10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Peter Stephan Jungk  [ USA, Österreich ]

Biographie

Peter Stephan Jungk Portrait
© Hartwig Klappert

Gast des ilb 2006, 2011, 2015.

Bibliographie

Tigor

S. Fischer

Frankfurt a. M., 1991

Die Erbschaft

List

München, 1996

Der König von Amerika
Klett-Cotta
Stuttgart, 2001

Die Reise über den Hudson

Klett-Cotta
Stuttgart, 2005

Die Dunkelkammern der Edith Tudor-Hart

S. Fischer

Frankfurt a. M., 2015

Peter Stephan Jungk wurde 1952 im kalifornischen Santa Monica geboren. Der Sohn einer jüdischen Emigrantenfamilie verbrachte seine Kindheit und Jugend in Wien, West-Berlin und Salzburg. Anschließend war er Regieassistent am Basler Theater und bei verschiedenen Filmen. Er studierte am American Film Institute in Los Angeles. In Paris arbeitete er 1977 als Regieassistent bei Peter Handkes Film »Die linkshändige Frau«. Im nächsten Jahr erschien sein Kurzgeschichtenband »Stechpalmenwald«. 1979/80 studierte er an einer Toraschule in Jerusalem, wo er seinen ersten Roman »Rundgang« (1981) verfasste, in dem Spaziergänge durch die Stadt Anlass zu Reflexionen über Heimat und Identität bieten.

Alle der bislang sieben Romane Jungks kreisen um die Themen Identität und Individualität. Seine Protagonisten sind unruhige Charaktere: auf der Suche nach ihrer Berufung und ihren Wurzeln die einen (»Tigor«, 1991), von ihrer Herkunft und Persönlichkeit getrieben die anderen (»Die Unruhe der Stella Federspiel«, 1996; »Die Erbschaft«, 1999). »Der König von Amerika« (2001) ist eine Romanbiografie über Walt Disney und entwirft die faszinierende Persönlichkeit eines charismatischen Konzerndiktators, dessen Visionen erstaunliche Werke erschaffen. 2013 wurde im Teatro Real in Madrid die auf diesem Roman basierende, von Philip Glass komponierte Oper »The Perfect American« uraufgeführt. Der fiktiv überhöhten Biografie folgte ein autobiografisch geprägter Roman: »Die Reise über den Hudson« (2005). Er erzählt von dem Selbstfindungsprozess eines Mannes, der angesichts der erdrückenden Fürsorge seiner Mutter und des übermächtigen Vaters nicht aus seiner Sohnesrolle herausfindet. Jungks Romanwerk »Das elektrische Herz« (2011) handelt von der Liebe zwischen einem jüdischen Dramatiker, der seit seiner Jugend mit Herzproblemen zu kämpfen hat, und einer jungen kabylischen Postbotin. In steter Zwiesprache mit seinem Herzen lässt der Protagonist seine nicht eben wenigen »Weibergeschichten« Revue passieren– nicht ohne eine gehörige Portion Ironie. In seiner an Bühne und Film geschulten, bildhaften Sprache eines Realismus, der bisweilen magisch einprägsam ist, fertigt Jungk nuancierte, nachdenklich machende Porträts, faktenreiche Tableaus und fesselnde Erzählstränge. Seine Lebensdarstellung Franz Werfels (1987) wurde von der Kritik als »erste wirklich umfassende und nicht nur deshalb lesenswerte Biografie« (»FAZ«) gewürdigt. 2015 veröffentlichte Jungk die Biografie seiner Großtante, einer bemerkenswerten Fotografin, die zugleich Geheimagentin für die Sowjetunion war: »Die Dunkelkammern der Edith Tudor-Hart«. Zudem arbeitet Jungk als Übersetzer sowie als Autor und Regisseur für Funk, Fernsehen und Presse. Er führt zurzeit Regie bei einem Dokumentarfilm über Edith Tudor-Hart.

Nachdem er 2001 bereits mit dem Stefan-Andres-Preis ausgezeichnet worden war, erhielt er 2011 den Buchpreis der Salzburger Wirtschaft. Der Autor lebt in Paris.

[http://www.peterstephanjungk.com]

Berlin View

Mein Ort heißt TARASP. Als Zehnjähriger kam ich erstmals hierher, im Sommer 1963. Das Dorf im Schweizer Unterengadin liegt auf 1420 Metern Höhe. Ich sitze in einem holzgetäfelten Zimmer, mit dem Blick auf das Schloß und die Berge. In Tarasp sind meine ersten Bücher geboren worden, ‘Stechpalmenwald’ und ‘Rund- gang’. Ich habe das erste Exemplar ‘Stechpalmenwald’ im Herbst 1978 am Wald- rand vergraben, neben dem Haus, in dem das Buch entstanden ist. Nach Tarasp reise ich bis heute, wenn ich die Arbeit an einem neuen Werk aufnehme, nach Tarasp kehre ich zurück, um es abzuschließen. Tarasp bezaubert und verzaubert mich. Mein Ort ist vor einem Jahr von einem italienischen Immobilien-Despoten heimgesucht worden. Es heißt, er wolle auf der Wiese hinter dem Teich hohe, breite Apartmentblöcke in Tannenzapfenform errichten. Sollte das geschehen, werde ich Tarasp niemals wiedersehen.

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