10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Jostein Gaarder  [ Norwegen ]

Biographie

Jostein Gaarder Portrait
© Hartwig Klappert

Gast des ilb 2006.

Bibliographie

Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort
dtv
München, 2000
[Ü: Gabriele Haefs]

Das Kartengeheimnis
dtv
München, 2001
[Ü: Gabriele Haefs]

Der Geschichtenverkäufer
dtv
München, 2004
[Ü: Gabriele Haefs]

Das Orangenmädchen
dtv
München, 2005
[Ü: Gabriele Haefs]

Das Schloss der Frösche
Hanser
München, 2005
[Ü: Gabriele Haefs]
[Ill: Henrike Wilson]

Sofies Welt. Roman über die Geschichte der Philosophie
dtv
München, 2005
[Ü: Gabriele Haefs]

Schachmatt – das große Jostein Gaarder Lesebuch
Hanser
München, 2006
[Ü: Gabriele Haefs]

»Staune, frage, gewöhne dich nicht!« lautet Jostein Gaarders Credo, mit dem er seine Leser zum Nachdenken inspiriert und daran erinnert, dass die ungelösten Rätsel des Universums aufregender sind als fertige Antworten. Der norwegische Schriftsteller wurde 1952 in Oslo geboren und studierte Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaft in seiner Heimatstadt. Zehn Jahre lang unterrichtete er Philosophie in der Kinder- und Erwachsenenbildung und begann nebenher zu schreiben. Mit seinem Roman »Sofies Verden« (dt. »Sofies Welt«, 1994), der 1991 in Norwegen erschien, erlangte Jostein Gaarder Weltruhm. Als seine junge Heldin einen mysteriösen Brief mit der Frage »Wer bist du?« erhält, beginnt für die Fünfzehnjährige eine atemberaubende Reise durch die Philosophiegeschichte. Glänzend verknüpft Gaarder Sofies Fragen mit dem Fortgang des philosophischen Diskurses und verdichtet die komplizierten Gedankengänge der abendländischen Denker auf ihre zentralen Aspekte. Die Philosophie, sagt er über seinen Weltbestseller, sei auf den Marktplätzen der griechischen Stadtstaaten entstanden. »Ich wollte sie auf den Marktplatz zurückbringen.« »Sofies Welt« wurde in mehr als 50 S pr achen übersetzt, weltweit über 40 Millionen Mal verkauft und mit dem Deutschen Jugendliteratur pr eis (1994) ausgezeichnet.
Als »Handelsreisender der Philosophie« (»Die Zeit«) fragt Jostein Gaarder nach den großen Geheimnissen der menschlichen Existenz, nach dem Mysterium der Schöpfung und der Kraft der Imagination. In seinen Werken, die sich gleichermaßen an Kinder, jugendliche und erwachsene Leser richten, lenkt er die Aufmerksamkeit auf Fragestellungen der Metaphysik, Ethik und Religion. Dabei geht es ihm nicht um die lebensferne Vermittlung von Begriffen und Thesen, sondern um die Schulung des Denkens selbst. Mit großer Fabulierlust, Leichtigkeit und Wärme stellt Gaarder jene Fragen, die auch Kinder beschäftigen: Woher kommt die Welt? Existiert Gott? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Haben Spinnen Münder? Was bedeutet Liebe? Jostein Gaarder gelingt es, seine Leser mit skeptischen und humorvollen Dialogen an die Grenzen der Erkenntnis zu führen und selber philosophieren zu lassen.
Jostein Gaarders Jugendroman »Kabalmysteriet« (1990; dt. »Das Kartengeheimnis«, 1995) erzählt die Geschichte einer dreifachen Reise: einer wirklichen nach Griechenland, einer phantastischen auf eine magische Insel und einer gedanklichen in die Philosophie. Für dieses »ganz und gar außergewöhnliche Buch« (»Die Welt«) wurde der Autor 1991 mit dem Preis der norwegischen Literaturkritik ausgezeichnet. Ein Zitat aus dem ersten Korintherbrief im Titel führend, wendet sich Jostein Gaarder mit »I et speil, i en gåte« (1993; dt. »Durch einen Spiegel, in einem dunklen Wort«, 1996) der Frage nach Gott zu und entwickelt seine Theologie anhand des Sterbetagebuchs eines Mädchens. Im Zwieges pr äch mit dem Engel Ariel sieht sich die schwerkranke Cecilie herausgefordert, ihre Existenz in der Welt zu durchdenken und mit ihrer Vorstellungskraft hinter das vorzudringen, was Spiegel als vertraute Fassade zeigen. Einmal mehr stellt Gaarder 2003 in »Appelsinpiken« (dt. »Das Orangenmädchen«, 2005) die Frage nach dem Unfassbaren. Der fünfzehnjährige Hobby-Astrologe Georg erhält einen Brief von seinem verstorbenen Vater, dessen dramatische Lebensgeschichte für den Sohn zu einem universellen Gleichnis über die Unbeständigkeit des Lebens wird.
Zuletzt erschien »Sjakk matt. Gåter, eventyr og fortelliger« (2006; dt. »Schachmatt. Das große Jostein Gaarder Lesebuch«, 2006), eine erneute Einladung zu einer Reise an die Grenzen des Wissens und eine lehrreiche Anstiftung zum Denken. Ein von Gaarder in der norwegischen Zeitung »Aftenposten« veröffentlichter Aufsatz sorgte aufgrund seiner scharfen Kritik am Staat Israel im August 2006 für heftigen Aufruhr. In seinem Kommentar kritisiert er u.a. die Militäraktionen Israels im Libanon. Der pr eisgekrönte Schriftsteller lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Oslo.

© internationales literaturfestival berlin

Jostein Gaarder
© Ali Ghandtschi

Jostein Gaarder
© Ali Ghandtschi

Berlin View

Ich schreibe in einer kleinen Einzimmerwohnung im Herzen von Oslo. Dort steht mein Computer. Aber meine Romane entstehen nie »im Büro«. Vor dem Bildschirm bin ich ziemlich phantasielos.

Meine Ideen bekomme ich immer, wenn ich draußen unterwegs bin. Ich kann meine Gedanken nicht bewegen, ohne auch meinen Körper zu bewegen. Also gehe und gehe ich, bis endlich ein Roman beginnt, Form anzunehmen. Ich gehe im Wald, ich gehe in den Bergen und ich gehe in der Stadt. Dann setze ich mich ins Büro und schreibe und schreibe – bis ich stecken bleibe und wieder losgehen muss.

Schiller schreibt, der Mensch sei frei, wenn er spielt, denn dann erschaffe er seine eigenen Gesetze. Eine solche Freiheit suche ich auf, wenn ich mich in den Wald verdrücke und dort viele Stunden mutterseelenallein sein kann, ohne einem anderen Menschen zu begegnen. Im Umland von Oslo habe ich die Wahl zwischen vielen hundert verschiedenen Wegen – verteilt auf einige zehntausend Hektar. Ich entscheide mich immer erst, wenn ich vor einer Weggabelung stehe, welchen Weg ich einschlagen will. Ein solches Element von Wegwahl und Improvisation ist auch für den Schreibprozess charakteristisch.

Natürlich ist es ein großes Privileg, in einer von Europas Hauptstädten und nur fünf Minuten von der unberührten Natur entfernt zu wohnen. Sokrates hat gesagt, er müsse in der Stadt leben, weil die Bäume auf dem Lande ihn nichts lehren könnten. Ich finde, dass ich bei den Bäumen auf dem Lande mehr lerne als bei einem Barbesuch in der Stadt.

[Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs]

Jostein Gaarders "Kommabild"