10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Hiroshi Sakagami  [ Japan ]

Biographie

Hiroshi Sakagami Portrait
© Hartwig Klappert

Gast des ilb 2006.

Bibliographie

Aru aki no dekigoto
Chuokoron
Tokio, 1960

Asa no mura
Tokisha
Tokio, 1966

Daidokoro
Shinchosha
Tokio, 1997

Keita no sentaku
Kodansha
Tokio, 1998

Chikakute tôi tabi
Chuokoronshinsha
Tokio, 2002

Nemuran ka na
Kodansha
Tokio, 2004

Übersetzerin: Nora Bierich

Hiroshi Sakagami wurde 1936 in Tokio geboren. In seiner nach dem Krieg auseinanderbrechenden Familie genoss er wenig Ansehen – es wurde ihm jedoch bald in der literarischen Welt zuteil. Der Debütroman des erst Neunzehnjährigen wurde für den Akutagawa-Preis nominiert. Später wurde »Aru aki no dekigoto« (1960; Ü: Ein Ereignis im Herbst) mit dem Chûôkôron-Preis ausgezeichnet. Die Kurzgeschichte beschreibt das Innenleben eines Jungen, der von dem Wunsch besessen ist, seinen gewalttätigen Bruder zu töten und mit seiner jüngeren Schwester eine sexuelle Beziehung einzugehen. Jury-Mitglied Yukio Mishima pries den Roman als »poetisch« und hob die faszinierende Wendung hervor, in der sich der Protagonist nicht für das »tötende«, sondern für das »nicht-tötende Böse« entscheidet.

Sakagami studierte an der Tokioter Keiô-Universität formale Logik, was ihn nur darin bestärkte, das Metier des Schriftstellers zu wählen und sich dem ganzen Reichtum der Sprache zu widmen. Da er als Student seinen Lebensunterhalt mit Texten für Funk und Fernsehen verdient hatte und sein Schreiben nicht weiter einem materiellen Verwertungszwang unterwerfen wollte, begann er, in einem Wirtschaftsunternehmen zu arbeiten. Daneben verfasste er Romane und Erzählungen in der Tradition des japanischen Shishôsetsu-Romans, der sich der Erforschung des Individuums und seiner Gefühlswelten widmet. Während das traditionelle Genre nicht über das Alltagsleben hinausgeht, versuchte Sakagami, »die Alltäglichkeit zu beschreiben und ihre Grenzen zu überschreiten«. Deswegen thematisiert er oft von irrationalem Denken besessene Gesellschaftsgruppen. In dem Roman »Asa no mura« (1966; Ü: Das Dorf am Morgen) wird vom Zerfall einer fanatischen Gemeinschaft erzählt, die versucht, eine Theorie über Hühnerzucht als ideale Ordnung auf die Gesellschaft zu übertragen. Dieses Sujet wird im Roman »Keita no sentaku« (1998; Ü: Keitas Entscheidung) fortgeführt, in der der Protagonist nach seinem Ausstieg aus der kapitalistischen Gesellschaft auf der Suche nach Erlösung in eine religiöse Sekte eintritt, die sich tief in den Bergen angesiedelt hat. »Nemuran ka na« (2004; Ü: Soll ich schlafen?) ist eine Auseinandersetzung mit der Vätergeneration. Die Erzählung beschreibt, wie jene, die sich einst in Achtung der Menschlichkeit und der Natur dem Zen widmeten, sich zur Zeit des Wirtschaftswunders dem Unternehmertum verschreiben und dabei zugrunde gehen. Die Kurzgeschichte »Daidokoro« (1997; Ü: Die Küche) und der Roman »Chikakute tôi tabi« (2002; Ü: Die nahe ferne Reise) zeichnen nicht die Beschädigungen, sondern die Genesung des Individuums der Nachkriegsgeneration nach und thematisieren die Vereinbarkeit von individueller Liebe und familiärem Zusammenhalt.

Sakagamis Romane und Erzählungen wurden mit großem Lob aufgenommen und u.a. mit dem Yomiuri-Literaturpreis, dem Förderpreis des Kultusministeriums, dem Noma-Literaturpreis und dem Kawabata-Literaturpreis ausgezeichnet. 2005 wurde dem Autor für sein langjähriges schriftstellerisches Wirken der Kunshô-Kulturverdienstorden verliehen. Sakagami ist Präsident der japanischen Schriftstellervereinigung und Leiter von Keiô University Press. Er lebt in Tokio und arbeitet an einem neuen Buch, das nächstes Jahr erscheinen soll.

© internationales literaturfestival berlin

Berlin View

Ich sitze am liebsten an einem bestimmten Tisch, zu allen Jahreszeiten. Er ist ein Andenken an den jungen Schriftsteller Masao Yamakawa, der mich zu Beginn meiner schriftstellerischen Laufbahn mit Zuneigung überhäuft und zum Schreiben angetrieben hat. Er ist mit vierunddreißig Jahren bei einem Autounfall uns Leben gekommen. Da der Tisch schmal ist, schreibe ich auf 200-Zeichen-Manuskriptpapier. In meinem sechs Tatami großen Arbeitszimmer, in dem der Tisch steht, häufen sich Bücher, Zeitschriften, Materialien, irgendwelches zufällig angesammelte Zeug und Dinge, die ich von Reisen mitgebracht habe. Wie die Überreste meines Bewusstseins.

Seit kurzem höre ich, bevor ich zu schreiben anfange, Musik von Tôru Takemitsu. Seine Werke sind jetzt in einer CD-Gesamtausgabe erschienen. Auch Takemitsu hat mich, so wie Yamakawa, in jungen Jahren geleitet. Sein Arbeitsplatz war gerade mal ein Streifen rund um das Klavier. „Enge ist gut für uns“, sagte er oft. „Am liebsten würde ich im Wandschrank eine Kerze anzünden und dort arbeiten“, fügte er scherzhaft hinzu. Wehmütig denke ich zurück an seinen Wunsch nach Enge. Symbolisch gesehen entfaltet sich die Seele umso besser, je enger der Raum ist. Aus dem Meer des Unbewussten.