10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Abdourahman A. Waberi  [ Frankreich ]

Biographie

Abdourahman A. Waberi Portrait
© Hartwig Klappert

Gast des ilb 2006, 2001.

Bibliographie

L'Œil nomade
L'Harmattan
Paris, 1997

Die Legende von der Nomadensonne
Marino
München, 1998
[Ü: Brigitte Kautz]

Le Pays sans ombre
Le Serpent à Plumes
Paris, 2000

Les Nomades, mes frères, vont boire à la Grande Ourse
Pierron
Sarreguemines, 2000

Rift route rails
Gallimard
Paris, 2000

Balbala
Gallimard
Paris, 2002

Transit
Gallimard
Paris, 2003

Moisson de Crânes
Le Serpent à Plumes
Paris, 2004

Aux Etats-Unis d'Afrique
Lattès
Paris, 2006

Abdourahman A. Waberi wurde 1965 in Dschibuti, der Hauptstadt des gleichnamigen Staates in Nordostafrika, geboren. 1985 ging er nach Frankreich, um sein Englischstudium fortzuführen und promovierte über den somalischen Schriftsteller Nuruddhin Farah. Er lebt heute als Englischlehrer in Caen (Normandie), ist außerdem als Journalist tätig – vor allem als Rezensent für »Le Monde diplomatique« – und berät den französischen Verlag »Le Serpent à Plumes« bei der Auswahl afrikanischer Literatur.
1977, als der Staat Dschibuti seine Unabhängigkeit erklärte, war Waberi zwölf Jahre alt. Er empfand sich daher als »Zeitgenosse« seines Landes, dem er auch in seinen literarischen Werken verpflichtet blieb. Die ersten drei Bücher, mit denen der Autor an die Öffentlichkeit trat, können als eine Trilogie über Dschibuti gelesen werden, die unterschiedliche Genres umfasst. Nach zwei Bänden mit Erzählungen, »Le pays sans ombre« (1994; Ü: Das Land ohne Schatten) und »Cahier nomade« (1996; Ü: Nomadisches Notizbuch), folgte 1997 der Roman »Balbala«. Für den »Cahier nomade«, der auch ins Deutsche übersetzt wurde, erhielt der Autor 1996 den Grand prix de l’Afrique noire.
Nach Waberis Teilnahme am Festival Fest’Africa in Lille lud ihn dessen Organisator Nocky Djedanoum 1998 ein, im Rahmen des Projekts »Rwanda: écrire par devoir de mémoir« (Ü: Ruanda: Schreiben, um Erinnerung zu leisten) in Kigali zu residieren. Zusammen mit neun weiteren Schriftstellern, einem Filmregisseur und einem Bildhauer versuchte er eine künstlerische Aufarbeitung des Völkermords von 1994. Hier entstand der Prosaband »Moisson de Crânes« (2000; auf Deutsch etwa »Schädelernte«), der 2000 in Paris erschien. In seinem jüngsten Roman »Transit« (2003) erzählt Waberi metaphernreich und humorvoll von der ersten Zeit eines afrikanischen Emigranten in Paris. Das Werk, das der Autor eine »universale Reflexion über das Thema Krieg und Exil« nannte, wurde 2004 mit dem Prix littéraire de la ville de Caen ausgezeichnet.
»Waberi (über-)zeichnet die Zustände in seinem Land und in anderen Gegenden Afrikas aus der Distanz – er lebt in Frankreich – mit einer nahezu unheimlichen Kunstfertigkeit«, heißt es in einer deutschen Rezension zu seinen Kurzgeschichten. Als Liebhaber von Reiseliteratur, wie sie etwa Bruce Chatwin geprägt hat, macht sich der Dichter aber nach eigener Auskunft die Gefahr dieses Genres sehr wohl bewusst: »Durch die Distanz kann man schnell herablassend werden«. Anders als in seinen frühen Werken, habe er heute nicht mehr den Ehrgeiz, im Namen Afrikas oder seines Landes zu sprechen. In seinem letzten Roman »Aux Etats-Unis d'Afrique« (2006; Ü: In den Vereinigten Staaten von Afrika) nimmt Waberi eine gänzlich fantastische Perspektive ein und entwirft eine satirische Parabel über Not und Unmenschlichkeit. Die Protagonistin ist als Kind von einem Afrikaner auf humanitärer Mission adoptiert und aus dem armen »Euramerika« in die gelobten Länder der »Vereinigten Staaten von Afrika« gebracht worden. Als Erwachsene besinnt sie sich ihrer Herkunft. Sie verlässt den reichen Kontinent und begibt sich zurück in das Elend Europas.
Waberi war in den Jahren 2003 und 2004 Jurymitglied des »Lettre Ulysses Award for the Art of Reportage«. Er lebt derzeit als Gast des DAAD in Berlin.

© internationales literaturfestival berlin

[http://waberi.free.fr/]

Berlin View

Je reviens du Canada ce 01 juin 2005, un pays jeune comme son voisin états-unien. Un pays où le passé n’y transpire pas à chaque monument et où manque ce halo d’antiquité qui fait la marque de Rome, de Venise ou d’Aix-en-Provence. Pourtant j’ai trouvé mes totems dans les bibliothèques de l’Amérique du Nord. Je suis encore en esprit à Toronto dans la bibliothèque Robarts de l’université de Toronto, à Saint-George Street. Le bonheur sur terre: des kilomètres de livres, une bibliothèque ouverte jusque tard dans la nuit, des bibliothécaires serviables et souriants. A passer d’un rayon à l’autre, d’une encyclopédie à l’autre, à tourner les pages on oublie tout, on est vite hors du temps. Lignes droites, lumières au plafond, baies vitrées. Juste le ronronnement du système de ventilation. A peine la musique d’une page de journal déployée: musique qui rappelle de loin l’écrasement d’une vague sur la grève. Ici, on peut rester des heures, boire du café et manger dans le restaurant du sous-sol, consulter Internet, photocopier toutes sortes de revues, surprendre le nombril de cette étudiante asiatique qui s’étire en bâillant. Il est même des machines qui vous donnent stylos et cahiers moyennant quelques pièces à la Metropolitan Library de Toronto, à celle de York ou à la Weldon Library (The University of Western Ontario). Pour qui a connu la faim des livres en Afrique et l’indigence des BU en France, les bibliothèques du Canada et des Etats-Unis sont l’avant-poste du paradis des lecteurs.

Ich kehre am 1. Juni 2005 aus Kanada zurück, aus diesem Land, das jung ist wie sein Nachbar, die Vereinigten Staaten. Ein Land, in dem nicht der Hauch der Vergangenheit aus jedem Denkmal steigt und wo es jenen Dunst des Alters nicht gibt, der Rom, Venedig oder Aix-en-Provence ausmacht. Ich habe meine Totems vor allem in den nordamerikanischen Bibliotheken gefunden. Im Geist bin ich immer noch in Toronto, in der Robarts-Bibliothek der Universität von Toronto, in der Saint-George Street. Das Glück auf Erden: kilometerlang Bücher, eine Bibliothek, die bis spät nachts geöffnet hat, hilfreiche und lächelnde Bibliothekare. Während man von einem Regal zum nächsten, von einer Enzyklopädie zur nächsten übergeht, während man die Seiten umblättert vergisst man alles, schnell ist man außerhalb der Zeit. Gerade Linien, Lichter an der Decke, gläserne Lesekabinen. Nur das Surren der Klimaanlage. Kaum der Klang eines Zeitungsblatts beim Aufschlagen: ein Klang, der von Weitem an die Brandung erinnert, die sich an den Klippen bricht. Hier kann man stundenlang ausruhen, Kaffee trinken und im Restaurant des Untergeschosses essen, im Internet recherchieren, alle möglichen Zeitschriften fotokopieren, den Bauchnabel jener asiatischen Studentin bestaunen, die sich beim Gähnen streckt. Es gibt sogar Maschinen, an denen man sich für etwas Geld Stifte und Hefte besorgen kann, in der Metropolitan Library in Toronto, in der von New York oder in der Weldon Library (The University of Western Ontario). Für alle, die in Afrika den Hunger nach Büchern gekannt haben oder die Dürftigkeit der Universitätsbibliotheken in Frankreich, für diejenigen sind die Bibliotheken Kanadas und der Vereinigten Staaten ein Vorposten des Paradieses für Leser.