10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Iman Humaidan  [ Libanon ]

Biographie

Iman Humaidan Portrait
© P. Cimino Lenos

Gast des ilb 2006.

Bibliographie

Ba' mithl bait mithl Bairut
al-Masar
Beirut, 1997

Ville à vif
Verticales
Paris, 2004
[Ü: Valérie Creusot]

Wilde Maulbeeren
Lenos
Basel, 2004
[Ü: Kristina Stock]

Iman Humaidan Junis wurde 1956 in Ain Enoub geboren, im drusischen Teil des Libanongebirges gelegen. Aus einer liberalen Familie stammend, studierte sie an der Amerikanischen Universität von Beirut Soziologie und arbeitet seit 1989 als freie Journalistin, vor allem in den Bereichen Kultur, Soziales, Menschenrechte und Frauen. Sie verfasste Studien zu Umwelt- und Entwicklungsfragen im Nachkriegslibanon. Daneben veröffentlichte sie Kurzgeschichten in den Kulturseiten arabischer Tageszeitungen wie »Mulhak Annahar«, »Assafir« und in Frauenmagazinen wie »Alhasnaa» und »Sayidati«.

Auch ihr erster Roman, »Ba' mithl bait mithl Bairut« (1997; Ü: B wie Bleibe wie Beirut) bestand zunächst in der Form von kurzen Prosastücken, Erinnerungen und Skizzen, die die Autorin in unmittelbarer Auseinandersetzung mit der libanesischen Kriegswirklichkeit geschrieben hatte und erst später konzeptionell überarbeitete. Der Roman erzählt in vier Teilen aus der Perspektive von vier einfachen und starken Frauen von den Schrecken des Bürgerkriegs und der modernen, multikulturellen Gesellschaft im Libanon. Kämpferisch, doch nicht heroisch, erleiden sie Gefahr und Verlust, ohne diese zu akzeptieren. Mit ihrem ruhigen, poetischen Duktus findet Humaidan einen eigenen Ton in der zeitgenössischen Literatur ihres Landes.
Ihr zweiter Roman, »Tut Barri« (dt. »Wilde Maulbeeren«, 2004), thematisiert eine Identitätssuche, die parallel zur beginnenden Modernisierung der libanesischen Gesellschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verläuft. Angesiedelt in einem Dorf, das dem Heimatort der Autorin gleicht, wird das Heranwachsen einer jungen drusischen Frau geschildert, die der überkommenen und verfallenden Lebenswirklichkeit auf dem Hof ihres Vaters eine nostalgische Sehnsucht nach ihrer verschwundenen Mutter entgegenstellt. Mit sinnlicher Sprache und detaillierten Szenen und Dialogen entwirft Humaidan einen entrückten Kosmos, der von lauter unzufriedenen Charakteren bevölkert wird, wie dem unfähigen und großtuerischen Vater, der bigotten, zänkischen Tante oder dem nichtsnutzigen älteren Bruder. Schließlich gelingt es einzig der jungen Frau, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Nach ihrer Heirat und einem Aufenthalt in England wird die symbolische Suche nach der Mutter hinfällig, und sie bringt in ihrem Heimatdorf eine Tochter zur Welt. Der Roman wurde anlässlich des arabischen Schwerpunkts der Frankfurter Buchmesse 2004 ins Deutsche übersetzt und erscheint Ende 2006 auch in französischer Sprache.

Iman Humaidan lebt in Beirut und beendete vor kurzem ein Magisterstudium der Anthropologie an der American University of Beirut mit einer Arbeit über die »Erzählungen der Familien mit im Libanesischen Bürgerkrieg (1975-1990) verschwundenen Angehörigen«. Sie lebt in Beirut und arbeitet an ihrem dritten Roman, der 2007 erscheinen wird.

© internationales literaturfestival berlin

Berlin View

Manchmal überkommt mich das Schreiben mitten in dunkler Nacht, die mehr sieht, als ich ertragen kann. Wenn ich dann am Morgen das Geschriebene lese, ist es, als hätte eine andere es geschrieben, die Frau die ich war, an flüchtigen Orten, die Frau, die am Unort schreibt. Vielleicht hat mich ja der Krieg diese Art zu schreiben gelehrt – aus dem Unsein einen Ort für mein Schreiben zu machen. Stundenlang habe ich im Auto gewartet, um die Grenzlinie zwischen Ostbeirut und Westbeirut zu passieren. Wartend habe ich zu schreiben begonnen, darauf wartend, durchgelassen oder von der Kugel eines Heckenschützen getroffen zu werden. Ich bewegte mich ein paar Meter weiter und wurde von einem Bewaffneten angehalten. Dann schrieb ich wieder. So wurde mein erster Roman geboren.

Vielleicht ist ja Schreiben genau das: Geburt aus dem Schoss des Unorts, während man an einem Übergang wartet.

[Übersetzung: Hartmut Fähndrich]