10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Emily Nasrallah

Biographie

Emily Nasrallah Portrait
©Privat

Gast des ilb 2005.

Bibliographie

Al Jamr al Ghafi
Dar Naufal
Beirut, 1995
 
Das Pfand
Lenos
Basel, 1996
Übersetzung: Doris Kilias
 
Anda al-Khawta
Das al-Hadeetha
Beirut, 2001
 
Asswad wa-Abiad
Dar-al Koutab al Hadeetha
Beirut, 2001
 
Flug gegen die Zeit
Lenos
Basel, 2003
Übersetzung: Hartmut Fähndrich
 
Septembervögel
Lenos
Basel, 2003
Übersetzung: Veronika Theis
 
Kater Ziku lebt gefährlich
Atlantis
Zürich, 2004
Übersetzung: Doris Kilias
Ill: Maha Nasrallah
 
Ryah Janoubia
Dar Naufal
Beirut, 2005

Übersetzer: Hartmut Fähndrich, Doris Kilias, Helene Schär, Veronica Theis

Emily Nasrallah wurde 1931 in eine christliche Familie im Südlibanon geboren und ist eine der anerkanntesten libanesischen Schriftstellerinnen und Intellektuellen des Nahen Ostens. Ihr vielfach ausgezeichnetes Werk umfasst neben Romanen, Essays und Erzählbänden für Erwachsene auch sieben Kinderbücher. Mit 21 Jahren war sie die erste junge Frau, die der Dorfgemeinschaft ihres Geburtsortes Kfeir den Rücken kehrte, um an der American University in Beirut Erziehungswissenschaften zu studieren. In der Hauptstadt arbeitete sie zunächst als Lehrerin, dann als Journalistin und freie Schriftstellerin. 1962 debütierte sie mit dem Roman »Touyour Ayloul« (dt. »Septembervögel«, 1982), der sogleich mit drei arabischen Literaturpreisen prämiert wurde und begeisterte Reaktionen in ihrem Heimatland auslöste. Ihr feinfühliges Erstlingswerk befasst sich mit den Menschen eines kleinen Dorfes und den Träumen arabischer Frauen, die in ihrem Leben nur die Wahl zwischen totaler Unterwerfung oder Befreiung haben. Nasrallah begründete damit ein literarisches Werk, das sich bei aller Kritik an der libanesischen Gesellschaft doch immer voller Zuneigung mit ihrem Heimatland auseinandersetzt.

Im Zentrum ihrer Texte stehen die Lebensmodelle von Frauen, die in ihrem Streben nach Gleichberechtigung und freier Entfaltung hin- und hergerissen sind zwischen dörflich-familiärer Enge und urbaner Freiheit. Ihre Figuren sind beharrliche weibliche Widerstands- und Überlebenskämpfer gegen schicksalhafte oder tradierte gesellschaftliche Zwänge in einem Land, in dem Religion und Sippe prägend sind. Nicht selten entscheiden sich ihre Charaktere für das »passive Verharren«. Brechen sie jedoch aus, so finden sie meist keine neue Zugehörigkeit. So erzählt »Ar-Rahîna« (1974, dt. »Das Pfand«, 1996) in kunstvoll-metaphorischer Sprache die Geschichte Ranjas, die als junge Frau erfährt, dass ihre Eltern sie bei ihrer Geburt an den mächtigen Grundbesitzer Nimrod verpfändet haben – ihr gelingt es allerdings nicht, sich von ihrem Schicksal zu lösen.

Als 1975 der Libanon für mehr als fünfzehn Jahre in einen blutigen Bürgerkrieg versinkt, rückt der Gegensatz von Stadt und Land aus dem Blickwinkel ihrer Romanfiguren. Der ganze Libanon wird nun zu dem, was früher das Dorf war: ein Ort, von dem man sich nicht ungestraft entfernt. Ihre Romane und Erzählungen aus dieser Zeit sind Hilferufe aus einer implodierenden Gesellschaft. In ihrem preisgekrönten Kinderbuch »Yawmiyyat Hirr« (1997, dt. »Kater Ziku lebt gefährlich«, 1998) schildert die Autorin psychologisch einfühlsam aus dem Blickwinkel eines Siam-Katers und seiner Freundin, dem Mädchen Muna, die Kriegsschrecken des umkämpften Beirut in all ihrer bestürzenden Alltäglichkeit. Die distanzierte, aber nie verharmlosende Optik des Haustieres lässt die Geschehnisse noch unfassbarer erscheinen. Während ihre Figuren, Muna und ihre Familie, die Stadt verlassen, weigerte sich die Autorin selbst ins Exil zu gehen – obwohl ihr Hab und Gut dreimal Bombenangriffen vollständig zum Opfer fiel. Zusammen mit einer als »Beirut Decentrist« bezeichneten Gruppe von Schriftstellerinnen blieb sie in Beirut, wo die Mutter von vier Kindern auch heute lebt.

© internationales literaturfestival berlin

[http://www.emilynasrallah.com/]

Berlin View

Ich habe keine bestimmte, feste Vorliebe: In den ersten Jahren brauchte ich einen ruhigen, abgelegenen  Raum und leise Musik, die kaum hörbar war, aber mir das Gefühl gab, dass sie da war. Ebenso unabdingbar wie Stift und Papier (ich benutze beides immer noch) waren eine Tasse Kaffee und Zigaretten. Ohne diese Dinge schwangen sich weder meine Gedanken noch meine Gefühle auf.

So war das in den ersten Jahren. Seit 1972 rauche ich nicht mehr, aber die Tasse Kaffee ist geblieben. Nachdem 1975 der Krieg ausbrach, vertrieben Angst und Sorge den inneren Frieden. Es gab auch keine stillen Räume mehr, das ganze Leben hatte sich verändert. In dieser Situation habe ich gelernt, an jedwedem Ort und unabhängig von der Situation zu schreiben. Das war vor allem dann notwendig geworden, als 1985 während eines israelischen Angriffs unser Haus in Brand geriet. Wann immer ich einen Schutzraum aufsuchen musste, steckten in meiner kleinen Tasche Papier und Stift.

Ich schrieb im Luftschutzkeller, ich schrieb im Treppenhaus des Gebäudes. Als ich während eines Bombenangriffs an einer Erzählung schrieb, hörte ich die Hilferufe eines Menschen, der vor dem Gebäude niederstürzte. Die Fähigkeit, mich zu konzentrieren und mir meine kreative und geistige Regsamkeit zu bewahren, wurde auf eine harte Probe gestellt.

Diese Erfahrungen haben mich für immer geprägt; ich habe gelernt, mich von der Umgebung und von Raum und Zeit unabhängig zu machen.

Und heute – heute sitze ich, während ich diese Zeilen schreibe, in meinem Arbeitszimmer und verschwende keine Gedanken an Kaffee oder Zigaretten. Das Einzige, was ich brauche, sind Zeit, Ruhe, klares Denkvermögen, Inspiration und – ein hohes Maß an Willensstärke und Energie.