Sie sind hier: Startseite / Samuel Shimon: Auszug aus »Sankhiro's Adventures«
10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
Sie sind hier: Startseite / Samuel Shimon: Auszug aus »Sankhiro's Adventures«

Samuel Shimon: Auszug aus »Sankhiro's Adventures«

Samuel Shimon: Auszug aus »Sankhiro's Adventures«

Samuel Shimon

 

Sankhiro

 

 

Prolog

 

1

 

Malíka al-Baschír kam in einem gut situierten marokkanischen Elternhaus zur Welt. Ihr Vater war Inhaber eines bekannten Transportunternehmens in Casablanca, ihre Mutter eine französische Madame mit spanischen Wurzeln, die rund um die Uhr für die Familie da war. Ihre Schullaufbahn absolvierten Malika und ihre jüngere Schwester Ghada an französischen Bildungsstätten in Marokko. Mit siebzehn wollte Malika ans Institut für Theaterschauspiel gehen, doch ihre Mutter drängte sie dazu, bei der Royal Air Maroc als Stewardess zu arbeiten. Nachdem sie das zwei Jahre lang gemacht hatte, starb ihr Vater unter mysteriösen Umständen auf einer seiner Reisen nach Madrid, und Malika – blond und attraktiv – besann sich wieder ihres alten Traums, Schauspielerin zu werden. 1968 ging sie nach Frankreich und schrieb sich an der Pariser Sorbonne ein.

In Paris machte sie sich sogleich auf die Suche nach einem alten Freund der Familie, den Algerier Mohamed Boudia[1], der dort ein Theaterensemble leitete. Ein Jahr darauf stieß ihre jüngere Schwester Ghada zu ihr. Boudia nahm die beiden Schwestern unter seine Fittiche und wich ihnen nicht von der Seite. Eines Tages, im Jahr 1971, berichtete die französische Presse von der Verhaftung zweier Französinnen marokkanischer Abstammung auf dem Flughafen Lod[2]; man hatte in ihrem Gepäck Sprengstoff gefunden. Beide bekannten sich dazu, geplant zu haben, mehrere Hotels in Tel Aviv in die Luft zu jagen. Ihr Urteil lautete auf zwölf Jahre Gefängnis. In der Haft lernten die Schwestern Hebräisch. 1973 erfuhr Malika aus einer hebräischsprachigen Tageszeitung vom Jubel der Ministerpräsidentin Golda Meir über die Ermordung Mohamed Boudias in Paris durch den Mossad. Nach fünf Jahren Haft ordneten die israelischen Behörden die Freilassung Malikas an. Grund dafür war die Verschlechterung ihres Gesundheitszustands, aber auch ein gewisser Druck seitens der französischen Behörden. Zurück in Paris lernte sie den palästinensischen Studenten Mukhtár kennen, der einer linken Palästinenserorganisation angehörte. Sie heirateten und gingen nach Beirut, wo Mukhtar innerhalb der Revolutionären Front zur Befreiung Palästinas zum Verantwortlichen für den Informationsdienst aufrückte. Malika arbeitete als Radiosprecherin für palästinensische Nachrichten in hebräischer Sprache, sowie als Redakteurin für die Rubrik israelische Politik bei der von der Volksfront herausgegebenen Zeitschrift „Tahrír“ (‚Befreiung‘). Nach ein paar Jahren bekam sie Sehnsucht nach ihrer Heimat, wie auch nach dem beträchtlichen Vermögen, das ihr Vater ihr hinterlassen hatte. So ging sie nach Marokko zurück und ließ sich die Erbschaft auszahlen, an der sie nicht lange Freude haben sollte.

 

 

2

 

In Bagdad träumte der fünfzehnjährige Assyrer-Junge Sankhíro davon, eines Tages ein berühmter Filmstar zu werden. Er war verliebt in ein hübsches Mädchen seines Alters namens Lilia. Die hatte einen gutherzigen Verwandten namens Rafael, achtzehn Jahre alt, dessen Traum es war, sie zu heiraten. Rafaels ganze Sorge war darauf gerichtet, Sankhiro von Lilia fern zu halten. Eines Tages hörte Rafael, wie Lilia das Lied „Geliebter Freiheitskämpfer“ von der libanesischen Sängerin Dalál Schamáli sang. Die irakischen Rundfunkmedien waren voll von Liedern und Hymnen, die den palästinensischen Freiheitskampf glorifizierten. Die Baathisten, die sich im Juli 1968 in Bagdad an die Macht geputscht hatten, schlachteten sie für ihre Zwecke aus und spornten die irakische Jugend an, sich den in Jordanien operierenden palästinensischen Organisationen anzuschließen.

Eines Abends – man schrieb das Jahr 1970 – sah Sankhiro, der sich in einem Park in der Nähe seines Hauses gemütlich ins Gras gelegt hatte, wie Rafael mit drei stattlichen Granatäpfeln in der Hand näher kam. Er warf sie ins Gras und streckte sich neben Sankhiro aus, der in die Sterne schaute.

„Auf geht‘s, Sankhiro, lass uns mal die Granatäpfel da vernichten. Ich habe gute Neuigkeiten für dich.“

Sankhiro setzte sich aufrecht hin, nahm einen der Granatäpfel, nagte ihn in der Mitte an und spaltete ihn in zwei Hälften, den dabei ins Gras purzelnden roten Kernen keine Beachtung schenkend.

„Du hast doch mitbekommen, Sankhiro, dass Lilia schon seit Tagen das Lied ‚Geliebter Freiheitskämpfer‘ vor sich hin trällert. Und weißt du warum?“

„Warum?“

„Ich glaube, sie will dich dazu bringen, dass du dich den Fedajin[3] anschließt.“

„Darüber denke ich tatsächlich nach, aber die Vorstellung, sterben zu müssen, macht mir Angst.“

„Hör auf mit solchen Gedanken, Sankhiro. Wenn du stirbst, wirst du ein Held sein, und dein Bild wird an jeder Ecke aufgehängt werden, ja man wird es wie das von Che Guevara auf T-Shirts drucken.“

„Und was ist mit meinen Eltern, Rafael? Glaubst du nicht, die wird mein Tod in tiefe Trauer versetzen?“

„Helden sterben nicht, Sankhiro.“

Sankhiro schwieg eine Weile, während die Finger seiner rechten Hand nach den zwischen den Grashalmen durchschimmernden Granatapfelsamen langten. Dann sagte er mit flehender Stimme: „Aber Rafael, du weißt doch, dass ich später mal Schauspieler werden will.“

Rafael schwieg, Gewissensbisse stiegen in ihm auf. Zerknirscht schüttelte er seinen Kopf und sagte: „Du bist ein guter Kerl, Sankhiro.“ Rafael und Sankhiro verschlangen alle drei Granatäpfel und wandten sich dann noch den im Gras verstreuten Kernen zu. Rafael sagte lachend: „Wenn der Kaufmann pleite ist, durchkämmt er die alten Register.“ Sie brachen in schallendes Gelächter aus.

1978 verließ Sankhiro den Irak, ging nach Beirut und schloss sich den Fedajin an.

 

 

 

 

Das Kampfdessous

 

Beirut 1979

 

1

 

Die Morgensonne drang sanft durch das Küchenfenster in Mukhtars Wohnung im siebten Stock. Gedankenverloren stand Mukhtar vor der Spüle, während die Finger seiner linken Hand an seinem dichten, kastanienbraunen Schnurrbart zupften. Als ihm das Brummen ins Bewusstsein drang, welches der Motor des riesigen Kühlschranks neben ihm von sich gab, machte er die Kühlschranktür auf und wieder zu, woraufhin das Brummen verstummte. Er hob die Kaffeetasse an, die vor ihm stand, trank hastig daraus und verließ die Küche. Dann wandte er sich der Wohnungstür zu und sagte, bevor er sie öffnete, mit lauter Stimme: „Denk dran, Liebling, du gehst heute in ein Flüchtlingslager, um dort Kämpfer und mittellose Frauen zu interviewen. Ich bitte dich, die weiße Hose muss wirklich nicht sein!“ Malika kam aus dem Bad, ein kleines Handtuch um den Körper geschlungen, und sagte auf Französisch: „Wir sind hier in Beirut, Mukhtar, nicht in Gaza. Ich bitte dich, hör auf, dich in meine Privatangelegenheiten einzumischen!“.

„Das ist doch Blödsinn!“, rief Mukhtar kopfschüttelnd.

Malika ging auf ihn zu und umarmte ihn. Mit ruhiger Stimme sagte sie zu ihm: „Vergiss meine Hose, konzentriere dich auf die Probleme der Zentrale und bleib hart in der Auseinandersetzung.“

„Schon gut, Liebling, schon gut“, sagte er und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. Dann ging er hinaus. Ein Gefühl der Zufriedenheit stieg in Malika auf. Sie nahm eine blaue Musikkassette, die auf dem Fernseher lag. Dann bückte sie sich und steckte sie in den Radio-Kassettenrekorder, der auf dem Boden stand. Sie drückte auf Play und ging in Richtung Schlafzimmer, zur Stimme von Julio Iglesias tänzelnd.

 

 

2

 

Kaum erblickte Sankhiro das erste Licht des Tages, da sprang er schon aus seinem Bett, legte flink seine Wolldecke zusammen und verstaute sie hinter ein paar Brettern, die an die Veranda-Wand gelehnt waren. Obwohl er schon seit mehr als einer Woche im Büro schlief, löste diese Situation ihn ihm immer noch Scham und Verlegenheit aus. Deshalb fühlte er sich gezwungen, früh aufzustehen, damit ihn niemand auf einer im Verandabereich des Büros ausgebreiteten Militärwolldecke liegen sähe. Niemand bis auf Walíd, den Zeichner, der ebenfalls im Büro schlief, seit genau einem Jahr. Seitdem er nämlich sein Studium in Moskau abgebrochen hatte und nach Beirut zurückgekehrt war, als er von dem als „Operation Litani“ bekannten israelischen Einmarsch in den Südlibanon im März 1978 erfahren hatte.

Sankhiro nahm eine kleine Tasche, ging ins Bad und duschte kurz. Dann ging er in die Küche der Nachbarwohnung, wo ihm „Umm Bilád“ (‚Landesmutter‘) ein Glas Tee zubereitete. Einige Augenblicke später kam Mukhtar und blieb in der Küchentür stehen, in seine „Le Monde“ vertieft, unterm Arm noch ein paar weitere Zeitungen. Wie es seiner Gewohnheit entsprach, spielte Mukhtar beim Lesen mit seiner linken Hand an seinem Schnurrbart herum. Dann plötzlich stieß er einen Morgengruß hervor und bat Sankhiro, mit ihm in sein Büro zu kommen. „Den Kaffee, Umm Bilal!“ rief er, während er Sankhiro beim Betreten des Büros die Hand schüttelte.

„Wie du weißt, Genosse“, sagte Mukhtar, „habe ich erst vor vier Wochen die Verantwortung für die Zentrale übernommen und bin dabei, die Informationsabteilung umzubilden, damit sie in dieser kritischen Phase, die unsere Revolution im Speziellen und die arabische Welt im Allgemeinen durchläuft, ihre Aufgabe angemessen erfüllen kann. Von morgen an wirst du, Genosse Sankhiro, für die administrativen Angelegenheiten der Zentrale zuständig sein. Außerdem wirst du die Herausgabe der Zeitschrift „Tahrir“ betreuen.“

Sankhiro wiegte den Kopf hin und her und blickte verstohlen zu den Fotografien und Plakaten an der Wand hinter Mukhtar… Ein großes Foto von Fidel Castro, wie er den Genossen Abu Hátim empfängt, den Generalsekretär der Revolutionären Front… Ein gerahmtes Foto von Lenin… Das Wappen der Volksfront… Ein großes farbiges Plakat, auf dem eine weiße Taube zu sehen war, die über Stacheldrähte hinweg flog, mit einer Inschrift in breiten Lettern: „Freiheit für die palästinensischen Gefangenen in den Knästen der Besatzer!“… Und weitere Fotos, darunter eines von Mengistu Haile Mariam!

„Es wird alles gut gehen, und du wirst mich und die Genossin Malika an deiner Seite haben“, sagte Mukhtar und fügte hinzu, während er zur offen stehenden Tür seines Büros blickte: „Ich möchte, dass bis morgen niemand von dieser Sache Wind bekommt.“

„Gewiss, Genosse“, sagte Sankhiro mit einem breiten Lächeln, welches seine Wangen wie zwei aufblähte Äpfel aussehen ließ.

„Hast du Zigaretten dabei, Genosse Sankhiro? Ich habe meine Schachtel zu Hause vergessen.“

„Natürlich, Genosse“, antwortete Sankhiro dienstbeflissen, bot ihm eine Marlboro an und gab ihm Feuer.

„Du bist zur richtigen Zeit gekommen, Genosse“, sagte Mukhtar lächelnd. Als wüsste er schon, dass der hinter den Kulissen tobende Machtkampf zwischen zwei frontinternen Strömungen um die Kontrolle über die Informationszentrale dazu führen würde, dass ein Beschluss zu seiner Eliminierung gefasst werden würde, und dass Sankhiro sein Leben aufs Spiel setzen würde, um ihn in letzter Minute zu retten.

 

 

3

 

Sankhiro und der Fahrer Abu Musa standen an den weißen Peugeot gelehnt und beobachteten Malika, die mit ihrem Aufnahmegerät Interviews mit einigen Bewohnern des nordlibanesischen Flüchtlingslagers Nahr al-Báred führte. Abu Musa, ein sechzigjähriger Libanese, war an sich ein gutmütiger und zuvorkommender Mensch, doch blickte er die ganze Zeit mürrisch drein. Er sagte, den Blick auf Sankhiro gerichtet: „Ich halte mich für einen aufgeschlossenen Menschen, Genosse. Aber ich frage mich, warum die Genossin Malika diese freizügige Hose tragen muss.“ Nach einer Pause fuhr er fort: „Manche Dinge sollten einfach bedeckt bleiben!“ Sankhiro begriff, worauf Musa abzielte, doch er wollte ihm gegenüber den Eindruck erwecken, er würde sie nicht beobachten.

„Was meinst du mit ‚manche Dinge‘, Genosse!?“

Abu Musa reckte ihm seinen Kopf zu und flüsterte in Sankhiros rechtes Ohr: „Siehst du denn nicht ihr rotes Dessous? Sowas geht doch nicht!“

Sankhiro lächelte und erinnerte sich an die Worte des Zeichners Walid, als er mit ihm vor zwei Tagen über Malika gesprochen hatte: „Sie hat einen unbeugsamen Charakter. Es kümmert sie nicht, was die Leute über ihren Lebenswandel tuscheln. Aber ich will dir nicht verhehlen, dass ich nur zu gern wüsste, warum sie immerzu ein rotes Dessous trägt, und ob es immer das gleiche Dessous ist.“

 

Nachdem Malika ihre Arbeit erledigt hatte, schlug sie Sankhiro vor, mit zu ihr nach Hause zu kommen, um ihr dabei behilflich zu sein, die Interviews zu transkribieren, und „um zusammen einen Tee zu trinken“, wie sie sagte, während sie einen Blick auf ihre Armbanduhr warf. „Wie lange brauchen wir für den Rückweg nach Beirut, Genosse Abu Musa?“

„Eine und eine Viertelstunde, so Gott will.“

 

*

Malika machte den riesigen Kühlschrank auf, holte eine große Plastikflasche daraus hervor und reichte sie Sankhiro. Der nahm sie entgegen und schaute sich in alle Richtungen nach einem Glas oder einer Tasse um. „Kein Problem, trink einfach direkt aus der Flasche, Genosse“, sagte sie zu ihm.

„Nein danke, das kann ich nicht“, antwortete er.

Lächelnd nahm Malika ihm die Flasche ab, setzte ihren Mund an deren Öffnung und begann zu trinken, die Augen auf Sankhiro gerichtet. Als sie fertig war, wischte sie den Flaschenmund ab und reichte sie ihm: „Sag nicht, ich kann nicht. Trink!“, sagte sie im Befehlston. Und dann trank er.

Kopfschüttelnd warf Malika einen Blick in den offenbar leeren Kühlschrank. Sie machte ihn wieder zu und schaute zu Sankhiro. „Wir haben Thunfisch und Ei!“

„Ich kann dir einen sehr leckeren assyrischen Salat machen.“

„Was ist das, ein assyrischer Salat?“

„Ein ideales Gericht für diese Tageszeit.“

„Als Mittagsmahl, meinst du.“

„Genau“, sagte er lächelnd.

 

Jene Mittagsstunde bescherte Sankhiro ein ungeahntes Glücksgefühl, denn zum ersten Mal, seitdem er sein Land verlassen hatte, fand er sich in einer richtigen Küche wieder. Auf den Markt zu gehen und alles Nötige für seinen speziellen Salat einzukaufen, war eine Sache von Minuten: Zwiebel, Petersilie, Gurke, Tomate, grüne Paprika, Zitrone und, ganz wichtig, eine Dose Kichererbsen. Als er zurückkam, fand er die Wohnungstür offen vor. Schnurstracks ging er in die Küche.

Nachdem er das Gemüse gewaschen hatte, begann er die Tomaten, Gurken, grüne Paprika, Zwiebeln und Petersilie ganz fein zu hacken. Er gab alles auf einen großen Teller, öffnete die Dose mit den Kichererbsen, wusch sie und mischte sie unter das restliche Gemüse. Das ganze richtete er mit Salz, schwarzem Pfeffer und Olivenöl an und presste darüber ein bisschen von der Zitrone aus. Dann schälte er die gekochten Eier, schnitt jedes davon in vier Stücke und ordnete diese kreisförmig um den Teller herum an. Zum Abschluss häufte er in die Mitte des Tellers eine Handvoll Thunfisch. Er wollte schon anfangen, die Küche sauber zu machen, da verspürte er den Drang, die Toilette aufzusuchen. Im weitläufigen Flur stehend brauchte er ein paar Momente, bis er im hinteren Bereich drei geschlossene Türen erblickte. Intuitiv vermutete er, es müsse die dritte Tür von links sein. Er öffnete sie und trat ein. Hastig urinierte er, weil es ihm unangenehm war, die Toilette ohne Erlaubnis zu benutzen – womöglich gab es ja noch eine Gästetoilette. Gerade als er die Tür aufmachen wollte, um rauszugehen, fiel sein Blick auf die weiße Hose, die hinter der Tür aufgehängt war. Dahinter lugte etwas Rotes hervor. Er schob die Hose zur Seite und sah das rote Dessous. Da lächelte er und ging schnell hinaus.

Sankhiro warf einen letzten prüfenden Blick auf den Salat und murmelte vor sich hin: „Wo ist der Essig, wo ist der Essig?“. Er schaute ins Regal, das abgesehen von ein paar schwer in Mitleidenschaft gezogenen Gewürzbeuteln leer zu sein schien.

Er drehte den Wasserhahn auf und wusch sich die Hände. Vielleicht sollte er lieber in die Zentrale zurückzukehren. Aber während er sich schon der Wohnungstür näherte, hielt er inne. Unwillkürlich zog es ihn noch einmal zur Toilette. Als er herauskam, stand Malika vor ihm, bekleidet mit einem langen, luftigen Kleid, in der Hand ein paar Tablettenschachteln.

„Der Salat ist schon längst fertig“, sagte Sankhiro, dem die Verlegenheit ins Gesicht geschrieben stand.

Malika folgte ihm in einigem Abstand, blieb in der Küchentür stehen und sagte mit tadelnder Stimme:

„Genosse Sankhiro, was du gemacht hast, ist eine Schande. Eine Riesenschande!“. Dann kam sie näher und stellte sich Angesicht zu Angesicht vor ihm hin. „Warum hast du das getan, hä?“ Sankhiro stand stumm da, den Kopf gesenkt. „Warum vergehst du dich an meinen persönlichen Sachen? Was hast du im Badezimmer gemacht? Ich will es wissen. Den Salat rühre ich nicht an, bevor du mir nicht sagst, was du im Bad gemacht hast. Die Sache wird unter uns bleiben.“

Er blickte sie verlegen an, dann schaute er zum Fenster und sagte mit leiser Stimme: „Ich habe die Hose zur Seite geschoben und das Dessous berührt. Da habe ich gesehen, dass da etwas auf Englisch geschrieben stand. Also habe ich das Dessous von der Tür genommen, um es lesen zu können.“

„Was stand da?“

„Kiss me“

„Und was hast du gemacht?“

„Ich habe es geküsst.“

Malika lachte auf und sagte, die Hand auf Sankhiros Schulter gelegt: „Du bist vielleicht ein Dummkopf, Sankhiro!“

Zum ersten Mal hatte sie ihn nicht „Genosse Sankhiro“ genannt.

„Meine Zigaretten sind alle, hast du welche?“ Er reichte ihr eine Zigarette und gab ihr Feuer. „Bestimmt hast du davon gehört, dass ich in Israel im Gefängnis saß?“

Er nickte und sagte: „Fünf Jahre.“

Malika lächelte und fuhr fort: „Als ich ins Gefängnis kam, nahmen sie mir dieses Dessous weg. Erst nach zwei Jahren stetigen und beharrlichen Insistierens bekam ich es zurück! Ja, es war so, wie ich es dir sage. Dieses Dessous, an dem zu vergreifen du dir die Freiheit nimmst, hat mit mir im Gefängnis gekämpft und gelitten.“

Sankhiro konnte nicht an sich halten und brach in schallendes Gelächter aus.

„Wieso lachst du?“, fragte sie, während Rauchschwaden ihr aus dem Mund quollen.

„Ich konnte ja nicht ahnen, dass es sich um ein Kampfdessous handelt“, antwortete er prustend vor Lachen.

 

 

 

Übersetzt von Rafael Sanchez

 



[1] Mohamed Boudia (1932-1973) war als führendes Mitglied der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) in den Anschlag von München 1972 involviert; er wurde daraufhin in Paris von einem israelischen Spezialkommando ermordet (Anm. d. Übersetzers).

[2] heute Flughafen Ben-Gurion (Anm. d. Übersetzers)

[3] Mit dem bereits aus älterer Zeit stammenden Begriff Fedajin (engl. Schreibweise fedayeen, von arab. fida’iyyin, Pl. von fida‘i ‚der sich Opfernde‘) bezeichnete man Aktivisten und Guerillakämpfer meist links-nationalistischer Gesinnung, die sich in den Jahren und Jahrzehnten nach der Staatsgründung Israels v.a. in den palästinensischen Flüchtlingslagern seiner Nachbarländer (anfangs v.a. Jordanien, später Libanon) sammelten und zum bewaffneten Kampf organisierten (ab 1967 auch im Rahmen der PLO) (Anm. d. Übersetzers).