10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Júlio Emílio Braz  [ Brasilien ]

Biographie

Júlio Emílio Braz Portrait
© Nagel&Kimche; Birgit Lockheimer

Gast des ilb 2002.

Bibliographie

Saguairu
Atual
Rio de Janeiro, 1988

Perdidamente
FTD
Sao Paulo, 2000

Um conto de fim de mundo: prostituição infantil
FTD
Sao Paulo, 2000

Lendas Negras
FTD
Sao Paulo, 2001

Sol ardente
Atual Editora
Sao Paulo, 2001

Leben auf eigene Faust
[Hrsg. Ines-Marita Rüge]
Brandes & Apsel
Frankfurt/Main, 2001
[Ill. von Frauke Bahr]

Felicidade nao tem cor
Ed. Moderna
Sao Paulo, 2002

O olhar de Azul
FTD
Sao Paulo, 2002

O grande dilema de um pequeno Jesus
Razáo Cultural
Rio de Janeiro, 2002

Cenas Urbanas
Scipione
Sao Paulo, 2002

Joao Ferrugem
FTD
Sao Paulo, 2003

A menina que tinha o céu na boca
DCL
Sao Paulo, 2004

Bem-vindos a Animal City
Noovha América
Sao Paulo, 2005

Lendas da África
Bertrand Brasil
Rio de Janeiro, 2005

Sikulume e outros contos africanos
Pallas
Rio de Janeiro, 2005
[Ill. Luciana Justiniani]

A voz de quem te ama
FTD
Sao Paulo, 2006

Kinder im Dunkeln
Nord-Süd Verlag
Zürich, 2007
[Ü: Bettina Neumann]

Übersetzerinnen: Ingeborg Altemeier, Bettina Neumann

Júlio Emílio Braz wurde 1959 im brasilianischen Teilstaat Minas Gerais geboren. Im Alter von fünf Jahren zog er mit seinen Eltern nach Rio de Janeiro, wo er in einer Favela aufwuchs. Schon sehr früh spielte das Lesen und Schreiben eine zentrale Rolle in seinem Leben. Stets wissbegieriger Autodidakt brachte er sich das Lesen bereits im Vorschulalter mit Hilfe von Comics bei und begann mit sieben Jahren zu schreiben. Mit zwanzig Jahren machte Braz seine Leidenschaft zum Beruf und bahnte sich mit selbstverfassten Comic Strips den Einstieg in den Literaturmarkt. Die vermeintliche Kluft zwischen populär-trivialen Genres und den intellektuellen Ansprüchen der „großen“ Literatur sieht Braz gelassen. Der in seinem Heimatland hoch angesehene Autor, dessen Bücher heute im Schulunterricht in Brasilien gelesen werden, verdiente sich seinen Lebensunterhalt mit Grusel-Comics, die auch in Europa erschienen, und mit mehr als vierhundert Westernromanen, die er unter 39 Pseudonymen für verschiedene Taschenbuchreihen schrieb. Inzwischen sind mehr als fünfundsiebzig Kinder- und Jugendbücher des Autoren erschienen und TV-Serien nach seinen Drehbüchern im brasilianischen und paraguayanischen Fernsehen ausgestrahlt worden.

Für sein erstes Jugendbuch „Saguairu“, das 1988 erschien, erhielt er 1989 einen der bedeutendsten Nachwuchspreise Brasiliens, den Premio Jabuti der Brasilianischen Buchkammer. In Europa wurde Júlio Emílio Braz bekannt durch die Übersetzung seines Romans „Criancas na escuridao“, erschienen 1991 (dt. „Kinder im Dunkeln“, 1996), der 1997 mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis und dem Preis Die Blaue Brillenschlange ausgezeichnet wurde. Des Weiteren erhielt er im selben Jahr für dieses Werk den Sonderpreis der Ausländerbeauftragten des Senats Berlin. Für sein Buch „Lendas Negras“ (2001) erhielt er 2002 die Auszeichnung Altamente Recomendável des Fundação Nacional do Livro Infantil e Juvenil. Diese Auszeichnung wurde ihm ebenfalls im Jahr 2006 für das Buch „Sikulume e outros contos africanos“ (2005) verliehen. Braz‘ literarisches Engagement gilt den Straßenkindern der großen brasilianischen Metropolen. In seinem Jugendroman „Kinder im Dunkeln“ schildert er das Schicksal der sechsjährigen Rolinha, die von ihrer Mutter verlassen wird und sich einer Mädchenbande anschließt, in der eigene Gesetze und strenge Hierarchien gelten. Docca, die Zehnjährige, ist die Anführerin der Gruppe, denn „sie hat mehr Erfahrung im Leiden“, sagt die Ich-Erzählerin. Im Schutz von Doccas Bande erfährt Rolinha ein Mindestmaß an Schutz vor Drogendealern, den willkürlichen Übergriffen der Polizei und Zuhältern, jedoch ohne wirkliche Perspektive. Alles ist offen, Doca eines Tages tot und die Zukunft der Erzählerin ungewiß. Braz‘ nüchterne, schnörkellose Sprache verleiht Rolinhas Geschichte „eine geradezu gnadenlose Eindringlichkeit“ und „gibt auch jenen Schichten der Erzählung Raum, die universale menschliche Ängste berühren: die Angst vor Verlassenwerden, die Angst, selbst daran schuld zu sein.“ (Neue Zürcher Zeitung). Da mit bietet Júlio Emílio Braz auch seinen jungen Lesern in Europa ein allgemein gültiges Identifikationsangebot und Rolinhas Schicksal erscheint nicht wie eine weit entfernte Geschichte, die auf die brasilianischen Favelas beschränkt ist. Es ist Braz‘ Bedürfnis mit diesem „Protokoll der Straße“ den Straßenkindern Brasiliens eine Stimme zu geben und ein Bewusstsein zu schaffen für die Existenz gesellschaftlich tolerierter Verbrechen. „Wenn auch nur ein einziger junger Mensch sich beim Lesen empört über soviel Leid und Verzweiflung, hat meine Arbeit an diesem Buch sich gelohnt.“

Zuletzt veröffentlichte Braz „A voz de quem te ama“ (2006). Der Autor lebt in Rio de Janeiro.

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