10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Alan Tschertschessow  [ Russland ]

Biographie

Alan Tschertschessow Portrait
© privat

Gast des ilb 2002.

Bibliographie

Requiem für einen Lebenden
Fischer
Frankfurt/Main, 1999
Übersetzung: Annelore Nitschke

Ein Kranz für das Grab des Windes
DVA
München, 2003
Übersetzung: Annelore Nitschke

Übersetzerin: Annelore Nitschke

Alan Tschertschessow wurde 1962 als Sohn eines ossetischen Vaters und einer russischen Mutter im nordossetischen Ordshonikidse, heute Wladikawkas, Russische Föderation, geboren, wo er auch heute noch lebt. Nach dem Abitur studierte er Slawistik in seiner Heimatstadt; ab 1985 arbeitete er am Institut für Amerikanistik an der Moskauer Lomonossow-Universität und promovierte dort zum Thema „Massenkultur und Belletristik“. Heute ist Alan Tschertschessow nicht nur Dozent am Lehrstuhl für Weltkulturen der Nordossetischen Universität Wladikawkas, sondern gleichzeitig auch Rektor des von ihm gegründeten Instituts für Zivilisation und Hauptredakteur des wissenschaftlichen Almanachs des Instituts. Zudem ist er als literarischer Übersetzter aus dem Amerikanischen tätig. 1990 erschienen Tschertschessows erste literarische Veröffentlichungen, die Erzählungen „Und es wird Sommer...“, „Die nackte Insel“ und die Novelle „Der Regen ist ein einsamer Passant“. Tschertschessow schreibt in russischer Sprache, sieht sich aber vor allem als ossetischer Schriftsteller. Seinen ersten großen Erfolg erzielte er mit dem Romandebüt „Requiem für einen Lebenden“ (1994, dt. 1999), einem polyphonen Erinnerungspanorama. Darin wird aus verschiedenen Perspektiven die Geschichte eines Waisenjungen rekonstruiert, der sich in einem entlegenen kaukasischen Bauerndorf niederlässt. Das anfängliche Misstrauen der Dorfbewohner schlägt nach und nach in offenen Hass um. Der einsame Junge verwirft bzw. behält ihre Bräuche und Traditionen nach eigener Willkür und wird so zu einem Prüfstein ihrer Alltagskultur. Durch seinen unkonventionellen Umgang mit den Dorfbewohnern kommt er zu großem Reichtum, gleichzeitig muss er jedoch der Fremde bleiben, als der er gekommen war. Nach Jahrzehnten verlässt er das Dorf, woraufhin seine Gestalt in den Erzählungen und Erinnerungen der Dorfbewohner zur Legende wird. Tschertschessows Epos ist ein Aufruf zur Toleranz, zur schöpferischen Auseinandersetzung mit dem Fremden und Unbekannten. Bezogen auf den Protagonisten erzählt er die „Geschichte eines Helden, der durch seine Einsamkeit eine unglaubliche Stufe der Freiheit gewinnt, dank der er zu der großartigen Verdammung des eigenen Daseins verurteilt ist und letzen Endes ein Gefangener dieser Freiheit wird.“ Der Autor stellt sich mit diesem Roman bewusst nicht in die Linie der zeitgenössischen Postmodernisten, sondern sucht die Verbindung zum 19. Jahrhundert, zu den großen russischen Erzählern Dostojewski und Tolstoj, aber auch zu Faulkner, Camus oder García Márquez. Tschertschessows Roman "Ein Kranz für das Grab des Windes“ (2000; dt. 2003) wurde mit dem „Apollon-Grigorjew-Literaturpreis“, einem der am höchsten dotierten Preise des heutigen Russlands, ausgezeichnet. Er erzählt die Geschichte von drei namenlosen Außenseitern, die am Ufer des verfluchten Flusses nahe einer kaukasischen Schlucht wohnen. Widerwillig nehmen sie einen Fremden namens Azamas bei sich auf. Azamas – sein Name ein Verweis auf den ossetischen Mythos – zwingt die drei zu einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der erneuten Annahme ihrer Namen, und somit auch zu der Anerkennung ihrer Individualität. Zusammen bauen die vier Häuser und eine Brücke, so dass mehr und mehr Menschen sich an der Schlucht ansiedeln und schließlich eine Dorfgemeinschaft entsteht. Der auf Russisch schreibende Autor vollzieht mit seinem Werk eine komplizierte Gratwanderung, da er einerseits als ossetischer Schriftsteller für die kulturelle Identität Ossetiens steht und gleichzeitig in den Feuilletons Moskaus als russischer Autor gefeiert wird.

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