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10.ilb - 15.09 bis 26.10.10 - Focus Osteuropa
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Aufruf zur Solidarität mit den tunesischen Künstlern

von Hind Meddeb / übersetzt aus dem Französischen von Suzanne Pradel

 

Die Kinder der tunesischen Revolution vom Dezember 2010/ Januar 2011 sind zurzeit eindeutig das Ziel einer systematischen Unterdrückung in Tunesien. Der am 23. Oktober 2011 gewählten tunesischen Regierung ist es gelungen, Frankreich, Europa und den Rest der Welt davon zu überzeugen, dass sie Demokraten sind. Die Geschehnisse, die sich in den vergangenen Wochen in Tunesien abspielten, beweisen allerdings das Gegenteil. Es ist unsere Aufgabe, Alarm zu schlagen. Wenn die internationale Öffentlichkeit und die europäische Politik nicht reagieren, riskiert Tunesien, den Übergang in eine Demokratie zu verpassen.

Die revolutionäre Jugend, die über den demokratischen Übergang wacht, indem sie sich gegen jedwede Einschränkung der Freiheit wehrt, ist das Ziel der islamischen Kräfte: Diese Jugend wird bedrängt, verhaftet, eingesperrt, von der Justiz verfolgt. Der ganze Unterdrückungsapparat ist mobilisiert worden, um sie daran zu hindern, sich frei zu äußern. Diese Jugend setzt sich aus ganz normalen Bürgern zusammen, die aus der Mitte der Zivilgesellschaft heraus agieren; außerhalb der Parteien sind sie die Wächter des demokratischen Übergangs. Für diese Jugend sind dunkle Zeiten angebrochen.

Gegen 4 Uhr morgens in der Nacht von Freitag, den 20. September, auf Samstag, den 21. September 2013, wurden der Filmemacher Nejib Abidi, der Tonmeister Abdallah Yahya, der Komponist und Jazzmusiker Slim Abida, der Pianist Mahmoud Ayed, der Klarinettist Skander Ben Abid sowie zwei Künstlerfreunde und Studenten in Nejib Abidis Haus im Lafayette-Viertel von Tunis festgenommen. Sie wurden ins Polizeirevier Bab Bhar von Tunis gebracht, wo sie zwölf Stunden festgehalten wurden. Wir wissen zurzeit weder, wo sie hingebracht wurden, noch, in welchem Zustand sie sich befinden. Nejib Abidi (29 Jahre) ist Filmemacher und Präsident der gewaltfreien Organisation „Asso Chaabi“ sowie ehemaliges Mitglied der tunesischen Studentengewerkschaft UGET. Er ist bekannt dafür, dass er Position gegen die Regierung von Ben Ali ergriffen hat sowie gegen jene, die ihm seit dem 14. Januar 2011 nachgefolgt sind. Am Vorabend seiner Verhaftung wurde eine von zwei Festplatten, auf denen Schnittmaterial seines in Vorbereitung befindlichen Dokumentarfilms gespeichert waren, aus seinem Haus entwendet sowie die Daten einer anderen Festplatte gelöscht. Diese letzte Verhaftung markiert eine neue Phase der Freiheitsverletzung in Tunesien. Die Polizisten besaßen keinen Durchsuchungsbefehl für Nejib Abidis Haus. Sie gaben ihrem Polizeieinsatz nicht einmal mehr den Anschein von Legalität. Es handelt sich nicht um eine Verhaftung, sondern um eine Geiselnahme.

Wie zu Zeiten von Ben Ali nimmt sich die Polizei nunmehr das Recht heraus, engagierte Bürger ohne jegliche rechtliche Handhabe festzusetzen. Die Partei Ennahda reaktiviert mit Zustimmung der Regierungskoalition das von der Diktatur geerbte Polizeistaatssystem. Anstatt ihre Versprechungen zu halten und den Erwartungen des Volks zu entsprechen, das sich eine Polizei- und Justizreform sowie die Verhaftung ehemaliger Folterer erhoffte, hat die am 23. Oktober 2011 gewählte Regierung der revolutionären Jugend den Krieg erklärt; der Jugend, die den Diktator geschasst hat und dank derer diese Regierung heute an der Macht ist; den Bloggern, Cyber-Aktivisten, Filmemachern, Rappern, die zu Revolutionszeiten dem Volksaufstand ihre Stimme liehen; jenen, die die Ersten waren, die ein Risiko eingingen, um die Sehnsüchte des tunesischen Volks in der ganzen Welt bekannt zu machen, die sich als Feinde der islamischen Kräfte zu erkennen gaben.

Die Hexenjagd hat begonnen. Warum attackiert die erste demokratisch gewählte Regierung Tunesiens ausgerechnet diese Jugend? Weil diese genauso, wie sie die Diktatur Ben Alis kritisierte, systematisch die Fehler der verfassungsgebenden Macht und Troika bemängelt. Diese engagierte, bürgerliche Gemeinschaft gibt Warnungen heraus, dokumentiert und vereint die Stimme derer, die in den einfachen Vierteln leiden. Diese Jugend widersteht der Angst und den Einschüchterungsversuchen des neuen Regimes. Aus all diesen Gründen stört sie.

Zu den Künstlern, die in der Nacht von Freitag auf Samstag verhaftetet wurden, zählt auch Abdallah Yahya, der Regisseur des exzellenten Dokumentarfilms „Wir sind hier“, welcher uns am Alltag der Bewohner aus Jebel Jeloud teilhaben lässt, einem am Stadtrand von Tunis gelegenen Viertel, in dem sich Arbeitslosigkeit, ökonomische Armut und soziale Verwahrlosung konzentrieren. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung war er gerade dabei, die Originalkopie seines nächsten Films „Die Rückkehr“ fertigzustellen, dessen Produzent Nasreddine Shili seit dem 16. August dieses Jahres im Gefängnis sitzt. Er wurde verhaftet, nachdem er bei einem offiziellen Festakt ein Ei als Zeichen des Protests auf den Kultusminister geworfen hatte. Nasreddine Shili ist in Untersuchungshaft und angeklagt wegen der Absicht, eine Verschwörung sowie einen Angriff auf Funktionäre zu organisieren. Ihm drohen wegen Verleumdung, Missachtung und Gefährdung der öffentlichen Moral sieben Jahre Gefängnis.

Von jetzt an versteckt sich die islamistische Regierung nicht mehr hinter dem Anschein der Legalität. Diesen Sommer hat die Justiz zum wiederholten Male bewiesen, dass sie nicht mehr dem Gesetz folgt, sondern dass sie das Werkzeug zur Sicherung der bestehenden Machtverhältnisse ist.

In Wahrheit haben wir es mit politische (Schau-)Prozessen zu tun, die ohne erkennbare Anklage und nicht nach dem Strafrecht verfahren. Dies ist der Fall bei dem am 29. Juni im Gericht von Hammamet abgehaltenen Prozess, bei dem die Richter die Rapper Klay Bbj und Weld El 15 zu einem Jahr und 9 Monaten Haft verurteilt haben; eine Scheinverhandlung, bei der die Künstler nicht einmal vorgeladen worden waren und die somit in Abwesenheit der Angeklagten und ihrer Anwälte ablief.

Warum sind die engagierten Rapper und Filmemacher so gefährlich für die derzeitige Regierung? Weil sie allen Einschüchterungen widerstehen, weil sie dem Volkszorn eine Stimme geben, weil sie eine verstörende Realität bezeugen und weil es ihnen gelingt, das von Tag zu Tag lauter werdende Echo des Widerspruchs zu verbreiten. Sie repräsentieren eine neue politische Kraft, die außerhalb der Parteien heranwächst. Sie haben einen unbestreitbaren Einfluss in den einfachen Vierteln, und sie bringen das wahre Gesicht der Partei Ennahda im Ausland ans Tageslicht. An vorderster Front stehen die Rapper mit ihren Liedern, deren Videos hunderttausend Mal auf Youtube angesehen werden; und die drei zuletzt verhafteten Filmemacher haben bereits ihre letzten Werke als Mittel zur Kritik genutzt und wollten die Kritik bei der Fertigstellung ihrer aktuellen Filmvorhaben noch verschärfen, die auf den Festivals überall auf der Welt gezeigt werden sollten.

Lasst uns die Freiheit für die Filmemacher Nejib Abidi, Nasreddine Shili und Abdallah Yahya, für die Rapper Klay Bbj und Weld El 15 sowie für den Komponisten und Jazzmusiker Slim Abida fordern – normale Bürger und engagierte Künstler, die der freiheitsbeschränkenden Politik der Ennahda widerstehen. Deshalb müssen wir sie unterstützen.

Mobilisieren wir uns zur Verteidigung der Freiheit, um schöpferisch tätig zu sein, zu denken, sich auszudrücken, zu sein, zu leben, so wie jeder es vermag, sodass wir in Freiheit mit all unseren Sinnen, jeder Pore unserer Haut atmen können in einem von Einschränkungen, die die Chancen des Einzelnen und seiner kreativen Energie zunichtemachen, befreiten Tunesien.

 

Unterzeichner des Aufrufs:

Nabil Ayouch, Filmemacher

Karim Dridi, Filmemacher

Golshifteh Farahani, Schauspieler

Yasmine Hamdane, Sängerin

Federica Matta, Malerin

Anissa Daoud, Schauspielerin

 

Hier finden Sie den Aufruf zur Solidarität mit den tunesischen Künstlern als pdf zum Download und Teilen

Der Apppel erschien zuerst am 26.9.2013 unter www.liberation.fr. Hier gelangen Sie zum Originaltext