft ängstlich nach ihrem Partner.

Zwischen halb vollen Papieren, leeren Tassen, randvollen Aschenbechern sitze ich, wo Zufälle mich angeschleppt haben... In der Nacht ohne Antworten und ohne Stimmen greife ich nach einem Stift. Manchmal so schwierig...

[Übersetzung: Ali Ortac]

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