10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
Sie sind hier: Startseite / Archiv / Teilnehmer / / 2002 / † Mazisi Raymond Kunene

† Mazisi Raymond Kunene  [ Südafrika ]

Biographie

† Mazisi Raymond Kunene Portrait
© Doris Poklekowski, www.foto-poklekowski.de

Gast des ilb 2002, 2001.

Bibliographie

Zulu Poems
André Deutsch
London, 1970

Die Großfamilie
Laetare-Verlag
Stein, 1971
Übersetzung: Max Kretzschmar, Rose Keller

Emperor Shaka the Great
Heinemann
London, 1979

Anthem of the Decades
Heinemann
London, 1981

The Ancestors & the Sacred Mountain
Heinemann
London, 1982

Isibusiso sikamhawu
Via Afrika
Pretoria, 1994

Indida yamancasakazi
1995

Amalokotho kanomkhubulwane
1996

Umzwilili Wama-Afrika
Kaigo Publishers
Pretoria, 1996

Igudu likaSomcabeko
1997

Übersetzer: Jürgen Brocan, Wolfgang Held, Rose Keller, Max Kretzschmar, Peter Sulzer

Mazisi Raymond Kunene wurde 1930 in Durban in der südafrikanischen Provinz Natal geboren. Sein Studium an der Universität von Natal schloß er mit einer Arbeit über traditionelle und zeitgenössische Zulu-Dichtung ab. 1959 führte ihn ein Doktorandenstipendium nach London. Von nun an widmete sich Kunene vor allem dem Freiheitskampf der afrikanischen Länder, indem er für Institutionen wie das afro-asiatische Schriftstellerkomitee arbeitete oder ein Berufsprogramm für südafrikanische Flüchtlinge in Tansania und Sambia ins Leben rief. Zusammen mit 45 weiteren Autoren wurde er 1966 offiziell aus seinem Heimatland verbannt. Er war einer der Mitbegründer der Anti-Apartheidbewegung und wurde 1962 zum UNO-Vertreter des African National Congress ernannt. 1972 startete er den South African Exhibition Appeal, der von Künstlern wie Picasso, Chagall, Giacometti, Moore und Rauschenberg unterstützt wurde.

Ohne sein politisches Engagement aufzugeben – ab 1977 war er auch Berater der UNESCO–, fand Kunene in den späten 1970er Jahren zurück in das akademische Leben. Er hielt weltweit Vorlesungen, übernahm eine Gastprofessur für Afrikanische Literatur in Stanford und unterrichtete an der University of California in Los Angeles. Nach 34 Jahren Exil kehrte der Dichter 1993 zurück nach Südafrika, wo er seitdem als Dozent für Zulu-Literatur an der Universität von Natal tätig war. Im selben Jahr wurde Kunene zum ersten Poet Laureate der arabischen und afrikanischen Länder ernannt. Er starb am 11. August 2006 in seiner Geburtsstadt Durban.

Mazisi Kunene gehörte zu den wenigen afrikanischen Schriftstellern, die die Dominanz der Kolonialsprachen überwanden. Seine Werke, auf Zulu verfaßt, wurden jedoch lange Zeit nur auf Englisch, in einer von ihm selbst besorgten Übersetzung, veröffentlicht. Neben zahlreichen Gedichten schrieb er auch ein Drama und zwei Drehbücher. »Schon sein Vater«, so berichtet Peter Ripken über Kunene, »sah in dem Kind einen ›imbongi‹, einen klassischen Barden, der Lobpreisendes und Kritisches über die Mächtigen vorträgt.« Ein erster Gedichtband, »Zulu Poems«, erschien 1970 in London. Er zeugt von der tiefen Verbundenheit des Autors mit seinem Volk, dessen kulturellen Traditionen und Wertvorstellungen. Mit Elementen des Lobgesangs, der Anrede und der Aufführung nähert sich der Dichter auch stilistisch der Spezifik mündlich überlieferter Literatur an. Die Vermittlung von tradierten sozialen Werten und philosophischen Konzepten der Zulu steht auch im Mittelpunkt der beiden großen Versepen Kunenes. So erzählen die 17 Bücher seines Epos »Emperor Shaka the Great« (1970) vom Leben Chakas, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Zulu-Reich regierte, und tragen damit zu einer eigenständigen schwarzafrikanischen Geschichtsschreibung bei. Dabei handelt es sich nicht nur um ein differenzierendes Bild des legendären Monarchen, der in den Chroniken der Weißen alle Klischees des brutalen, unbarmherzigen und unberechenbaren Wilden erfüllt. Vielmehr entwirft Kunene seinen Helden auch als Pan-Afrikanisten, als Integrationsfigur für eine Versöhnung der schwarzen und weißen Bevölkerung. In seinem zweiten Epos, »Anthem of the Decades« von 1981, widmete sich der Dichter dem Schöpfungsmythos der Zulu, demzufolge sich die Geschichte der Menschheit als ewiger Kampf gegen essentielle Widersprüche – Schöpfung/Zerstörung, gut/böse, Sieg/Niederlage, Lust/Schmerz – darstellt. Eine besondere Rolle erhalten nach dieser Vorstellung die Frauen, welche Aussöhnung, Balancierung und damit das Leben selbst repräsentieren.

© internationales literaturfestival berlin