10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Salim Bachi  [ Algerien, Frankreich ]

Biographie

Salim Bachi Portrait
© Hartwig Klappert

Gast des ilb 2006.

Bibliographie

Der Hund des Odysseus
Lenos-Verlag
Basel, 2002
[Ü: Michael von Killisch-Horn]

Tuez-les tous
Gallimard
Paris, 2005

Autoportrait avec Grenade
Ed. du Rocher
Monaco, 2005

Villa Kahéna
Lenos-Verlag
Basel, 2006
[Ü: Regula Renschler]

Les Douze Contes de minuit
Gallimard
Paris 2007

Le Silence de Mahomet
Gallimard
Paris 2008

Salim Bachi wurde 1971 in Algier geboren und wuchs im ost-algerischen Annaba auf. Er studierte in beiden Städten und an der Sorbonne Französische Sprache und Literatur. Seit 1997 lebt er in Paris. Bachi debütierte mit Kurzgeschichten, die in verschiedenen Zeitungen wie »Le Monde diplomatique« veröffentlicht wurden. Bereits mit seinem ersten, dreifach ausgezeichneten Roman »Le Chien d’Ulysse« (2001; dt. »Der Hund des Odysseus«, 2003) erwies sich Bachi als bedeutender Vertreter der aufstrebenden Literatur des modernen Maghreb. Handlungsort ist die fiktive, für Algerien archetypische Stadt Kirtha, die mit ihrem Namen auf die alte numidische Hauptstadt und auf die vielfältige Geschichte Nordafrikas seit der römischen Kolonisation verweist. Wie James Joyce’ »Ulysses«, dessen Strukturprinzip der Roman aufgreift, trägt sich die anspielungsreiche Handlung an einem einzigen Tag zu, und zwar am vierten Jahrestag der Ermordung des algerischen Präsidenten Boudiaf im Jahr 1992, als die Auseinandersetzungen zwischen Regierung und Islamisten im algerischen Bürgerkrieg auf ihren Höhepunkt zusteuerten. Der nächtliche Irrgang eines Literaturstudenten, seine Träume und Phantasien ebenso wie die Lebensgeschichten seiner Freunde und Bekannten zeigen die Orientierungslosigkeit einer Generation, für die alle Werte in Gewalt und Elend verloren gegangen sind. Ohne Stellung für eine der Parteien zu beziehen, entwirft der multiperspektivische Roman ein bisweilen ironisches Gesellschaftsbild und kann bezeichnenderweise in Algerien nicht verkauft werden, obwohl er offiziell nicht verboten ist.
Mit der Kolonialzeit beschreibt Bachi den Vorläufer des heutigen Algerien in seinem zweiten Roman, »La Kahéna« (2003; dt. »Villa Kahéna«, 2006). Im Zentrum steht das wiederum in der fiktiven Stadt Kirtha errichtete Haus eines Siedlers aus Malta. Dieser bringt es nach einem abenteuerlichen Abstecher nach Cayenne und in den brasilianischen Urwald zwar zu Reichtum und Ehren in der französischen Kolonie, gerät aber gegen Ende seines Lebens zwischen die Fronten der Kolonialmacht und der nach Unabhängigkeit strebenden algerischen Bevölkerung. Wie auch in Bachis folgenden Werken wird hier Geschichte zur Orientierungsmöglichkeit für die Zukunft. »Die Erinnerung kann eine Krankheit sein, eine Last, aber die Erinnerung zu hassen bedeutet, in Barbarei zu verfallen. Man darf Erinnerung nicht fixieren und das Risiko eingehen, dass sie sich in einen Mythos verwandelt, aber man darf sie aus dem gleichen Grund auch nicht verstecken.«
Bachis Roman, »Tuez-les tous« (2006; Ü: Bringt sie alle um), beleuchtet am Beispiel eines der Attentäter vom 11. September die sozialen und politischen Hintergründe des islamistischen Fundamentalismus und schildert ihn als mörderischen Ausweg aus dem Dilemma der modernen arabischen Welt, die den Westen gleichzeitig bewundert und verachtet.
Der Autor wurde mit dem Prix Goncourt du premier roman, der Bourse Prince Pierre de Monaco de la découverte, dem Prix littéraire de la vocation der Fondation Marcel Bleustein-Blanchet und dem Prix Tropiques ausgezeichnet. Er war Stipendiat der Villa Medici in Rom und lebt in Paris.

© internationales literaturfestival berlin

Berlin View

J’ai commencé à écrire dans ma chambre, sur une vieille olivetti. Je n’avais pas encore quitté l’Algérie. Je composais de la poésie. J’étais jeune, naïf, et je pensais qu’il fallait vivre intensément pour écrire. Résultat : je ne vivais pas. Je me contentais de rêver une vie illustre. Et, quand l’envie m’en prenait, je notais des vers que je pensais immortels.
        Plus tard, je débarquais à Paris, j’étais jeune, naïf, mais je ne pensais plus qu’il fallait vivre intensément pour écrire. J’avais vécu. Je ne composais plus de poésie. Mais j’écrivais toujours dans ma chambre, boulevard du Montparnasse, à quelques mètres de la rue où se promenait Rainer Maria Rilke, la rue Notre-Dame des Champs. Et aussi à deux encablures de la rue Campagne première où Aragon rejoignait Elsa Triolet dans ce petit hôtel dont j’ai oublié le nom.
        J’y passai un an à écrire des nouvelles, à lire, à m’ennuyer. A me promener rue Notre-Dame des Champs. Je rentrai en Algérie.
        Je me retrouvai dans ma chambre, devant la vieille olivetti. J’eus pour la première fois l’impression de tourner en rond. Comme un mouche dans une pièce close, se cognant contre les vitres quand elle aperçoit le ciel bleu, là-bas, si loin, si proche.
          Je revins à Paris. Cité Universitaire, rue Darreau. Neuf mètres carrés. Une cellule. En un mois, j’y écrivis la première version de mon premier roman, Le Chien d’Ulysse. Le mois fini, je déménageai pour la Cité Universitaire Internationale de Paris (CIUP), boulevard Jourdan. La chambre faisait à présent quinze mètre carrés. J’y rédigeai les cinq ou six versions successives du Chien d’Ulysse pendant deux années.
        Je quittai la Cité U, comme nous la nommions et m’installai rue des Rigoles, dans le vingtième arrondissement. Un petit studio où j’apportai les dernière touches à mon manuscrit. Je l’envoyai à plusieurs éditeurs et il plut à l’un d’entre eux.
        Je déménageai dans le dixième arrondissement, rue du Terrage, près du canal Saint-Martin. Toujours dans ma chambre, quelle manie ! je composai La Kahéna, Autoportrait avec Grenade et Tuez-les tous. J’avais épuisé le lieu et les êtres qui m’habitaient.
        Je voyageai. Comme Frédéric Moreau, le héros de L’éducation sentimentale de Flaubert. Je m’en allais à Rome, villa Médicis, viale Trinità dei Monti, sur le Pincio. Une chambre immense, avec mezzanine, cuisine et salle de bains. L’horreur pour un écrivain. J’y écrivais peu ou pas, c’est selon, mais j’y mis au point un recueil de nouvelles, inédit à ce jour.
        Aujourd’hui, à Paris, je ne vous dirai pas où, je vous envoie cette lettre que vous lirez peut-être, si vous en avez le temps.

Ich begann in meinem Zimmer auf einer alten "Olivetti" zu schreiben. Damals hatte ich Algerien noch nicht verlassen. Ich schrieb Gedichte. Ich war jung, naiv und ich glaubte, man müsse intensiv leben, um zu schreiben. Ergebnis: Ich lebte nicht. Ich begnügte mich damit, von einem glänzenden Leben zu träumen. Und, wenn ich Lust dazu hatte, schrieb ich ein paar Verse nieder, von denen ich dachte, sie seien unsterblich.
        Später landete ich in Paris; ich war jung, naiv, aber ich glaubte nicht mehr, man müsse intensiv leben, um zu schreiben. Ich hatte gelebt. Ich schrieb keine Gedichte mehr. Aber ich schrieb weiterhin in meinem Zimmer, Boulevard du Montparnasse, ein paar Meter von der Straße entfernt, wo Rainer Maria Rilke spazieren gegangen war, in der Rue Notre-Dame des Champs. Und auch nicht viel weiter von der Rue Campagne première entfernt, wo Aragon Elsa Triolet in diesem kleinen Hotel traf, dessen Namen ich vergessen haben.
        Ich verbrachte ein Jahre dort und schrieb Geschichten, las und langweilte mich. Ging in der Rue Notre-Dame des Champs spazieren. Ich ging zurück nach Algerien.
        Ich befand mich wieder in meinem Zimmer, vor meiner alten Olivetti. Zum ersten Mal hatte ich den Eindruck, mich im Kreis zu drehen. Wie eine Fliege in einem geschlossenen Zimmer, die gegen die Scheibe stößt, wenn sie den blauen Himmel erblickt, dort, so weit, so nah.
        Ich ging zurück nach Paris. Studentenwohnheim, Rue Darreau. Neun Quadratmeter. Eine Zelle. In einem Monat schrieb ich die erste Version meines ersten Romans "Der Hund des Odysseus". Am Ende des Monats zog ich ins Internationale Studentenwohnheim (CIUP) am Boulevard Jourdan. Das Zimmer war nun fünfzehn Quadratmeter groß. Ich überarbeitete dort in den folgenden zwei Jahren die nächsten fünf oder sechs Versionen von "Der Hund des Odysseus".
        Ich verließ die "Cité U", wie wir das Studentenwohnheim nannten, und mietete eine Wohnung in der Rue Rigoles, im zwanzigsten Arrondissement. Es war ein kleines Studio, in dem ich meinem Manuskript den letzten Schliff gab. Ich schickte es mehreren Verlegern zu, und einem von ihnen gefiel es.
        Ich zog ins zehnte Arrondissement, Rue du Terrage, beim Canal Saint-Martin. Immer noch in meinem Zimmer, was für ein Wahnsinn. Ich schrieb "Villa Kahéna", "Autoportrait avec Grenade" und "Tuez-les tous". Dann hatte ich die Orte und die Menschen, die mich bewohnten, aufgebraucht.
        Ich reiste. Wie Frédéric Moreau, der Held aus Flauberts "Education sentimentale". Ich ging nach Rom, in die Villa Medici, viale Trinità dei Monti, auf dem Pincio. Ein riesiges Zimmer mit Zwischengeschoss, Küche und Bad. Der Horror für einen Schriftsteller. Ich schrieb dort wenig oder nichts, je nachdem, aber ich stellte eine Kurzgeschichtensammlung zusammen, die noch unveröffentlicht ist.
        Heute bin ich in Paris, ich sage nicht wo, und schreibe Ihnen diesen Brief, den Sie vielleicht lesen, wenn Sie Zeit haben.