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10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Lila Azam Zanganeh: Auszug aus "The Enchanter: Nabokov and Happiness" - Warum dieses oder überhaupt ein Buch lesen?

Lila Azam Zanganeh: Auszug aus "The Enchanter: Nabokov and Happiness" - Warum dieses oder überhaupt ein Buch lesen?

c. Hank Gans 2013

Es graut mir schon immer vor dem Lesen und vor Büchern. Trotzdem steuere ich geradewegs darauf zu, die Geschichte einer Handvoll Bücher zu erzählen, die meine Geschicke gewendet haben. Die Abenteuer, die sie mir beschert haben, waren voll und ganz erfundene. Oder zumindest waren sie das zu Beginn. Sie erforderten keine Besuche bei zurückgezogen lebenden Amazonasstämmen oder den Bewohnern eines entlegenen alten Russlands. Sie forderten keinen Tribut an faule Füße oder mimosenhafte Mägen.

 

So kam es, dass ich eines späten Nachmittages in einer nordamerikanischen Ostküstenstadt war und unter einer glockenförmigen Lampe auf einem Aufblassofa faulenzte. Der Frühling draußen war noch jung. Es war bewölkt und kalt. Bald würde die Nacht ins Wohnzimmer gekrochen kommen. Ich war gerade im Begriff, über einen auserwählten Text nachzudenken, als – nun ja, an diesem Punkt tauchten schon erste Schwierigkeiten auf.

 

Der unwiderstehliche Wunsch, einzuschlafen. Es wäre ein ziemlich abwegiger Drang, sich dagegen zur Wehr zu setzen, daher bevorzuge ich es persönlich, mich zu ergeben, und zwar besser früher als später.

 

Nach einem kurzen Anflug von leichtem Schlummer mit offenen Augen sammelte ich mich. Bald dehnte ich mich träge, stand auf, beschnupperte eine Mandarine, kreiste auf mehreren zufälligen Suchrouten durch den Raum, tat, als sinniere ich über die Schönheit eines ersten Satzes und landete schließlich widerwillig zurück auf dem Sofa. Dieses Mal, so dachte ich mir, täte ich besser dran, eine aufrechte Haltung zu bewahren. Dann passierte es. Das große Grauen. Die zusammengestauchten Buchstaben des Alphabets waren in beängstigende  Ordnungen verteilt. Einige Stunden zuvor hatte ich mich vergewissert und das Urteil war eindeutig: 1152 Seiten. Horror. Ich hielt in meinem Kopf eine Zeile von Hobbes parat, den ich, in Folge eines allgemeinen Grundsatzes, gewöhnlich nicht vor mir selbst zitiere. „Hätte ich ebenso viel wie andere Leute gelesen, so wäre ich ebenso unwissend geblieben.“* Leider beruhigte mich Hobbes nur für äußerst kurze Zeit.

 

Also nahm ich Ada zur Hand und pflügte mich zunächst durch die seltsamen Sätze auf Seite eins. Nachdem sich die Buchstaben irgendwie zu Worten zusammen gefügt hatten und anfingen, einen Hauch von Sinn zu ergeben, baute sich auch schon die zweite Hürde, die abscheuliche Topographie des Absatzes, vor mir auf.

 

„Dolly, ein Einzelkind, in Bras geboren, heiratete 1840, im zarten und leichtfertigen Alter von fünfzehn, General Ivan Durmanov, den Kommandeur der Yukon-Festung, einen friedlichen Gutsherrn mit Ländereien in den Severn Tories (Severniya Territorii), jenem tessellierten Protektorat, das immer noch liebevoll «russisches» Estoty genannt wird und so granoblastisch wie organisch in «Russisch»-Canady oder «Französisch»-Estoty übergeht, wo nicht nur französische, sondern auch mazedonische und bayerische Siedler sich unter unserem Sternenbanner

eines halkyonischen Klimas erfreuen.“

 

Himmel! Ein grausamer Irrgarten. Ich knallte das Buch zu. Einige Augenblicke später, nachdem sich ein jäher Schmerz intellektueller Schuld bemerkbar gemacht hatte, schlug ich es wieder auf.

 

Hier und da warteten allerlei Dinge mit Verlockungen für die nächsten Seiten auf. Ein Schmetterlings-Knabenkraut in einem Wald aus altehrwürdigen Kiefern. Sonnensprengsel und bläulich geaderte Flügel gleiten zur Mittagszeit über einen sonnigen Tag, ein glitzernder Morgen grünen Regens. Mit dem Verlangen, zu sehen, las ich weiter, verharrend in den Nuancen, wenn nicht gar den Wendungen der sich entfaltenden Geschichte, die derweil in einen ziemlich wirren Strudel mündete. Aber ich bewahrte die Fassung und las weiter. Literarischen Gerüchten zufolge muss man es bis zur magischen hundertsten Seite schaffen, um ein Romanuniversum bewohnen zu können. Also forcierte ich meinen Weg in die Seiten – nicht ohne bei jedem Wort skrupellos eine Pause einzulegen – sogar dann noch, als ich  mich bei dem äußerst besorgniserregenden Gedanken erwischte, ich müsse so gut wie alles davon in mich aufnehmen (eine unverwüstliche Obsession).  An dieser Stelle muss ich zugeben – wahrscheinlich ist das nun ohnehin schon klar –, dass ich nie ein unersättlicher Leser gewesen bin, beziehungsweise gar nicht in der Lage dazu wäre, es zu sein. Sobald ich ohne Innehalten Satz nach Satz absolviere, werde ich von einem derartigen Gefühl der Panik gepackt, dass ich mich oft dabei ertappe, jede Zeile mehrmals zu lesen, bevor ich darüber hinweg komme oder gar die Seite umblättere.

 

Zugegeben, so genau zu lesen, wird von den meisten Verordnungen für geistige Gesundheit als unnötige Akribie eingeschätzt. Was soll’s? Emerson, der die Bezeichnung eines unersättlichen Lesers nun wirklich verdient, würde einen solch peniblen Leser wohl als komplett verrückt ansehen. „Wir gehen zu höflich mit Büchern um.“, hat er einst einem Studenten gesagt. „Wir blättern uns durch vier- bis fünfhundert Seiten, nur um ein paar goldene Sätze zu lesen.“ Warum also nicht offenkundig unhöflich mit gerade diesem Schriftsteller, Vladimir Nabokov, umgehen, dem Autor von Lolita, Erinnerung, sprich und Ada oder das Verlagen? Und wo ich schon dabei bin: Warum diese oder überhaupt irgendwelche Bücher lesen? Warum sich selbst mit dem pauschalen Terror von unzähligen ungelesenen Seiten konfrontieren, mit Schwadronen von Wörtern, die uns letztlich ohnehin eine Niederlage bescheren werden, und sei es nur, weil wir gegen die Uhr anlesen?

 

Die Antwort ist in meinen Augen schon immer sonnenklar gewesen. Wir lesen, um die Welt erneut zu verzaubern. Das bedeutet natürlich einen Aufwand, sogar für den geschmeidigeren Leser. Dechiffrieren, in unbekannte Gegenden stapfen, seinen Weg finden durch komplizierte Satz-Atlanten, besorgniserregende Dunkelheit, unvertraute Flora und Fauna. Wer dennoch mit Hilfe von Entdeckergeist und verbissener Neugier durchhält, dem aber wird sich hier und da eine umwerfende Aussicht, der Blick auf sonnenüberflutete Landschaften, glänzende Seelebewesen eröffnen.

 

Um uns auf diese Reise zu begeben, sollten wir vielleicht als erstes erahnen, welche Bücher wir wirklich brauchen oder begehren. In meinem Fall muss es etwas wie Intuition oder auch Schicksal gewesen sein (eine Familienangelegenheit, die später noch erzählt werden soll). Ich bin zumindest davon ausgegangen, Zauberer und Dämonen bei Nabokov zu finden. Schaurige Magie. Den Stoff, aus dem die Märchen sind, „edle, schillernde Geschöpfe mit durchscheinenden Klauen und mächtig schlagenden Flügeln“. Der Rest war, um ehrlich zu sein, wie eine Verliebtheit, ein überwältigendes Gefühl von verbindendem Anderssein.

 

Das hat etwas mit der List einer neuen Sprache zu tun. Einer Sprache, deren Wendungen und Windungen praktisch wie neuerfunden wirken. Man kann diesen Zustand als einen strahlenden Torbogen erleben. Für einen Moment, in dem die Zeit außer Kraft gesetzt scheint, lässt es sich in seinem Licht, in seinem Gift schwelgen. Es ist, als würde man in ein elementares Mysterium eindringen, eine unsichtbare Struktur, plötzlich sichtbar gemacht durch eine Flexion von Wörtern, ein Plätschern von Klängen, die sogar von den trivialsten und wertlosesten Dingen mit einem genauen Ton nachhallen. Ein Flüstern, in dem die Existenz verdichtet ist und das dich überall hin verfolgt.

 

Auf dieser Grundlage eröffnet sich uns dann die Chance, das zu werden, was Nabokov einen „kreativen Leser“ nennt – anders gesagt: ein konspirierender Träumer, der selbst die kleinsten Details der Welt noch wahrnimmt. Als solche, schreibt VN, „stürzen (wir) uns vom Dachgeschoss unserer Geburt in den Tod und wundern uns zusammen mit einer unsterblichen Alice im Wunderland über die Musterung der vorbeiziehenden Wände“. Und weiter: „Diese Beiläufigkeiten des Geistes, diese Fußnoten im Buch des Lebens sind die höchste Form des Bewusstseins.* Der Romanautor ist eine unsterbliche Alice in der realen Welt. In Schüben von Verzücken und Zurückmüssen befähigt ihn seine Inspiration, gleichzeitig Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem einzigen Moment wahrzunehmen und dabei den Kreislauf reiner Zeit heraufzubeschwören. Leise werden die Uhren von diesem Atem hinweggeblasen. Manchmal dürfen wir als Leser dieses Wunder berühren und etwas erfahren, was über öde Allgemeingültigkeit hinausreicht und die geschliffene Logik von linearer Zeit herausfordernd anlächelt. Eine kindliche Eigenschaft, die einen befähigt, sich über Kleinigkeiten zu wundern, die Schwerkraft zu übersehen, und sich in den „irrationalen, nicht logischen, unerklärlichen“ Pigmenten der Schönheit zu ergehen.

 

Um das zu erreichen, könnten wir zunächst versuchen, uns mit wahnwitziger Präzision in die Vorstellungswelt eines Romans zu begeben und das wundersame optische Spielzeug, das uns die Aussichten auf aus Bildern sich entwickelnde Bilder eröffnet, in jeder Nuance entdecken. Denn jedes entgangene Bild wäre eine entgangene Gelegenheit zum Glück. Und wenn wir so durch die Seiten schwirren, werden wir vielleicht auch einen Blick hinter die Bilder werfen können und uns in einer entlegenen Welt wiederfinden – einer Welt, die wir jeder auf seine Art zu träumen aufgefordert sind, und die zugleich der in den Händen gehaltene Roman als auch etwas anderes ist, etwas, was nur noch allein uns selbst betrifft. Dann, und nur dann, werden die Farben und Umrisse unserer neuen Umgebungen sich mit einer Wirklichkeit mischen, die ihre „Anführungszeichen, die sie wie Klauen trug“, verliert. Durch ein Kunststück der Imagination wird dann das Abenteuer des Menschen vervollständigt werden.

 

Auf diesem Weg habe ich die exakte Beschaffenheit von Glück entdeckt. Literatur – und im Besonderen Nabokov – wurde daher nicht zu einer Anleitung, sondern zu einer Erfahrung von Glück. VN hat sie mit seinem sprachlichen Genius und seiner begnadeten Dreisprachigkeit lebendiger als jeder andere Autor in mir wachgerufen.

 

Glück in Abhängigkeit von Vladimir Nabokov zu zelebrieren, einem Autor, der so oft mit moralischer und sexueller Malaise assoziiert wird, das könnte natürlich erst einmal gestört erscheinen. Dennoch bin ich überzeugt davon, dass er der große Schriftsteller des Glücks ist. Und mit Glück meine ich nicht einen allgemeinen Zustand von berauschendem Wohlgefühl und Befriedigung (denn sind nicht eigentlich nur Kühe in diesem Sinn zufrieden?). VNs Glück ist eine einmalige Art zu sehen, zugleich staunend und habsüchtig, in anderen Worten: eine Möglichkeit, die hellen Partikel, die um uns die Luft vibrieren lassen, einzufangen. Dies ist Teil seiner eigenen Definition von Kunst als Neugier und Ekstase, einer Kunst, die uns zur erhebenden Betätigung des Bewusstseins anregt. Nabokov erzählt uns, wie aus dem zuckenden Dasein der Dinge Funken geschlagen werden können. Überall kann Licht entdeckt werden. Dafür wird bloßes glückseliges Herumzuglotzen nicht ausreichen. Es geht darum, durch das Prisma von Sprache und Wissen – beides im gesteigerten Maße – Licht wieder zu gewinnen. Dieses Wissen n-ten Grades enthält „perfekte Glückseligkeit“. Denn damit verwandeln wir nüchterne alltägliche Vorkommnisse in einmalige Überraschungen, die mit unendlicher Raffinesse und außerordentlicher Intelligenz begabt sind. Und zum Glück ist der durchsichtige Quell des Mikroskops in der Nabokov’schen Landschaft so gut ersichtlich versteckt, dass wir in jedem Augenblick in Versuchung geraten können, hindurchzuspähen.

 

Übersetzung

Astrid Kaminski

 

Die Passagen aus Ada oder das Verlangen sind gemäß Vladimir Nabokov: Ada oder das Verlangen, Deutsch von Uwe Friesel, Marianne Therstappen und Dieter E. Zimmer, Rowohlt 2010, zitiert.

Die mit * gekennzeichneten Passagen wurden hier unabhängig vom ursprünglichen Kontext im Sinn des Zusammenhangs übersetzt, da deutsche Fassungen der benutzten Werke bislang nicht vorliegen.

 

Die Lesung "Lila Azam Zanganeh (F/USA): Nabokov und das Glück" findet am 13.09.2013 um 19:30 Uhr im Haus der Berliner Festspiele statt. Hier finden Sie weitere Infos zur Veranstaltung...