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10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Wir ahnten nicht, wie wenig wir wussten! Das Internationale Literaturfestival: Zehn Jahre Wunder

„Auf die Erde, fällt freudig, wenn sie reif ist, die Frucht. Und das Gedicht aufs Papier: Leise pirscht es sich an, ergreift den Stift, schreibt sich nieder und verschwindet.“ Wie im Gedicht, das der am 14 Mai dieses Jahres verstorbene syrische Lyriker Fuad Rifka 2004 auf dem Internationalen Literaturfestival (ilb) vortrug, pirschte sich auch das ilb an Berlin heran. Plötzlich war es da wie eine Erscheinung.

Zumindest durfte es dem Kulturkonsum-verwöhnten Publikum im Lärm der Events so vorkommen. Als die Eröffnung im Juni 2001 mit einem maßstabsetzenden Redenmarathon stattfand, lagen freilich Vorbereitungswirren von mehreren Jahren hinter dem Förderverein und der Peter-Weiss-Stiftung. Die „Wettervorhersage für Utopia und Umgebung“, so der Titel des dort gehaltenen Vortrags von Charles Simic, einem in Serbien geborenen Amerikaner, umriss prophetisch-poetisch das künftige Programm. Nichts Geringeres als die ganze Welt und ihre Vorstellungen, ihre Sandstürme und Sommerwolken, hielten Einzug im Himmel über der Stadt.
Soviel Pathos muss sein. Von Anfang an haftete das Attribut des Größenwahnsinnigen dem Festival an - und sein Impresario Ulrich Schreiber tat alles dafür, die Kritik an der unübersichtlichen Fülle in massenhafte Bewunderung zu verwandeln. „Die Überforderung“, versprach Joachim Sartorius bei der Eröffnung des 6. Ilb in seiner immer eleganten Lakonie, „bewirkt ab einem bestimmten Punkt des Loslassens eine gewisse Entspannung“. Voraussetzung dafür ist die zuverlässig hohe Qualität aller, aber wirklich aller Autoren und Veranstaltungen des ilb. Ganz gleich wohin man sich verirrt, man ist nie verloren. Fließbandtexte von Fernsehmoderatoren die andernorts Fußballstadien füllen, modischer Trash aus dem Sortiment der Bestsellerlisten, kommerzielle Lebenshilfesurrogate oder populistische Boxring-Slams sucht man hier vergebens. Das einzige Kriterium, nach dem Uli Schreiber und seine Berater die Autoren auswählen, ist die Güte von guter Literatur.
In der Güte steckt die unausgesprochene Selbstverständlichkeit, dass alle gute Literatur eine Verantwortung für die Menschlichkeit, ein im weitesten Sinne politisches Gewissen enthält. Sie „gehöre immer zu den Dissidenten“ sagte die Anekdotensalven sprühende Isabel Allende dazu. Nicht nur in den Eröffnungsreden von so moralischen Überinstanzen wie Aharon Appelfeld, David Grossman, vom damaligen UN-Bauftragten Sashi Tharoor bis zur bezaubernden Aktivistin Arundhati Roy, nicht allein in den dezidiert politischen Diskussionsforen der Reihe „Reflections“, nein, in jeder Fiction, jedem Gedicht, jeder Hommage an die Schönheit und Ausdruckstiefe der Sprachen, ja, noch in der albernsten Geschichte wohnt die Möglichkeit, uns zu besseren Menschen zu machen. „Die Leserin ist die Spitze der Zivilisation, weil sie durch Romanlektüre gelernt hat, sich selbst mit den Augen anderer zu sehen“, erklärte Nancy Huston in ihrem Eröffnungsvortrag von 2008.

Die Verehrung für Schriftsteller ist leise. Selbstredend gibt es beim ilb auch Poetry-Nights, bei denen es gerne mal rhythmisch laut und heftig werden darf, und bei der ansehnlichen Reihe an Prominenten ist die Ansturm der Fans nicht immer mit andächtiger Stille verbunden. Nobelpreisträger wie Kenzaburo Oe, Nadine Gordimer, Doris Lessing, Mario Vargas Llosa, potentielle Anwärter darauf wie Ko Un oder die inzwischen leider auch verstorbene Königen der Poesie Inger Christiansen mit ihrer aus den Fugen geratener Mengenlehre traten vor dem puristischen Bühnenvorhang von Jakob Mattner auf. Jane Birkin hauchte Reminiszenzen an Serge Gainsbourg, die schottische Hardcore-Liebesromanikerin AL Kennedy spöttelt über sich selbst als „lesbische Beerdigungsunternehmerin“, der portugiesische Grandseigneur Antonio Lobo Antunes stimmt den postkolonialen Schuldchor an, der flusenhaarige Freigeist Michael Ondaatje brummelt wortkarge Mhmms, der Exzessiv-Dichter Chuck Palahniuk lässt wissen, dass er Rauchen irgendwie spirituell findet und der sekttrinkende Ire Matthew Sweeney bringt an einer Imbissbude den Lärm eines Rollenkoffers zum klingen.

Bestenfalls wird man von gänzlich Unbekanntem überrascht. „Erstaunt Euch!“ könnte das Motto des ilb in Abwandlung von Stephané Hessels Manifest („Empört Euch!“, und als aktuelle Folge „Engagiert Euch!“) lauten. Am spannendsten ist das Festival immer dann, wenn es die Weltstars von morgen präsentiert. Colum McCann, Alexandar Hemon, Tim Parks, Monica Ali, Kamila Shamsie, Sayed Kashua, Safran Foer Kazuo Ishiguro, Peter Carey, Jonathan Lethem, Nicole Krauss, Antje Krog, Frederic Beigbeder, Vikram Seth, Frank McCourt, Joshua Ferris, Khaled Al Khamissi oder die finnisch-estnische Fegefeuer-Feministin Sofi Oksanen, sie alle waren da neben Autoren, deren Namen sich man beim besten Willen nicht leicht merken kann. Aber wer weiß, was man von Rattawut Lapcharoensap, Natalia Sniadanke, Nicolta Esinencu oder Aka Morchiladze noch hören wird? Von kaum einer der unzähligen Veranstaltungen des ilb geht man als Besucher nach Hause, ohne die Lust auf unverzügliches mehr und weiter selber Lesen mitzunehmen.

Ein entscheidendes Wohlfühlmoment im scheinbar anarchistischen Gewusel der Gleichzeitigkeiten ist die entspannte Atmosphäre. Keiner der wohl über Tausend eingeladenen Autoren, der nicht die perfekte Organisation, die warmherzige Betreuung, den Wein und die anregende Aufgehobenheit lobt und das ilb folgerichtig zum Beste aller Literaturfestivals der Welt erklärt. „Nicht jeder hat das Glück, solch ein Festival zu haben, das Schriftsteller aus der ganzen Welt einlädt, alle Genres mischt, auf derselben Bühne Poesie und Reflexion, Tag und Nacht, Sonne und Mond anbietet“, schreibt der in Frankreich lebende Abdourahman A. Waberi aus Dschibuti. Dabei zu sein, bedeutet ihm, „zu wissen, dass unsere Welt sich rund dreht“. Dieses Glück können wir Besucher mit ihm teilen.

Ein weiteres, nicht unterschätzbares Wunder des ilb ist, dass es nach zehn Jahren Erfolgsgeschichte nicht die Bohne etabliert wirkt. Es hat weder seine Unübersichtlichkeit noch den vielbeschworenen Charme des Chaotischen eingebüßt. Hinter der scheinbar ausufernden Programmopulenz verbirgt sich die Empathie des Entdeckens. Und was soll überhaupt Überblick, wenn es darum geht, sich verzaubern und entführen zu lassen in andere Welten? Die hochinfektiöse Begeisterung geht von der Person Uli Schreibers aus.
Nietzsches Dictum „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können“, könnte auf ihn gemünzt sein. Seine Neugier auf fremde Literaturen und immer neue Autoren ist so unstillbar wie bewundernswert: „Wir ahnten nicht, wie wenig wir wussten.“ Mit diesem weitherzigen Demutsbekenntnis eröffnete Schreiber das ilb von 2008 mit seinem Fokus auf Afrika. Dasselbe hätte er zum den Schwerpunktthemen arabischer, asiatischer, lateinamerikanischer, ach, aller Literaturen sagen können. Und uns immer mit einer ungeahnten Vielfalt an Entdeckenswertem davon überzeugt.
Mit seiner unwiderstehlichen Leidenschaft steckt er alljährlich seine Heerschar von Praktikantinnen und Volontäre an – ihre Bühnenparade zum Festivalauftakt ist mittlerweile zum Markenzeichen geworden - , damit gewinnt er unkonventionelle Sponsoren, deren Unterstützung zum Graus der Buchhalter auch aus Naturalien bestehen können, damit gelingt es ihm, dass die Kulturpolitiker ihn nicht mehr ignorieren können und sich zum Grußwort einfinden. Dabei ist die Literatur an sich ein gar unglamouröses Gewerbe. Beim ilb gibt es keine glanzvollen Empfänge, keine schicken Parties, keine VIP-Galas. Ein Tisch, ein Stuhl, ein Wasserglas, was braucht es schon für eine Lesung. Einen Erzähler, einen Zuhörer. Einen Übersetzer, einen Schauspieler, einen Moderator vielleicht noch und zur Einstimmung ein paar verdrehte Tonleitern vom Akkordeonspieler Aydar Gaynullin („Geschenk des Mondes“), ein lyrischer Cluster des sibirischen Gitarristen Alexej Wagner oder der schlichte Gong vor der konzentrierten Stille.

Nach vierjährigem Nomadentum vom Kreuzberger Hau bis zu den morbiden Sophiensälen in Mitte fand das ilb 2005 im Haus der Berliner Festspiele ein institutionelles Dach. Die schäbig gewordene Glas-und Wachbetonbude der ehemalig Piscator’schen Freien Volksbühne von 1963 im inzwischen verödeten Berliner Westen erwies sich als Glücksfall, nicht nur wegen seines literaturaffinen Hausherrn. Die parallel bespielbare Haupt- und Nebenbühne, das unwirtliche obere und untere Foyer mit seinen Polsterquadern und den modisch ungemütlichen Tresen sind die ideale Hülle, um mit dem vielstimmigen Flüstern von Versprechungen gefüllt zu werden. Die zum „Café Nabokov“ euphemisierte Stehbar füllt sich in unausgesprochenem Trotz mit dem Leben derer, die in Geschichten eine Heimat finden.
Die anderen gehen ins Zelt. Das ist der Sofa-Bereich für die Autoren, die Mitarbeiter, die Gäste und solche, die unverfroren genug sind, sich selber einladen. Dort pocht das heimliche Herz des ilb. Auf durchgesessenen Plüschmöbeln aus dem Theaterfundus wird Sponsorenwein und Kaffee getrunken, hier werden Heiratsanträge gemacht und Erzählungen geschrieben, die nie publiziert werden. Hier hält Eliot Weinberger Hof, bis der Tango beginnt, und die nur „ein bisschen dominante“ Isabel Allende führt ihren Gatten vor, der gerade einen Kriminalroman verfasst hat. Schönheit und Macht, Erfolg und Reichtum zählen hier nichts, hier feiert sich die klassenlose Gesellschaft der Literatur, in der es kein Privateigentum an Zigaretten und Visionen gibt. Dies ist der Geist des Internationalen Literaturfestivals. Es ist ein sagenhaftes Geschenk an uns alle. Zehn Jahre Wunder!


Von Sabine Vogel

 

Der Text ist erschienen im "Buch der Berliner Festspiele", das zum 10-jährigen Jubiläum der Intendanz von Joachim Sartorius erschienen ist. Herausgeber: Berliner Festspiele, 2011.

 

"Nous n’avions aucune idée du peu que nous savions ! Le festival international de littérature de Berlin : dix années prodigieuses" (pdf)