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10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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RESONANZEN: Ausstellung Mary Baumeisters und des langjährigen Bühnenbildners des ilb - Jakob Mattner

Eine Ausstellung mit den Werken von Mary Bauermeister und Jakob Mattner mag Erstaunen hervorrufen und überzeugt doch als anregende Sicht auf zwei künstlerisch aktuelle Positionen, die mit Resonanzen in den Räumen von 401contemporary, Berlin neu gegeben werden soll.


Mary Bauermeister interessiert der Tag, das Materielle der Prismen-Lichtstrahlen, das Leuchten - Jakob Mattner ist fasziniert von der Nacht, dem Zwielicht, den Zwischentönen. Das Kosmische, der Makro- und der Mikrokosmos - hier lassen sich die Themenwelten beider so unterschiedlicher Künstler vergleichen. Beide interessiert die von der Natur geschaffenen Strukturen, und die Frage nach der Rolle, die der Zufall - als auch der Künstler selbst - bei der Bild- und Formfindung spielt.


Die Natur als Lehrmeister, als Erzieher und Schöpfer ist ein Ausgangspunkt beider Künstler; beide setzen sich mit dem Sehen und den Instrumenten und Materialien des Sehens auseinander: Mary Bauermeister sehr direkt und objektbezogen; in einer Nahsicht werden Staffeleien, Bleistifte, Linsen, Prismen verfremdet thematisiert und als Skulpturen oder Reliefs plastisch umgesetzt, während Jakob Mattner in einer Art Fernsicht das Sehen darstellt, z.B. in seinen „Kamera-Selbstportraits“. Der Mond, die Sonne, das Schwarze Loch, das Universum rückt Mattner in den Focus, der eher in der Ferne, im Universum liegt – während Mary Bauermeister mit ihren runden Linsen noch näher an die Schrift und die Zeichen heranrückt, fast bis zur Unlesbarkeit auf Grund der Nähe.


Mary Bauermeister (geboren 1934 in Frankfurt, lebt bei Köln) war eine der prägenden Figuren der Avantgarde-Szene im Rheinland der frühen 60er Jahre, ihr Atelier ein Zentrum der neuen Künste sowohl in der Musik, wie Kunst oder Architektur, sie konzipierte mit Karlheinz Stockhausen „Originale“ in Köln 1961 und trat neben Hans G Helms und Nam June Paik als „Malerin“ auf. Ihre erste Ausstellung im Stedelijk Museum Amsterdam sowie die erfolgreichen Präsentationen in der Galerie Bonino in New York ab 1964 zeigen die „Malerischen Strukturen“, organische Reihen, geschichtete Steine, aus denen sie kleine wie große Reliefs entwickelte. Ihre Linien-Zeichnungen erinnern an musikalische Partituren wie an Dada-Gedichte, Wort und Bild werden eins, kleine und große Linsen akzentuieren die Bildflächen, die zu Kästen, zu Schränken, ja zu ganzen Räumen wachsen. Staffeleien
und riesige Bleistifte stellen sich selbst verändernd dar, die Objekte erhalten ihr poetisches Eigenleben, die Natur wächst wie die großen Stoff-Bilder. Es sind die Spuren intensiv gelebten Lebens mit ihren Verdichtungen und Öffnungen. Meditativ Musikalisches wird verwebt mit strukturell Strengem, Fließendes mit Natürlichem, große Gärten werden gestaltet wie kleine Zeichnungen als Gedankeninseln.
In ihrem 80. Lebensjahr erlebt sie jetzt auch in Deutschland die Aufmerksamkeit, die sie verdient. Man spürt noch heute eine ungebrochene Kreativität, Lebenslust und Lebenskraft, die ein multifokales Werk hervorgebracht hat, das erst spät, vergleichbar wie bei Meret Oppenheim oder Louise Bourgeois Anerkennung und angemessene Museums- und Galerie-Präsenz findet.

Das Werk von Jakob Mattner (1946 in Lübeck geboren, lebt in Berlin) wird seit der Zeit um 1970 kontinuierlich ausgestellt in Galerien (Carpenter & Hochman New York), Kunstvereinen (Münster „In der Mitte ist die Nacht“ 1980 oder der Kestner-Gesellschaft Hannover 1988), Biennale SITE Santa Fee (1995), Museen („Der Blick in die Sonne“, Wiesbaden, Bremen und Berlin 2005/6) bis hin zum aktuell letzten „Künstler“-Lexikon-Heft, geschrieben von Thomas Deecke 2013. In seinen Licht-Skulpturen spiegeln Glasscheiben geometrische, räumlich erscheinende Schattengebilde auf die Wandflächen. Die zum Teil wandgroßen „Zeichnungen“ wachsen aus den kontrollierten, aber frei
sich entwickelnden Arbeitsprozessen des Schüttens, des Wachsens – Kaffeesatz oder Wasser. Das Verfließen der Formen wird gestoppt, angehalten in einem Gestaltungs-Moment. Assoziationen zu Landschaftlichem, ob Eisflächen, Sanddünen oder Spiegelungen der Baumgruppen im Wasser bleiben doch fast ungegenständlich, offen. Das Changieren zwischen Gegenstand und Struktur, Gesehenem und Erfundenem, Gestaltetem und sich selbst Bildendem (in Annäherung an Friedlieb Ferdinand Runges 1855 erschienene Schrift „Der Bildungstrieb der Stoffe“!) interessiert Jakob Mattner. Das Kommen und Gehen der Bewegung, die dann in einem bestimmten Moment eingefroren ist, das Mobile, das statisch
wird, Das Schwarze, das beginnt zu leuchten - solche kosmischen Momente sind die geistige Grundlage der vielfältigen Arbeiten von Jakob Mattner.


Text: Wulf Herzogenrath


Am 29. Oktober, 18.30 Uhr wird ein Gespräch zwischen Mary Bauermeister und Jakob Mattner, moderiert von Wulf Herzogenrath, stattfinden, in dem die ‚Resonanzen’ zwischen den beiden Künstlern hinterfragt und diskutiert werden.


RESONANZEN


14. September 2013 - 12. November 2013
Vernissage: 13. September 2013, 18 Uhr
Ort: 401contemporary, Potsdamer Straße 81 B, Berlin (Tiergarten)


Ralf Hänsel gründete die Galerie 401contemporary im März 2009 in Berlin mit der Intention, junge Künstler selektiv zu fördern und sie im Rahmen eines generationsübergreifenden Dialogs mit anderen Künstlern zu fordern. Nicht nur junge Künstler werden in diesem Hologramm aus Vergangenheit und Gegenwart inspiriert, sondern die Ausrichtung der Galerie initiiert damit neue künstlerische Interpretationen und Impulse aller Beteiligter. Im Dezember 2010 zog 401contemporary von Berlin-Mitte an die Potsdamer Strasse (Berlin-Tiergarten), eines der intensivsten künstlerisch-kreativen Gebiete im Berlin der 20er Jahre und heute wieder ein Epizentrum der Berliner Kunstszene.
www.401contemporary.com