10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Orhan Pamuk  [ Türkei ]

Biographie

Orhan Pamuk Portrait
© Doris Poklekowski, www.foto-poklekowski.de

Gast des ilb 2001.

Bibliographie

Die weiße Festung
Insel
Frankfurt/Main, 1990
Übersetzung: Ingrid Iren

Das schwarze Buch
Hanser
München, 1995
Übersetzung: Ingrid Iren

Das neue Leben
Hanser
München
Übersetzung: Ingrid Iren

Rot ist mein Name
Hanser
München, 2001
Übersetzung: Ingrid Iren

Schnee
Hanser
München, 2005
Übersetzung: Christoph K. Neumann

Der Blick aus meinem Fenster
Hanser
München, 2006
Übersetzung: Cornelius Bischoff

Istanbul - Erinnerungen an eine Stadt
Hanser
München, 2006
Übersetzung: Gerhard Meier

Übersetzung: Ingrid Iren, Gerhard Meier, Christoph K. Neumann

Orhan Pamuk wurde 1952 in Istanbul geboren. Er wuchs in der Ankara auf und besuchte dort das englischsprachige College. Anschließend studierte er zunächst Architektur, dann Publizistik an der Universität von Istanbul und begann, als freier Schriftsteller zu arbeiten. Nach der Veröffentlichung seines ersten Romans »Beyaz Kale« (1985; dt. »Die weiße Festung«, 1990) lebte er drei Jahre lang in New York und kehrte 1988 in seine Heimatstadt zurück.

Pamuk gilt als einer der bedeutendsten türkischen Schriftsteller. Er erhielt die wichtigsten türkischen Nationalpreise sowie seit 1990 den Independent Foreign Fiction Award, den Prix de la découverte européenne, den IMPAC Dublin Award, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und den Ricarda-Huch-Preis. 2006 wurde er mit dem Nobelpreis geehrt. Seine im In- und Ausland überaus erfolgreichen Romane sind in 35 Sprachen übersetzt und erreichen Leser in rund hundert Ländern.

Obgleich sich Pamuk immer wieder dezidiert politisch äußert und beispielsweise zur Frage der kurdischen Sprache und der Minderheitenrechte Stellung bezogen hat, enthält er sich in seinen literarischen Werken jeder Parteilichkeit. »In einem Land, in dem 95 Prozent der Literatur als politische produziert und gerechtfertigt wurde, machte ich gleich zu Beginn klar, dass ich in meinem Elfenbeinturm leben will«, erklärte Pamuk einmal provokativ, gestand jedoch zugleich die »gefährliche Gratwanderung« ein, die er damit versuche. Seine Romane versteht er als Angebote, einen Ausweg aus der ständigen Konfrontation von Ost und West, Fundamentalismus und Konsumterror, orientalischer Mystik und dogmatischer Aufgeklärtheit zu suchen. Literatur habe für ihn einen »Wert an sich«, der beweise, dass es noch etwas anderes geben kann, das »frei vom Druck der Religion, der aktuellen Politik, frei von totalitaristischen Visionen und dem Problem der (türkischen) Identität« ist. Im besten Fall entsteht dabei das »Mosaik einer von allen Orientalismen entkleideten Türkei, wie sie dem westlichen Leser, der bestimmte Vorstellungen hegt, nicht unvertrauter entgegentreten könnte«, so Barbara Frischmuth in ihrer Rezension von »Yeni Hayat« (1994; dt. »Das neue Leben«, 1998) in der »Neuen Zürcher Zeitung«. Gerade darin bestehe für sie der Reiz dieses Romans: »[...] dass er allen gängigen Erwartungen widerspricht, keine erschöpfenden Erklärungen bietet und die Vieldeutigkeit nicht zum Selbstzweck erhebt«.

»Kar« (2002; dt. »Schnee«, 2005) ist Pamuks wohl politischster Roman. Er porträtiert die ethnisch und ideologisch heterogene Bevölkerung einer ostanatolischen Stadt: Islamisten, türkische und kurdische Nationalisten, Demokraten, Kirche, Armee, Geheimdienst. Während ein Dichter sich auf die Suche nach Liebe und Inspiration macht, verüben junge Musliminnen wegen dem Kopftuchverbot an der Universität Selbstmord und eine Theatergruppe inszeniert in der eingeschneiten Stadt einen kemalistischen Putsch. Indem Pamuk die verschiedenen Lebensformen und Weltsichten als ähnlich berechtigt wie beschränkt darstellt, erschüttert er deren Unbedingtheitsanspruch.

Nachdem der Schriftsteller in einem Interview mit dem Magazin des Zürcher »Tages-Anzeigers« die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den Armeniern gefordert hatte, erhob sich ein Sturm der Empörung aus den Reihen der türkischen Nationalisten. Pamuk sah sich schließlich einer Anklage wegen »öffentlicher Herabsetzung des Türkentums« ausgesetzt, das Verfahren gegen ihn wurde jedoch bald eingestellt. Die Verleihung der höchsten literarischen Auszeichnung im gleichen Jahr wurde in der türkischen Öffentlichkeit skeptisch aufgenommen.

2006 erschienen der Essayband »Der Blick aus meinem Fenster« und »Istanbul Erinnerungen an eine Stadt« in deutscher Sprache.

© internationales literaturfestival berlin

[http://www.orhanpamuk.com]