10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Reinhard Jirgl  [ Deutschland ]

Biographie

Reinhard Jirgl Portrait
© Doris Poklekowski, www.foto-poklekowski.de

Gast des ilb 2003.

Bibliographie

Mutter-Vater-Roman
Aufbau-Verlag
Berlin, 1990

Uberich: Protokollkomödie in den Tod
Jassmann
Frankfurt/Main, 1990

Im offenen Meer: Schichtungsroman
Luchterhand
München, 1991

Das obszöne Gebet: Totenbuch
Jassmann
Frankfurt/Main, 1993

Abschied von den Feinden
dtv
München, 1998

Hundsnächte
dtv
München, 2001

Die atlantische Mauer
dtv
München, 2002

Genealogie des Tötens
dtv
München, 2002

Die Unvollendeten
Hanser
München, 2003

Gewitterlicht
Revonnah
Hannover, 2003

Abtrünnig: Roman aus der nervösen Zeit
Hanser
München, 2005

Reinhard Jirgl wurde 1953 in Ost-Berlin geboren. Die ersten elf Lebensjahre verbrachte er bei den Großeltern in der Altmark, bis er 1964 zu seinen Eltern nach Berlin zurückkehrte. Nach einer Ausbildung zum Elektromechaniker studierte er ab 1971 an der Berliner Humboldt-Universität Elektronik. 1975 schloss er sein Studium als Ingenieur ab und arbeitete für drei Jahre an der Adlershofer Akademie. Zeitgleich begann er mit dem Schreiben, für das er ab 1978 mehr Zeit fand, als er die Stelle eines Beleuchtungstechnikers an der Ost-Berliner Volksbühne annahm. Bis zum Fall der Mauer 1989 hatte Jirgl sechs Manuskripte abgeschlossen, die trotz der Unterstützung durch Heiner Müller nicht in der DDR publiziert wurden, da ihnen eine „nichtmarxistische Geschichtsauffassung“ vorgeworfen wurde. Seit 1990 hat Jirgl viele bis dato unveröffentlichte und neue Werke publiziert, darunter sein Debüt „Mutter Vater Roman“ (1990), der Roman „Abschied von den Feinden“ (1995) und die Trilogie „Genealogie des Tötens“ (2002), die Arbeiten aus den achtziger Jahren versammelt. Jirgls Roman „Die Unvollendeten“ (2003) ist eine Familiensaga von vier Frauen, die 1945 aus dem Sudetenland vertrieben werden und in der Altmark eine neue Heimat finden müssen. Wie das Trauma der Vertreibung ihr Erleben der dramatischen Nachkriegsjahre und das arbeitsreiche Leben in der DDR bestimmt, wird aus der Perspektive des 1953 geborenen Nachkommen Reiner erzählt. Ohne Mitleid, aber nicht ohne Mitgefühl, wird in drastischen Szenen und Monologen der Verlust, das gewaltvolle Leben und die naiv-duldsame Mentalität der Frauen geschildert. Jirgl verwendet dazu wie auch bei vorangegangenen Werken eine eigenwillige Typographie und Orthographie, bei der zum Beispiel „und“ durch „u“ oder „&“ ersetzt wird, Ausrufezeichen vor Wörtern stehen und es nicht „einzeln“ sondern „1zeln“ heissen kann. Diese Substitutionen erschließen eine weitere semantische Ebene, indem der jeweilige Kontext auch in der Textphysis repräsentiert wird. Auf diese Weise kann Jirgl, der oft mit Arno Schmidt verglichen wurde, Extremes auf extreme Weise sowie Mündliches seiner Figuren ungeglättet wiedergeben und gleichzeitig die Aufmerksamkeit des Lesers wach halten. Für Iris Radisch sind vor allem der „dunkle und lebensbittere Sound“ und „der historische Abstand, aus dem der Enkel vollbringt, was dem Sohn noch missglückte“ die Gründe dafür, dass „noch nie die deutsche Nachkriegszeit so überzeugend geschildert worden“ sei wie in diesem Roman.
Jirgl erhielt für seine Werke zahlreiche Auszeichnungen, zu denen der Alfred-Döblin-Preis (1993), der Literaturpreis der Stadt Marburg (1994) und der Joseph-Breitbach-Preis (1999) gehören. Für seinen jüngsten Roman „Abtrünning“ (2005) wurde ihm 2006 der Literaturpreis der Stadt Bremen verliehen. Er lebt - seit 1996 als freier Schriftsteller - in Berlin.

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