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Gespräch mit der syrischen Filmemacherin und Autorin Hala Mohammad/ Radio Bremen

Gespräch mit der syrischen Filmemacherin und Autorin Hala Mohammad

internationales literaturfestival berlin

 

© Hartwig Klappert

 

Radio Bremen/ Nordwestradio - Journal am abend

10. September 2013 18.08 bis 18.30

 

Zu Zeit läuft das Internationale Literaturfestival in Berlin. Zu Gast dort ist auch die syrische Schriftstellerin und Filmemacherin Hala Mohammad. Sie stellte ihren neuesten Dokumentarfilm vor: eine Arbeit über politische Gefangene in Syrien. Ihre aktuellen Gedichte sind schockierend, erzählen in aller Deutlichkeit vom Leiden des syrischen Volkes.

Hala Mohammad ist gegen jede Intervention in Syrien, hält an der Idee der friedlichen Revolution fest und bleibt dabei:  das Regime muss beseitigt werden. Ihre Positionen zeigen in aller Deutlichkeit, wie komplex die gesamte Problematik ist.  Am Rande des Festivals hatte unsere Kollegin Silke Behl Gelegenheit, mit Hala Mohammad zu sprechen.

 

Hala Mohammad: Syrien muss am Leben bleiben. Das Regime muss zusammenbrechen. Dieses KRIMINELLE Regime muss zusammenbrechen. Stellen Sie sich eine Regierung vor, die im eigenen Land nicht für Frieden sorgen kann. Die den Wunsch nach Veränderung nicht respektiert. Und die nur eine Lösung kennt: Gewalt und das Töten derjenigen, die für den Wandel und für die Menschenwürde eintreten. Ich glaube, es liegt doch auf der Hand: nach 42 Jahren unter ein und demselben Regime hat das Volk ein Recht auf Veränderung. Ich weiß nicht, warum das unmöglich sein soll. Warum wir nicht wie in jedem anderen zivilisierten und demokratischen Land unsere eigenen Entscheidungen treffen dürfen. An unserer Zukunft arbeiten dürfen. Unsere eigenen Hoffnungen  haben dürfen. Ein Regime, das uns umbringt, wollen wir nicht mehr. Wir wollen die Extremisten von Al Qaida -  die jetzt im Norden Syriens sind -   nicht mehr. Wir wollen keine Einmischung von Außen.

Wir hätten den Wandel alleine geschafft. Mit unserer Revolution. WENN keine Einmischung von Außen gewesen wäre. Von Russland….Iran…von der Hisbollah….von China. Und wenn das Schweigen Europas nicht gewesen wäre.  Drei Jahre schon dauert das Töten in Syrien.

Und die friedliche Revolution. Die Welt hat zugeschaut. Als dann daraus eine bewaffnete Revolution wurde, änderte sich plötzlich die internationale Meinung. Man sagte: „Hach – es gibt Terrorismus in Syrien?!“

Aber während der friedlichen Revolution – und sie war fantasievoll, künstlerisch….alle Leute kamen auf der Straße zusammen, um zu zeigen, dass sie Freiheit wollten – da half uns niemand. Wir haben das Recht zu träumen. Ohne Einmischung von Al Qaida, ohne Raketen.

Und ohne Hilfe der Amerikaner, die uns sagten: „das schafft ihr nicht, wenn wir nicht eingreifen!“

Wir hätten das geschafft, wenn niemand von Außen das Regime unterstützt hätte. Jetzt ist es zu spät.

Und die Welt ist verpflichtet, Syrien dabei zu helfen, die Freiheit zu erlangen. Das Regime los zu werden. Und Al Qaida loszuwerden, die sich einmischen, aber nicht von Innen kommen und nichts mit der syrischen Identität zu tun haben.

 

Silke Behl: Die Syrer sind sehr kultiviert. Wir wissen das aus der syrischen Literatur und aus den Künsten. Sie selbst sind eine berühmte Autorin. Ihr Mann ist in der gesamten arabischen Welt als Regisseur bekannt. Sie sind auch Filmemacherin. Wir lässt es sich genauer erklären….warum es in den letzten 42 Jahren unmöglich war, die Probleme von Innen heraus zu lösen?

 

Hala Mohammad: Wir sind ein sehr friedliebendes Volk. Wir verteidigen unsere Ziele mit Ideen, Träumen, Forderungen…mit unserer Arbeit. Auch der künstlerischen. Wir machen das sehr ernsthaft und mit großem Enthusiasmus. Lösungen gab es trotzdem nicht – denn das Regime wurde von einer gigantischen Medienmaschine gestützt. Seit 42 Jahren gibt es den Machtapparat der Armee und der Sicherheitsdienste, die das Regime gegen das Volk verteidigen. Es durfte keine unabhängigen politischen Parteien geben. JEDE unabhängige Bewegung war verboten. Dabei ist Syrien voll von fantastischen Dichtern, Filmemachern, Malern – wie jede Zivilisation. Und wie jede Zivilisation wollen wir unser Leben auf unsere eigene Art gestalten. So, wie WIR leben wollen. Wir wollen den Wandel. Wir machen den Wandel. Wir sind der Wandel. Und wir sind friedlich. Das Regime nicht. Das ist nur friedlich, wenn es überall still ist. Wenn keiner Veränderung will. Wenn man dieses korrupte Regime loswerden will, dann wird es gefährlich.

In den letzten drei Jahren zählen wir: 7 Millionen syrische Flüchtlinge. 2 Millionen davon sind im Ausland. 5 Millionen sind heimatlos im eigenen Land. Wir zählen 500.000 Märtyrer und 300.000 politische Gefangene. Jeden Tag gibt es Angriffe, Morde, Raketen. Jeden Tag gibt es Übergriffe von Al Qaida. Wir sind die Opfer - und absolut machtlos. Denn auf der einen Seite steht die extremistische Regierung, auf der anderen seit einem Jahr Al Qaida.

 

Silke Behl: Wo kommen die her?

 

Hala Mohammad: Aus dem Irak – einem Freund des Regimes (Al Maliki kommt aus der Grenzregion des Irak)… Aus der Türkei…. Von überall. Das Regime hat Al Qaida-Extremisten aus den Gefängnissen entlassen. Und um ehrlich zu sein: Auch die Gewalt macht aus Menschen Extremisten. Seit drei Jahre leben wir unter extremsten Bedingungen. Hoffnungslos. Es gibt vielleicht viele, die jetzt extreme Positionen einnehmen, weil sie das Gefühl haben, sie müssten sich für das rächen, was ihnen angetan wurde.  Wir müssen eine Lösung finden, bevor die Menschen noch hoffnungsloser werden.

Wenn Sie kein Brot haben, keinen Strom, kein Wasser – wenn die elementarsten Bedürfnisse nicht mehr gedeckt sind – dann werden Sie ein Stück weit zum Tier. Ich hab so viel Angst um mein Land! Wirklich, so viel Angst!

Ich kenne die Syrer. Dieser Krieg entspricht uns in keiner Weise. Wir stellen uns vor, den Weg Gandhis noch einmal gehen zu können. Aber die Welt hat sich verändert. Sie akzeptiert keinen Gandhi mehr. Deswegen kann heute vor den Augen der Weltöffentlichkeit getötet werden. Und dann sagen sie noch: „Oooh!“ ….“töten sie mit chemischen Waffen oder mit Raketen?“ Es spielt keine Rolle mehr, DASS wir sterben. Es geht nur noch darum, WIE wir sterben. Das ist unglaublich. Für mich ist die ‚Rote Linie’ das einzelne Menschenleben. Nicht die Strategie des Tötens. Nicht die Politik. Es geht um Menschenleben….und um die Sicherheit für die Familien in ihren Häusern. Das ist MEINE rote Linie. Ich wünsche mir: Elektrizität für alle. Brot. Wasser. Aus der Erde sollen Blumen wachsen, keine Grabsteine. Ich wünsche mir, dass kein Land bombardiert wird. Zu keiner Zeit.

 

Silke Behl: Ich glaube, es gibt in Syrien eine Menge wichtiger Stimmen. Schriftsteller, Filmschaffende, Künstler. Und Sie sagten gerade, in den letzten 42 Jahren hat das alles nichts gebracht. Alle hatten die Ideen von Demokratie, von Menschenrechten. Ich würde das so gern verstehen. Zunächst einmal: wer verhinderte eine demokrastische Entwicklung? War es wirklich nur der zu starke Einfluss von Außen?

 

Hala Mohammad: Die syrische Gesellschaft ist ein Mosaik vieler Ethnien, die seit langer Zeit gemeinsam in Syrien leben. All die unterschiedlichen Religionen, all die unterschiedlichen Zivilisationen haben es in diesem Land geschafft. Es gibt viele Sprachen. Wir sprechen sogar Armäisch, die Sprache von Jesus Christus. Aber ich verstehe nicht, wie die Politik mit der Sprache umgeht. Wie sie mit dem  Willen des Volkes umgeht. Ich mag ihren politischen Diskurs nicht. Ich vertraue ihm nicht. Ich verstehe ihn auch  nicht. Sie treten allein für ihre Interessen ein, nicht für die Wahrheit. Als Schriftstellerin glaube ich an die Wahrheit. Und an den Wandel. Es ist unmöglich, etwas Starres zu akzeptieren, dem wir uns wie Sklaven unterordnen müssen.

Das ist gegen die Menschenwürde.

Ich weiß nicht….solange wir denken können, gibt es Israel. Und die besetzten palästinensischen Gebiete. Und die USA, die israelische Interessen schützen. Es gibt niemanden, der unsere Interessen schützt. ….Und so lange wir denken können, sind wir mit den internationalen Freiheitsbewegungen verbunden. Aber wo sind die jetzt? Ich habe das Gefühl, sogar im demokratischen Europa können die Menschen keine Veränderungen mehr herbeiführen.

Wir leben gemeinsam in einer globalen Welt. Sind untrennbar miteinander verbunden. Syrische Probleme sind auch deutsche Probleme. Oder französische Probleme. Die gegenwärtige ökonomische Krise in Europa lässt mich denken: Mein Gott, sie brauchen immer noch Sklaven. Das wundert mich. Warum machen wir das mit? Als Stefan Hessel gesagt hat „EMPÖRT EUCH!“ – das war ein Alarmzeichen. Diktatoren waren immer jedermanns Freund in Europa. Und dann kommt der Tag, wo sie jedermanns Feind werden. Ich versteh das nicht. Und ich mag das nicht.

 

Silke Behl: Das ist ein sehr starkes Statement. Sie wollen den Diktator loswerden. Sie wollen Demokratie. Sie wollen keine Intervention von Außen. Was erwarten sie von Europa – um nicht von Amerika zu reden?

 

Hala Mohammad: Ich bin nicht gegen Amerika. Die amerikanischen Menschen sind großartig. Und die Europäer stehen für große Zivilisationen. Vielleicht bin ich schizophren, weil ich von einer Idee rede und dann gleich den Kontrapunkt bringe. Aber in dieser Situation ist man verpflichtet, Argument und Gegenargument auf den Tisch zu bringen. Es ist wichtig, alle Aspekte der Realität in Augenschein zu nehmen. Wissen Sie: Sie sollten nicht den Zusammenbruch Syriens unterstützen. Sie sollten das nicht akzeptieren. Jeder weiß, dass die Menschen in Syrien keine Terroristen sind. Und keine Al Qaida-Anhänger. Jeder sagt: die kommen aus dem Ausland. Jeder sagt: das Regime ist diktatorisch. Und wir haben das Recht auf eine Gesellschaft, so wie wir sie haben wollen.

Offen gesagt: Der Demokratie-Begriff verkommt auch ein bisschen zum Klischee. Was heißt das denn? Ich möchte nicht, dass wir die orientalische Lebensart verlieren. Die orientalische Lebensart ist voller Gefühl. Und wir haben noch Zeit. Wir sind nicht so gestresst. In Europa hat niemand mehr Zeit. Im Orient schon. Da ist die Zeit sehr großzügig. Ich wünsche Ihnen viel Zeit! Und wünschen Sie uns Freiheit!

 

Biographien:

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