10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Emine Sevgi Özdamar  [ Deutschland ]

Biographie

Emine Sevgi Özdamar Portrait
© Hartwig Klappert

Gast des ilb 2005.

Bibliographie

Karagöz in Alamania
Verlag der Autoren
Frankfurt/Main, 1982

Mutterzunge
Rotbuch
Berlin, 1990

Keloglan in Alamania
Verlag der Autoren
Frankfurt/Main, 1991

Das Leben ist eine Karawanserei, hat zwei Türen, aus einer kam ich rein, aus der anderen ging ich raus
Kiepenheuer & Witsch
Köln, 1992

Die Brücke vom Goldenen Horn
Kiepenheuer & Witsch
Köln, 1998
Verlag der Autoren
Frankfurt/Main, 2001

Der Hof im Spiegel
Kiepenheuer & Witsch
Köln, 2001

Seltsame Sterne starren zur Erde
Kiepenheuer & Witsch
Köln, 2003

Emine Sevgi Özdamar wurde 1946 in der Türkei geboren. Als junge Erwachsene kam sie aus Interesse am deutschen Theater nach Deutschland und jobbte in einer Berliner Fabrik. Danach studierte sie in Istanbul Schauspiel. Mitte der siebziger Jahre arbeitete sie an der Volksbühne Ost-Berlin, in Paris und Avignon bei dem Brecht-Schüler Benno Besson. Anschließend war sie Ensemblemitglied des Bochumer Schauspielhauses unter Claus Peymann, in dessen Auftrag sie 1982 ihr erstes Theaterstück schrieb. »Karagöz in Alamania« (Ü: Schwarzauge in Deutschland) wurde 1986 unter ihrer Regie am Frankfurter Schauspielhaus aufgeführt. Nach der Publikation des Erzählbands »Mutterzunge« (1990) und eines weiteren Theaterstücks wurde ihr 1991 der Ingeborg-Bachmann-Preis für einen Auszug aus ihrem ersten Roman verliehen. Dessen Erscheinen im Jahr darauf wurde von der internationalen Kritik mit Begeisterung aufgenommen.

»Das Leben ist eine Karawanserei – hat zwei Türen – aus einer kam ich rein – aus der anderen ging ich raus« ist ein autobiografisch inspirierter Roman über eine Kindheit und Jugend in der Türkei der fünfziger und sechziger Jahre. Prägend sind die häufigen Umzüge der Familie ebenso wie eine archaische Lebenswelt, die auf eine radikale Modernisierung des Staates trifft. Özdamar präsentiert Erlebnisse, Geschichten, Phantasien, Mythen und Träume empfindungsstark, aber unsentimental. Dabei wird bei hohem Erzähltempo die Kultur Anatoliens mit modernen Diskursen und zeitgenössischer Politik verknüpft. Indem Özdamar bevorzugt mit dem lautlichen und bildlichen Aspekt der deutschen Sprache arbeitet und dabei orientalische Einflüsse und ganz eigene Sprachmuster einbringt, entsteht ein neuartiges, poetisches Idiom. »Die radikale Rückgewinnung des animistisch Visuellen, des Bilder-Sprachlichen, des Sprach-Bildlichen, … die Rückkehr der Fantasie in die Wörter« bewundert Wolfram Schütte in seiner Laudatio zur Verleihung des LiteraTour Nord-Preises.

Die Nachfolgebände »Die Brücke vom Goldenen Horn« (1998) und »Seltsame Sterne starren zur Erde« (2003) reflektieren die 68er-Zeit in der Türkei und in Deutschland bis zum Deutschen Herbst. In ihrem von bürgerkriegsähnlichen Zuständen geplagten Heimatland befiel Özdamar auch ein Widerwillen gegen die eigene Sprache. Sie floh nach Deutschland. Dort lernte sie die deutschen Wörter, in denen sie später schreiben würde, in der freundlichen und intensiven Atmosphäre des Theaters kennen. »Ich bin in der deutschen Sprache glücklich geworden. Deshalb schreibe ich vielleicht deutsch.«

Neben ihren Theaterauftritten spielte Özdamar auch in etlichen Filmen mit. Bekannt ist sie unter anderem aus »Yasemin« von Hark Bohm oder aus »Happy Birthday, Türke« von Doris Dörrie. Für ihr schriftstellerisches Werk wurde sie mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter der Adelbert-von-Chamisso-Preis (1999) und der Kleist-Preis (2004). 2003 war sie Stadtschreiberin in Bergen-Enkheim. Im Mai 2007 wurde Özdamar in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen. Sie lebt in Berlin.

© internationales literaturfestival berlin