10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
Sie sind hier: Startseite / Archiv / Teilnehmer / / 2005 / Dana Gioia

Dana Gioia  [ USA ]

Biographie

Dana Gioia Portrait
© Hartwig Klappert

Gast des ilb 2005.

Bibliographie

The Gods of Winter
Peterloo Poets
Cornwall, 1991
 
Can Poetry Matter?
Greywolf Press
Saint Paul, 1992
 
Interrogations at Noon
Greywolf Press
Saint Paul, 2001
 
Nosferatu
Greywolf Press
Saint Paul, 2001
 
Daily Horoscope
Greywolf Press
Saint Paul, 2002
 
Californian Poetry
Heyday Books
Berkeley, 2003
 
Disappearing Ink
Greywolf Press
Saint Paul, 2004
 
Barrier of a Common Language
The University of Michigan Press
Ann Arbor, 2005

Übersetzer: Jürgen Brộcan

Im Jahr 2003 wurde der Schriftsteller und Kritiker Dana Gioia als erster Künstler zum Vorsitzenden des National Endowment for the Arts berufen, der größten Kunstförderstiftung der USA. Unter seiner Führung gelangte die angeschlagene Stiftung wieder zu größerer Bedeutung und ihr Budget wurde bedeutend erhöht. Zahlreiche anspruchsvolle kulturelle Initiativen wurden realisiert, die auf breite Bevölkerungsschichten in Städten und auf dem Land zielten, darunter das bekannte Programm »Shakespeare in American Communities«, bei dem Stücke von Shakespeare vor einem schulischen Publikum aufgeführt wurden, dem das Theaterspiel bislang fremd war. Das NEA-Progamm »Jazz Masters« ehrt hervorragende Jazzmusiker mit landesweiten Tourneen, Mediendokumentationen und Schulprogrammen, die Millionen amerikanischer Bürger erreichen. In anderen Projekten wird versucht, die Zahl der ins Englische übersetzten und in Amerika veröffentlichten Bücher zu erhöhen. Gioia ist darüber hinaus Vorsitzender der nationalen UNESCO-Kommission.

1950 als Sohn eines Italieners und einer Mexikanerin aus der Arbeiterklasse in Los Angeles geboren, besuchte Gioia als erster aus seiner Familie eine Hochschule. Er studierte zunächst Wirtschaftslehre an der Stanford University und erwarb anschließend einen Magistertitel in Vergleichenden Literaturwissenschaften in Harvard. Danach folgte er dem unorthodoxen Vorbild der amerikanischen Dichter Wallace Stevens und T.S. Eliot und wählte nicht die universitäre Laufbahn, sondern ging in die Wirtschaft.

1977 zog Gioia nach New York, wo er Vizepräsident eines großen Lebensmittelherstellers wurde. In seiner Freizeit schrieb er Gedichte, Rezensionen und Essays. Seine erste Gedichtsammlung »Daily Horoscope« (1986; Ü: Tageshoroskop) bestätigte Gioias Ruf als zentraler Figur des »New Formalism«, einer Bewegung, die Rhythmus und Metrum in der amerikanischen Lyrik wiederaufleben ließ. Zur öffentlichen Figur wurde Gioia mit seinem Essay »Can Poetry Matter?« (Ü: Kann Lyrik von Belang sein?), der 1991 im »Atlantic Monthly« abgedruckt wurde und landesweit eine Debatte entfachte, die über Jahre anhielt. Gioia vertritt darin die These, dass die zeitgenössische amerikanische Lyrik zuwenig auf den normalen Leser eingeht und sich in eitler Selbstbespiegelung hinter die akademischen Mauern zurückgezogen hat.

Für seinen dritten Gedichtband »Interrogations at Noon« (2001; Ü: Befragungen am Mittag) erhielt Gioia den American Book Award. Das Buch versammelt eine synkretistische Mischung von Stilen und Formen. Nachdichtungen von Seneca, Rilke und Valerio Magrelli stehen neben freien Versen, Liedern und Elegien. Im Band enthalten sind auch drei Lieder des Autors aus »Nosferatu« (2001), einem Opernlibretto nach dem Stummfilm von F.W. Murnau.

1992 schied Gioia aus seinem beruflichen Leben in der Wirtschaft aus und widmete sich nunmehr ausschließlich der Literatur. Er verfasste zahlreiche Anthologien und war mit X.J. Kennedy der Herausgeber von »An Introduction to Poetry« (1994; Ü: Einführung in die Dichtkunst), einer Textsammlung für den Schulgebrauch, die sich zum Bestseller entwickelte und mittlerweile in der elften Auflage vorliegt. Zudem war Gioia Mitbegründer zweier bedeutender Literaturkonferenzen, darunter die West Chester University Summer Conference on Form and Narrative, die inzwischen in ihrem elften Jahr besteht und zur größten jährlichen Lyrikkonferenz der USA avanciert ist.

Gioia lebt in Washington D.C., hat aber weiterhin einen Zweitwohnsitz im Wine Country von Nordkalifornien.

© internationales literaturfestival berlin

[http://www.danagioia.net/]

Berlin View

Sublime Sterility

I have been such a prolific author that most people assume I write effortlessly. Nothing could be further from the truth. I am the most neurotic and inefficient author imaginable. When I sit down to write, I become remarkably creative—I create excuses not to start. I could waste a great deal of your time telling how lavishly I waste my own time, but that would be a dreary enterprise. Instead, I will confess my solution to the problem.

The only way I have consistently been able to overcome my perennial writer’s block is by finding or creating a physical space where I do nothing except write—a hiding place where the rest of my life can’t find me. When I was younger, I sought out public places, usually in the town library or student cafeteria where I could work without personal distractions, except the noise of strangers. I preferred big, bright, ordinary rooms. Ugly was okay. Sterile was sublime.

I worked best when I could sit alone at the same table in the same chair day after day—or night after night—with only a notebook and pen. Is this a little neurotic? Absolutely. I sound like the suicidal old gent in Hemingway’s “A Clean Well-Lighted Space.” That pathetic creature of habit is mon semblable, mon frère. I don’t claim my solution is stylish. Only that it works.

Years later I moved into a small house where I had a room with only bookshelves, a chair, and a table on which I allowed myself to do nothing except write poetry or essays. I didn’t even let myself write letters or pay bills in that room. Eventually I moved to the wine country of northern California where I built a large studio that contains five thousand books and three big desks. No phone. No computer. No coffee pot. No couch. (A nap is always more appealing than writing.) I move from desk to desk to work on different projects. I let no one in but the cat and the occasional collaborator. Of course, my neuroses come in every day with me, but I make them work for the privilege.

Erhabene Sterilität

Ich bin so ein fruchbarer Autor, dass die meisten Leute glauben, ich schreibe mühelos. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt. Ich bin der neurotischste und uneffizienteste Schriftsteller, den man sich vorstellen kann. Wenn ich mich hinsetze und schreibe, werde ich bemerkenswert erfinderisch – ich erfinde Vorwände um nicht anzufangen. Ich könnte leicht Ihre Zeit verschwenden, indem ich erzähle, wie großzügig ich mit meiner eigenen Zeit umgehe, aber das wäre ein langweiliges Unterfangen. Stattdessen möchte ich Ihnen die Lösung meines Problems gestehen.

Die einzige Methode, die es mir auf Dauer erlaubt, meine ewigen Schreibblockaden zu überwinden, ist die, einen Ort zu finden oder ihn zu schaffen, wo ich nichts anderes tue, als zu schreiben – ein Versteck, wo mich der Rest meines Lebens nicht finden kann. Als ich jünger war, suchte ich mir öffentliche Räume, normalerweise in der Stadtbibliothek oder in der Studentencafeteria, wo es nur den Lärm von Fremden gab und ich ohne persönliche Ablenkung arbeiten konnte. Ich zog große, helle, gewöhnlich Räume vor. Hässlich war in Ordnung. Steril war hervorragend.

Am besten arbeitete ich, wenn ich Tag für Tag – oder Nacht für Nacht – alleine am selben Tisch im selben Stuhl sitzen konnte, nur mit einem Schreibblock und einem Stift. Ist das ein bisschen neurotisch? Bestimmt. Ich klinge wie der selbstmöderische alte Mann in Hemingways "Ein sauberer gut erleuchteter Ort". Dieses erbärmliche Gewohnheitstier ist "mon semblable, mon frère". Ich behaupte nicht, meine Lösung sei modisch. Nur, dass sie funktioniert.

Jahre später zog ich in ein kleines Haus wo ich ein Zimmer hatte, in dem es nur Bücherregale gab und einen Tisch, wo ich mir nichts anderes zu tun gestattete, als Gedichte oder Essays zu schreiben. Ich erlaubte mir nicht einmal, in diesem Zimmer Briefe oder Rechnungen zu schreiben. Nach einiger Zeit zog ich ins Wine Country in Nordkalifornien, wo ich mir ein großes Atelier baute, worin es fünftausend Bücher und drei große Schreibtische gab. Kein Telefon. Kein Computer. Keine Kaffeetasse. Keine Couch. (Ein Nickerchen ist immer verlockender als zu schreiben.) Ich ziehe von Tisch zu Tisch, um an den verschiedenen Projekten zu arbeiten. Ich lasse niemanden herein, außer meine Katze und gegebenenfalls einen Mitarbeiter. Natürlich kommen meine Neurosen mit mir jeden Tag mit, aber ich lasse sie für diesen Vorzug arbeiten.