10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
Sie sind hier: Startseite / Archiv / Teilnehmer / / 2006 / Abdelwahab Meddeb

Abdelwahab Meddeb  [ Tunesien, Frankreich ]

Biographie

Meddeb, Abdelwahab_portrait_c_HartwigKlappert
© Hartwig Klappert

Gast des ilb 2002, 2003, 2006, 2012.

Bibliographie

Talismano
Wunderhorn
Heidelberg, 1993
[Ü: Hans Thill]

Aya
Wunderhorn
Heidelberg, 1998
[Ü: Hans Thill].

Die Krankheit des Islam
Wunderhorn
Heidelberg, 2002
[Ü: Beate und Hans Thill]

Zwischen Europa und Islam
115 Gegenpredigten
Wunderhorn
Heidelberg, 2007
[Ü: Rainer G. Schmidt]

Dégage! Une révolution
[Mit Colette Fellous, Georges Wolinski u. Akram Belaid]
Phébus
Paris, 2012

Der tunesisch-französische Autor Abdelwahab Meddeb, der nach dem 11.~September 2001 zu einem vielgefragten Experten zu den Themen Multikulturalismus und Integration geworden ist, wurde 1946 als Sohn eines hohen islamischen Theologen in Tunis geboren. Sein Studium der Literatur- und Kunstgeschichte absolvierte er in Frankreich, arbeitete danach als Lektor im Verlag Editions du Seuil und betreute 1974 bis 1988 seine eigene belletristische Reihe bei Editions Sindbad. Seit Anfang der neunziger Jahre widmet sich Meddeb akademischen Tätigkeiten an den Universitäten von Genf, Florenz, Paris und Yale.

In seinem Werk beschäftigt er sich vorrangig mit den Wurzeln und der Geschichte des Islam, seiner Kultur und der problematischen Integration muslimischen Denkens in den Prozess der Moderne. In »Talismano« (1979; dt. 1993) imaginiert ein Ich-Erzähler in Paris einen Streifzug durch Tunis, die Stadt seiner Kindheit, und vergegenwärtigt dem Leser die vielfältige Sinnlichkeit einer arabischen Medina. In »Phantasia« (1986; dt. »Aya«, 1998) hingegen bewegt sich der erzählende Flaneur durch die Stadtlandschaft von Paris und knüpft somit an die Stadtbegehungen Walter Benjamins an. In seinem Buch »La Maladie de l’Islam« (2002; dt. »Die Krankheit des Islam«, 2002) versucht er eine Analyse des zeitgenössischen Islams zu geben. Auf der einen Seite kontrastiert er die poetische Tradition der Freidenker und mittelalterlichen Mystiker mit der militanten Tradition der Dogmatiker und fanatischen Puristen, auf der anderen Seite kritisiert er die vereinfachte Sichtweise im Westen, die den Islam zum Feindbild macht. Meddeb betont die Notwendigkeit einer genaueren Kenntnis der Tradition. Schriftsteller wie Ibn Arabi, Dante und Yehuda Halevi gelten ihm als Vordenker einer humaneren Welt, deren Philosophien sich ergänzen, anstatt zu kollidieren. Nach der skandalösen Vorlesung von Papst Benedikt XVI. an der Universität Regensburg am 12. September 2006 meldete sich Meddeb in einem »ZEIT«-Interview zu Wort: »Mohammed war eine Art erfolgreicher Napoleon. Das ist aber weniger erstaunlich als die Tatsache, dass es Gewalt auch im Christentum gab, was dem Geist der Evangelien völlig widerspricht. Gegen jede christliche Lehre gab es Päpste, die ebenfalls zum Heiligen Krieg aufriefen und Religionskriegern einen Platz im Himmelreich versprachen. Ganz zu schweigen von der gewaltsamen Bekehrung durch die Inquisition, als Juden und Muslime in Spanien die Wahl zwischen Exil, Scheiterhaufen und Bekehrung hatten. Doch so wie die Christen ihre historische Gewaltphase überwunden haben, stehen auch die Muslime vor der gleichen Herausforderung.« In seiner Essaysammlung »Contre-prêches« (dt. »Zwischen Europa und Islam«, 2007), für die er 2007 mit dem Prix international de francophonie Benjamin Fondane geehrt wurde, untersucht er religiöse Erscheinungen des Alltags und entschleiert Mythen und Tabus.

Meddeb lebt in Paris und Spanien.

abgelegt unter: