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Namdeo Dhasal  [ Indien ]

Biographie

Namdeo Dhasal Portrait
© Doris Poklekowski, www.foto-poklekowski.de

Gast des ilb 2001.

Bibliographie

Tuhi Iyatta Kanchi?
Ambedkara Prabodhini
Mumbai, 1981

Ambedkari Chalwal
Ambedkara Prabodhini
Mumbai, 1981

Bombay-Mumbai. Bilder einer Megastadt
[mit Henning Stegmüller u. Dilip Chitre]
A1
München, 1996
Übersetzung: Lothar Lutze

Andhale Shatak
Ambedkara Prabodhini
Mumbai, 1997

Übersetzer: Lothar Lutze

Namdeo Dhasal wurde 1947 in einem Dorf nahe Pune, Indien, geboren. Als Angehöriger der Dalits, d.h. der Kastenlosen (auch »Unberührbaren«) wuchs er in größter Armut auf.

Seine Jugend verbrachte er in Golpitha, einem Rotlichtviertel Mumbais/Bombays, wo sein Vater als Fleischergehilfe arbeitete. Nach dem Vorbild der amerikanischen Black-Panther-Bewegung gründete Dhasal 1972 mit Freunden die Dalit-Panther, eine militante Organisation, die ihren radikalen politischen Aktivismus mit der Publikation provokativer Schriften begleitete. Dhasal gehörte zu den berühmtesten und provokativsten Mitgliedern dieser Vereinigung.

Unter dem Titel »Golpitha« erschien 1973 seine erste, die Literaturszene in Aufruhr versetzende Gedichtsammlung. Es folgten zahlreiche weitere Lyrikbände, darunter die von maoistischem Gedankengut inspirierten Gedichte »Moorkh Mhataryane« (Ü: Der einfältige alte Mann), die Sammlung »Tuhi Iyatta Kanchi?« (Ü: Wie gebildet bist du?), die erotischen Gedichte »Khel« und »Priya Darshin« über die indische Ministerpräsidentin Indira Gandhi. Neben zwei Romanen veröffentlichte er politische Bücher wie »Andhale Shatak« (Ü: Jahrhundert der Blindheit) und »Ambedkari Chalwal«, eine Reflexion der sozialistischen und kommunistischen Ideen des Gründers der Dalit-Bewegung B.R. Ambedkar.

1982 begann sich die diese Bewegung aufzuspalten. Ideologische Streitigkeiten nahmen Überhand und verdrängten das gemeinsame Ziel. Während Dhasal eine Massenbewegung auslösen wollte, sich für eine Öffnung des Begriffs Dalit für alle Unterdrückten einsetzte, beharrte die Mehrheit seiner Mitkämpfer auf der Exklusivität ihrer Organisation. Schwere Krankheit und Alkoholabhängigkeit überschatteten die folgenden Jahre, in welchen Dhasal nicht mehr viel schrieb. In den 1990er Jahren verstärkte sich sein politisches Engagement wieder. Dhasal ist heute einer der Vorsitzenden der Republikanischen Partei Indiens, zu der sich alle Dalit-Parteien vereinigt haben.

Die Tradition der Dalit-Literatur geht weit zurück, auch wenn der Begriff erst 1958 offiziell eingeführt wurde. Entscheidende Anregungen erhielt Dhasal etwa von Baburo Bagul, der sich eines photographischen Realismus bediente, um auf die Zustände aufmerksam zu machen, in welchen die von Geburt an Entrechteten lebten. Neu an den Gedichten Dhasals war der offene Bruch mit Form- und Stilkonventionen. Er beleidigte den herrschenden literarischen Geschmack mit vulgärsprachlichen Elementen. Zwar schrieb er auf Marathi, der offiziellen Sprache seines Bundesstaates Maharashtra, aber er verwendete viele Worte und Ausdrücke, die nur die Dalits gebrauchen. In »Golpitha« etwa paßte er sich der Sprache des Rotlichtviertels an und schockierte damit den mittelständischen Leser.

So unterschiedlich die politischen und künstlerischen Verdienste Dhasals vom Establishment gewertet werden, so eng gehören sie für den Dichter zusammen. Um das Ziel der sozialen Kämpfe, die Beseitigung der Unzufriedenheit, zu erreichen, sagte er 1982 in einem Interview, sei Dichtung notwendig, denn sie sei ein lebendiger und machtvoller Ausdruck dieser Unzufriedenheit. »Dichten ist Politik«, formulierte er später. Nach dieser Programmatik lebt Dhasal auch als Privatmensch. So äußerte er im Gespräch mit dem Fotografen Henning Stegmüller: »Ich genieße es, mich selbst zu entdecken. Ich bin ein glücklicher Mensch, wenn ich ein Gedicht schreibe, und ich bin glücklich, wenn ich eine Demonstration von Prostituierten anführe, die für ihre Rechte kämpfen.«

In jüngster Zeit verfasste Dhasal Kolumnen für die große marathisprachige Zeitung »Daily Saamana« und arbeitete als Herausgeber von »Weekly Satyata«. Daneben veröffentlichte er die beiden Gedichtbände »Mee Marle Suryachya Rathaache Saat Ghode« (Ü: Ich habe die sieben Pferde des Sonnenkönigs getötet) und »Tuze Boat Dharoon me Chalallo Aahe« (Ü: Das Kind folgt dem Vater, seinen Finger haltend). Für sein schriftstellerisches Werk wurde er mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter der Soviet Land Nehru Award (1974), der Maharashtra State Award (1973, 1974, 1982, 1983) und der Staatspreis in der Kategorie Literatur Padmashri (1999). 2004 wurde ihm von der Sahitya Adademi der Golden Life Time Achievement Award verliehen.

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