10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Paal-Helge Haugen  [ Norwegen ]

Biographie

Paal-Helge Haugen Portrait
© Cappelen Verlag

Gast des ilb 2006.

Bibliographie

På botnen av ein mørk sommar
Det Norske samlaget
Oslo, 1967

Das überwinterte Licht
Kleinheinrich
Münster, 1988
[Ü: Siegfried Weibel]
[Bilder: Jan Groth]

Anne
Kleinheinrich
Münster, 1989
[Ü: Siegfried Weibel]

Meditationen über Georges de La Tour
Kleinheinrich
Münster, 1990
[Ü: Siegfried Weibel]
[Bilder: Olav Christopher Jenssen]

Sone o
Cappelen
Oslo, 1992

Ei natt på jorda
Cappelen
Oslo, 1993

Hertervig
Cappelen
Oslo, 1995

Sangbok: nye tekster 1969
Aschehoug
Oslo, 1998

Paal-Helge Haugen, geboren 1945 im südnorwegischen Valle, trat bereits während seines Medizinstudiums in Oslo als Literat in Erscheinung. Den Anfang seines umfangreichen Werkes machte 1965 ein Band mit Übersetzungen japanischer Haikus. Kurz darauf erschienen Nachdichtungen chinesischer Gedichte und seine erste Sammlung eigener Lyrik, »På botnen av ein mørk sommar« (1967; Ü: Auf dem Grund eines dunklen Sommers), sowie sein einziger Roman »Anne« (1968; dt. 1989), der unter der neuen Gattungsbezeichnung »Punktroman« in die Literaturgeschichte Norwegens eingehen sollte. Ein Film- und Theaterstudium führte ihn 1971 in die USA. 1973-1978 lehrte er in Norwegen Kreatives Schreiben. Seither arbeitet Haugen als freier Schriftsteller.

»Zweifellos«, so Haugen in einem Interview, »hätte ich mich in meinem eigenen Schreiben ganz anders entwickelt, hätte ich die Haiku-Poesie nicht zu einem so frühen Zeitpunkt entdeckt. Das Verhältnis zur konkreten Welt, der Versuch, Sprache wie ein Stück konkrete Materie zu behandeln, war entscheidend.« Auch die knappe, präzise Diktion der japanischen Kurzform und die unvermittelte Überlagerung von Bildern haben in seinen Texten so deutliche Spuren hinterlassen, dass Haugen in bezug auf den Roman »Anne« im Nachhinein sogar von »einer Art Haiku-Roman« sprechen kann. »Anne« erzählt die Geschichte eines Mädchens im ländlichen Norwegen um 1900, das schließlich an Tuberkulose stirbt. Doch wird nicht im traditionellen Sinne »erzählt«, vielmehr entsteht die Biografie aus unverbunden nebeneinander stehenden kurzen Textfragmenten. Faszinierend daran ist die Gleichzeitigkeit von mitunter dokumentarischer Präzision und dunkel suggestiver Kraft, die aus dem Wechsel von Text und Leerstellen entsteht.

Sprachlich klar, exakt und doch überaus sinnlich ist auch Haugens Lyrik, die häufig in Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern und Musikern entstand. Bedenkt man, wie zentral das Metaphernfeld »Licht/Dunkel« für Haugen ist – viele Titel seiner Lyrikbände verweisen darauf –, verwundert es wenig, dass er, als er 1979 auf den französischen Barock-Maler Georges de La Tour stieß, das Gefühl hatte, den Künstler »seit jeher gekannt« zu haben. La Tours Gemälde, bekannt für ihre eindringliche Lichtinszenierung, standen zunächst Modell für eine Reihe von Bildbeschreibungen, die sich im Laufe eines jahrelangen Prozesses immer mehr von den Bildern entfernten. Die »Meditasjonar over Georges de La Tour« (1990; dt. »Meditationen über Georges de La Tour«, 1993) sind am Ende als lyrischer Kommentar, als Aneignung und Übertragung von La Tours visueller Kraft völlig eigenständig. In ihnen findet Haugens Fähigkeit, von visuellen Eindrücken ausgehend zu sprachlichen Verdichtungen existentieller Bedingungen zu gelangen, einen Höhepunkt.

Neben zahlreichen Lyrikbänden umfasst Haugens Œuvre auch Kinderbücher, Erzählungen, Essays, Dramen, Libretti und Oratorien sowie Übersetzungen aus dem Englischen und Deutschen (u.a. Pinter und Brecht). Der Autor wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Literaturpreis des Norwegischen Kulturrates, der Richard Wilbur Prize und der norwegische Kritikerpreis. Er lebt in Greipstad in Südnorwegen.

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